Die 10 besten und schlechtesten Bezahlmodelle: So kann Paid Content funktionieren

Es wird ernst: Die Medienbranche liegt am Boden, nimmt vor allem über das Web zu wenig ein, und will jetzt endlich Geld verdienen. Die Zeit der kostenlosen Inhalte neigt sich offenbar dem Ende entgegen. Während viele Online-Magazine in den USA darüber nachdenken, ausgesuchte Meldungen in Kürze nur noch zahlenden Kunden zur Verfügung zu stellen, setzen andere auf freiwillige Zahlungen. Vorreiter scheint dabei das Modell Croudfunding zu sein.

Wir haben einige Angebote und Modelle zusammengefasst, die in den letzten Tagen kursierten, und sie hier auf ihre Chancen und ihre Attraktivität hin eingeordnet. (Beiträge von Mashable, Spiegel Online, Meedia, Facebook und Read Write Web.)

10. und letzter Platz: Premium-Content für eine monatliche Gebühr
Unter anderem Xing und ElitePartner sind recht erfolgreich mit dem Modell, Grundfunktionen kostenlos anzubieten, für den vollen Funktionsumfang aber eine monatliche Gebühr zu verlangen. Für die meisten anderen Webangebote zeigen sich diese Vorteile nicht. Kunden reichen die Grundfunktionen, oder sie suchen woanders nach ähnlichen Diensten, die kostenlos sind. Die kostenpflichtigen Extra-Funktionen müssen also wirkliche Vorteile bringen und nirgendwo anders zu finden sein. Ein Modell, das sich deswegen bei journalistischen Portalen kaum sinnvoll anwenden lässt. Exklusive Storys gibt es zu wenige, als dass ein Nachrichtenportal davon leben könnte. Wer Beiträge kostenpflichtig macht, die die Leser anderswo kostenlos finden können, der schneidet sich damit ins eigene Fleisch.

Platz 9: Banner-Werbung und Affiliate
Werbung über Banner, zum Beispiel mit Google Adsense, ist inzwischen zum Standard für Content-Portale geworden. Damit lassen sich bei geringen Besucher- und Leserzahlen wirklich nur “lausige Pennys” verdienen, bei mehreren zehntausend Besuchern am Tag aber durchaus ganz ordentliche Einnahmen erzielen. Nur: Dort erst einmal hinkommen. Höhere Einnahmen aber auch mehr Aufwand versprechen direkte Werbepartner. Provisionsmodelle über Affiliate können ebenfalls bei gezielt ausgesuchten Programmen und hohen Leserzahlen zu guten Zusatzeinnahmen führen. Sich aber allein über Werbung zu finanzieren – das schaffen viele Content-Betreiber nicht.

Platz 8: Provisionen über Verkäufe Dritter
MySpace und Facebook kassieren Provisionen über Verkäufe auf ihren Plattformen. MySpace zum Beispiel über Ticketverkäufe der Event-Plattform Eventim, die eine Seite auf MySpace betreibt. Auch der T-Shirt-Shop Spreadshirt ist dort aktiv. Natürlich funktioniert das nur bedingt für Content-Seiten. Man müsste passende Shops einbauen und gezielt auf passende Inhalte hinweisen. Spiegel Online preist zum Beispiel hin und wieder Dossiers, Sonderhefte und Bücher aus dem eigenen Verlag an. Blogs können damit natürlich meistens nicht dienen.

Paid Content
Einfaches Modell von Spot.us: Journalisten stellen Projektideen vor, Leser können dafür spenden

Platz 7: Wertvolle Extra-Inhalte: Zahlen wenn’s brennt.
Statista hat laut Meedia.de im ersten Jahr des Bestehens gute Erfolge mit Paid Content erzielt. Die Anreißer zu dort verlinkten Studien sind kostenlos, für die vollständigen Studien ist ein Beitrag fällig, der meistens 10 Euro nicht übersteigt. Statista verzeichnet vor allem in der Zeit zwischen 22 und 24 Uhr Zulauf, wenn Arbeitskräfte oder Studenten an Präsentationen sitzen, merken dass sie die gesuchten Infos nirgendwo anders bekommen können und deswegen zuschlagen. Mit ähnlichen Kostenmodellen arbeiten Sofatutor und Sapodo. Das Modell funktioniert natürlich ebenfalls nur für exklusive Inhalte, die man nirgendwo anders bekommt, und deswegen eher weniger für Nachrichten-Websites oder Blogs.

Platz 6: Spenden sammeln, damit es weiter geht
Das Blogwerk-Blog Medienlese wurde im Frühjahr eingestellt. Fans schafften es mit einem Spendenaufruf, wenigstens die Kolumne 6vor9 für ein paar Monate zu erhalten. Ähnlich trieb der koreanische Newsaggregator OhMyNews Spenden für seine Seite auf. Beiden gemeinsam: Die Redaktionen öffneten ihre Finanzsituation, bezifferten, wie viel Geld sie brauchten, damit es weiter gehen kann, und zumindest einige Fans der Sites bezahlten. Derartige Spendenaufrufe können allerdings nur dann funktionieren, wenn sie die Ausnahme bleiben. Wenn jede Woche eine Content-Seite einen derartigen Aufruf startete, kämen sich die Leser schnell wie die Heilsarmee vor.

Platz 5: Virtuelle Güter
Das funktioniert eigentlich nur bei beliebten Online-Games, dort aber sehr gut: Die Spiele sind kostenlos; wer aber ein wenig Geld investiert, kann sich eine bessere Ausrüstung zulegen und damit schneller aufsteigen. Ähnliche virtuellen Güter wie Grußkarten, virtuelle Plüschtiere oder Avatare lassen sich dafür meist nur schlecht absetzen, weil die User so etwas nur zu besonderen Anlässen überhaupt gebrauchen können.

Platz 4: Ein einfaches, attraktives App-Modell
Apples iTunes macht es vor: Die Nutzer sind in der Tat bereit, für Musik- und Filmdownloads sowie für mobile Software zu zahlen. Es muss nur einfach und attraktiv sein. Einmal angemeldet, kann man bei iTunes per Klick und einmaliger Bestätigung etwas kaufen. Apple wird an den Verkaufserlösen beteiligt. Die meisten Smartphone-Anbieter haben mit eigenen App-Stores nachgezogen, Facebook hat in dieser Woche ein ähnliches Modell gestartet, um mit App-Entwicklern und einer virtuellen Währung gemeinsame Sache zu machen. Nur Content-Anbieter dürften hier wieder außen vor sein: Sie haben außer Meldungen in der Regel nichts Interessantes zu verkaufen.

Paid Content
Kachingler können entscheiden, wem sie ihre Monatsgebühr spenden.

Platz 3: Spenden für ausgesuchte Projekte
Eine Reporterin wollte zu einer Reise in den Pazifik aufbrechen, um vom dortigen Ozean-Müll zu berichten, der angeblich die doppelte Größe des Staates Texas angenommen hat. Für diese Reise warb sie auf der Plattform Spot.us und erhielt bald erste Spenden. Redaktionen oder Mäzen, die einfach etwas Geld übrig haben, können auf Spot.us auch weitere Projekte fördern. Das Spenden geht nach einer einfachen Registrierung ganz einfach per Mausklick. So wurden schon mehrere Geschichten gefördert und produziert. Tenor der Sache: Wenn sie wissen wofür und wenn die Sache sich lohnt, sind viele Leser bereit, etwas zu zahlen.

Platz 2: Croudfunding
Beim Netzwerk Kachingle zahlen interessierte Leser einen Betrag von etwa 5 US-Dollar im Monat. Diese können sie auf Websites verteilen, die ihnen am meisten gefallen. Oder – noch genauer – für einen Artikel spendieren, der ihnen gut gefallen hat. Angeschlossene Websites können einen Button unter einem Beitrag platzieren, auf den die User klicken. Das Geld wird dann von ihrem Account abgebucht. Das Geld wird damit gerecht verteilt, gezwungen etwas zu zahlen wird niemand. Kann das funktionieren? Ja, wenn interessante Websites daran teilnehmen und sie darauf aufmerksam machen, dass und wofür sie das Geld benötigen.

Platz 1: Spenden nach veröffentlichten Kosten
An diesem Beitrag hier habe ich etwa drei Stunden gearbeitet. Verdient hätte ich dafür – wäre ich nicht selbständig und würde nach Tarif bezahlt – vielleicht etwa 150 Euro. Wenn Redaktionen beziffern, wie teuer ein Beitrag ist und daneben einen Button setzen, der das Spenden einfach wie einen Mausklick macht, dann kann das den Leser dazu am ehesten motivieren, etwas zu zahlen. Zusatzanreiz: Man könnte die edlen Spender in einem Infokasten namentlich erwähnen und dazu schreiben, wie viel Geld dank ihnen schon eingenommen wurde. Einziges Hindernis dabei: Hübsche Summen könnten auch hier nur bei hohen Leserzahlen zusammen kommen – und nur bei sehr guten Inhalten.

Paid Content
Die Chicagoer News-Website Chi-Town Daily News veröffentlich unter jedem Beitrag, wie teuer er war und ruft deswegen nach Spenden dazu auf.

Fazit: Es muss nur einfach sein.
Stan Schroeder von Mashable hat gestern ein hervorragendes Beispiel dazu veröffentlicht, wie Paid Content funktionieren kann. Ein Stand verkauft Donuts für 1 Dollar, der Stand direkt daneben verschenkt sie. Natürlich werden die Leute zu dem Stand gehen, der die Donuts verschenkt, klar. Nicht aber, wenn es die kostenlosen Donuts nur dann gibt, wenn die Kunden dafür erst dreimal um den Block laufen müssen. Wäre das die Bedingung, könnte sich der Stand, der die Donuts für 1 Dollar verkauft, über einen regen Kundenansturm freuen.

Der Punkt ist: Paid Content kann funktionieren. Dabei müssen nicht nur die Inhalte attraktiv sein, sondern auch das Bezahlen an sich. Ein, zwei Mausklicks, eine große Schaltfläche, Offenheit über die Kosten, ein schönes Design, eventuell Nennung der edlen Spender. Dann könnte ich mir durchaus denken, dass Paid Content funktioniert. Jetzt liegt es an den Webentwicklern, ein zuverlässiges, sich weit verbreitendes und möglichst einfaches Bezahlmodell zu entwerfen, dem möglichst viele Content-Webseiten beitreten. Hier würde ich mich ausnahmsweise sogar einmal über deutsche Copycats freuen …

10 Gedanken zu „Die 10 besten und schlechtesten Bezahlmodelle: So kann Paid Content funktionieren“

  1. Hallo Jürgen!
    Schöne Zusammenstellung. Bin zurzeit dabei mich (wiedermal) mit dem Thema Bezahlmodelle im Web 2.0 auseinanderzusetzen und muss zugeben, dass ich schon ein wenig erstaunt bin, das freiwillige Bezahlen – egal ob vor oder nach dem “Konsum” von Inhalten – bei den Top Geschäftsmodellen zu sehen.
    Viele Grüße
    Maciej

  2. Hi Maciej. Sagen wir lieber Bezahlmodelle als Geschäftsmodelle. (Gut, zugegeben, dann hätte ich Banner-Werbung und Affiliate nicht mit reinnehmen dürfen.) Aber ich denke, das ist ein guter Weg, um zumindest ein paar Einnahmen zu generieren, mit dem beiden Seiten leben können. Kein Leser wird verscheucht und die Redaktion bekommt ein bisschen Geld. Nach wie vor wird wohl nur ein guter Einnahmen-Mix zu ausreichenden Einnahmen führen.

  3. Zuerst einmal: Gäbe es diesen Button zum Spenden hier im Blog schon, hätte ich spontan einen Euro gespendet.

    Ich argumentiere zwar schon lange dafür, dass Werbung nicht alles finanzieren kann, sehe aber dennoch die Bannerwerbung nicht so negativ. Reichweitenstarke Websites sind damit gar nicht so schlecht dran, denke ich.

    Das Problem für Qualitätsjournalismus besteht meiner Ansicht nach darin, dass sich hohe Qualität nicht an breite Zielgruppen richtet und andererseits Qualität einen hohen Aufwand bedeutet.

    Für weniger aufwändige Inhalte, die für viele Menschen interessant sind, kann es meines Erachtens schon funktionieren.

    Croudfounding geht stark in die Richtung, die ich für vielversprechend halte. Wichtig ist, dass es sich nicht um zu viele Systeme handelt. So wie man sich in einem Laden aussuchen kann, welche seiner Kreditkarten man benutzen möchte bzw. so wie mehrere akzeptiert werden, müsste es in diesem Fall ebenfalls laufen.

    Für große Firmen, die schon entsprechende Kundenbeziehungen haben wie Amazon, könnte das eine Goldgrube werden, wenn sie in dieser Richtung aktiv würden.

    Spenden nach veröffentlichten Kosten sehe ich nicht für Tageszeitungen, aber ganz klar für Blogs. Ob das Blog von einer Person oder von einem kleinen Team betrieben wird, es gibt einfach einen ganz großen Unterschied gegenüber Tageszeitungen: An große Medienkonzerne zu spenden, das passt einfach nicht. Aber einen Blogger oder eine kleine Redaktion zu unterstützen ist was ganz anderes. Das funktioniert, das könnte Bloggen sogar zu einer ziemlich gut bezahlten Beschäftigung werden lassen.

    Besonders interessant ist das für Nischenblogs, für kleine Projekte, die Themen aufgreifen, die sonst eher nicht intensiv bearbeitet werden. Außerdem sehe ich hier besonders die inhaltlich anspruchsvollen Blogs als Gewinner, denn neben der Qualität kommt es bei diesem Modell auf die Zielgruppe an, auf deren Werte sowie ihren Kontostand.

    Mit Blick auf Spenden für ausgesuchte Projekte: Mit Blick auf meine eigenen Websites und auch mit Blick auf die Blogs, für die ich bezahlter Weise schreibe liegt mir sehr an dem Thema. Wenn ich nicht der Einzige bin, würde ich umgehend zehn Euro für weitere Recherchen bereitstellen.

    –> Wäre das nicht ein super Thema für ein Pilotprojekt in dieser Richtung?
    Ich behaupte mal, dass sich – wenn das Thema entsprechend aufdringlich hier im Blog präsentiert wird und der eine oder andere Blogger zu einer Verlinkung der Aktion ermuntert wird – bestimmt eine kleine Summe auftreiben lässt. Ich wäre dabei!

  4. Hallo Oliver,
    vielen Dank für deinen tollen Kommentar. Wie genau hast du dir dieses Pilotprojekt vorgestellt? Meld dich doch mal per E-Mail an unsere Redaktionsadresse!
    Viele Grüße jv

  5. Hallo Jürgen,

    sehr informativer Beitrag! Mich würde nun wirklich mal interessieren, ob es im deutschsprachigen Raum ein funktionierendes Bezahl-Angebot im Web gibt (kein Freemium), egal ob nun Content oder ein anderer virtuellen Service (vgl. Freshbooks oder Smugmug). Kennt jemand eines?

    Grüße,
    Joachim

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