Peter Kruse: Social Web ist eine Lawine, die zu Tal donnert (Update)

Peter Kruse, Psychologie-Professor in Bremen, hat die digitale Spaltung wieder entdeckt. Während in den 90ern noch die Befürchtung vorherrschte, Menschen ohne Internet-Zugang würden abgehängt, hat sich die Diskussion gedreht: Heute herrscht offline das dumpfe Bauchgefühl vor, das Netz bedrohe uns mit Gewalt, Kriminalität und Schmutz.

Was hier eigentlich genau passiert ist, wollte Kruse näher erforschen und hat die Ergebnisse seiner Arbeit auf der re:publica in Berlin präsentiert. Seine Diagnose: Die Debatte ums Internet hat sich von einer sachlichen zu einer Wertedebatte verlagert. Der Streit um Stopp-Schilder, Zensur und Datenschutz sei Resultat einer unterschiedlichen Bewertung identischer Fakten, je nachdem, aus welchem Blickwinkel sie betrachtet werden. Zwei verschiedene Wertewelten stoßen hier aufeinander, was er durch umfangreiches Zahlenmaterial aus Befragungen belegen kann.

Besonders spannend war die zweite Hälfte seines Vortrages, die er mit „Verschiebung der Machtverhältnisse“ überschrieben hat. Anschaulich beschreibt er, wie die Macht von wenigen auf die Masse übergeht, allein dadurch, dass das Internet zur Verfügung steht. Während sich Protestler früher mühsam vernetzen und mediale Wege für ihren Protest suchen mussten, fungiert das Netz heute wie eine Maschine, die nur darauf wartet, dass man Protest hinein wirft, um diesen dann zu multiplizieren.

Als Beispiele nennt er die erfolgreiche Online-Petition von Franziska Heine gegen Netzsperren, aber auch Kampagnen wie z.B. die Anti-Nestlé-Kampagne von Greenpeace, die dazu führte, dass die Sympathie der Marke Nestlé um mehr als 5% sank. Verbraucherboykotte haben den Ruf, schnell zu verpuffen – oder boykottiert noch irgend jemand Handys von Nokia? Kruses Zahlen sprechen eine andere Sprache: Unter Dauerkritik stehende Discounter und Drogerieketten büßen trotz aggressiver Preissenkungen und Erhöhung der Werbeetats an Umsatz ein und die „Uni brennt“-Proteste führten zu Plänen, das BAFöG zu erhöhen und die Hochschulreformen zu entschärfen. Kruse sieht hier eine Lawine ins Tal donnern, die Politik und Wirtschaft einholen wird.

Die Folien zum Vortrag können u.a. bei Carta genauer angesehen werden. Update: Mittlerweile gibt es vom Vortrag ein Video:

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