Dummes Zeug erzählt, trotzdem informiert: So arbeiten Newsreporter

BBC-Reporter Charlie Brooker erklärt anhand eines Beispiels, wie ein Nachrichtenfeature fürs Fernsehen aufgebaut ist. Der Zuschauer fühlt sich am Ende des Zweiminüters informiert, selbst wenn man ihm nur Blödsinn erzählt.

Brooker erklärt dabei, welchem Standardmuster Nachrichtenbeiträge in der ersten Person folgen, was hauptsächlich für Nachrichtensender im anglo-amerikanischen Raum gilt.

Hier das “Kochrezept” eines Beitrages:

  1. Anmoderation im Studio
  2. Kamera schewenkt über das Szenario oder zoomt heran (Totale).
  3. Reporter geht auf die Kamera zu, gestikuliert und beendet seinen Soloauftritt mit einer Frage, von der der Zuschauer annimmt, sie würde im Folgenden beantwortet.
  4. Zwischenschnitte ohne Inhalt, während der Reporter berichtet, oft abgeschlossen mit einer Überblendung der wichtigsten Punkte in Schriftform.
  5. Als Lebendbeispiele als nächstes Nahaufnahmen von Menschen auf der Straße, die nicht erkennbar sind, gefolgt von…
  6. sinnlosen O-Tönen ohne jeglichen relevanten Inhalt
  7. Verdeutlichung der Botschaft mit einer Abstraktion, z.B. Hochgeschwindigkeitsaufnahmen.
  8. “Einzelschicksal”: Person, die in der Küche sitzt und Briefe öffnet
  9. Statistiken, um vom Einzelschicksal auf die Masse zu schließen.
  10. Weitere Zwischenschnitte ohne Inhalt, während der Reporter zum Ende des Beitrags hinleitet.
  11. Das Resümee mit dem Reporter im Vordergrund. Die Kamera schwenkt zu einem Symbol und blendet aus.

Die einzelnen Elemente des Beitrags können anders angeordnet sein, je nach Dauer häufiger auftreten oder zum Teil ausgelassen werden. Das Grundgerüst orientiert sich jedoch an diesem Schema.

Und da ihr das jetzt wisst, ist Videojournalismus für euch keine Hexerei mehr, oder?

via Meedia.de

7 Gedanken zu „Dummes Zeug erzählt, trotzdem informiert: So arbeiten Newsreporter“

  1. Tragisch aber leider wahr. Nach 10 Jahren als Journalist hab ich das dann auch aufgegeben, weil wir das echt zu langweilig wurde. Und das Schema passt nicht nur in Großbritannien und im Fernsehen, sondern lässt sich mit kleinsten Anpassungen auf Deutschland und sämtliche Medien übertragen.

  2. Das trifft aber auf alles zu: Fast alle Dinge kann man auf so was “banalisiertes” runter brechen. Was dieses Video offen legt ist, dass die visuellen Inhalte für Nachrichten zu 95% egal sind.

    Super anwendbar ist so was auch auf Politikerinterviews, Presseaussendungen etc. Aber auch viele, viele Werbemaßnahmen uvm.

  3. ubeefour

    Seinerzeit nach meiner 2jährigen Volozeit bei einen TV-Sender war das Medium TV für mich völlig entzaubert. Bis heute bin ich, :)) traumatisiert.

    Doch auch die Zeitung filtert die ankommenden News der Nachrichtenticker und gibt einen nicht repräsentativen, sondern subjektiven, Output.

    Dank der neuen Plattformen a la Twitter (im Normalfall in Echtzeit) und Co. bröckelt dieses Nachrichten(sender)monopol … Doch mit diesen neuen und ungefilterten Informationen und News von Jedermann umzugehen, dazu wird es künftig Medienkompetenz Ola benötigen. Die wäre ja schon jetzt wichtig. Bisher bereitet ja noch immer einer vom Fach die News auf, wenn auch nach Schema-F.

    Lassen wir uns überraschen, what’s next. Weiterhin werden aber noch 90 Prozent TV-Konsumenten übrig bleiben, die den “Etikettenschwindel” nicht bemerken; sie sind ja praktisch so erzogen.
    by/ubeefour/sabineschreier

  4. Irgendwie musste ich spontan an RTL und andere Privatsender denken (und dort die Sendungen die fälschlicherweise Nachrichten genannt werden). Die haben es doch irgendwie geschafft, nahezu nur noch solchen inhaltslosen Mist zu senden.

  5. Charlie Brookers Sendungen heißen übrigens “Screenwipe” (TV-Rundumkritik & Hintergrundinfo) und “Newswipe” (das gleiche mit Fokus auf TV-News). Extrem empfehlenswert, für alle die Kalkoffes Mattscheibe zu blöd, Zapp zu steif, und alle anderen Meta-Medienmagazine zu flach & die Daily Show super finden.

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