Genug heiße Luft: Mein Abschied vom Web 2.0 [Update]

Seit einigen Wochen bin ich trocken. Keine fünf Meldungen mehr am Tag, keine zehn Tweets, massenhafte Status-Updates auf Facebook. Und vor allem: Ein Interesse an Startups und Web 2.0, das gegen null tendiert. Ich kehre dem Social Web den Rücken. Was ist passiert? Das ist es eben: gar nichts.

[Update: Vielen Dank für eure Kommentare hierzu und eure aufmunternden Worte! Aber eins muss ich klarstellen, wo ich mich wohl missverständlich ausgedrückt habe: Das hier ist nicht das Ende von YuccaTree und auch nicht mein Ende als Blogger! Ich werde hier an dieser Stelle weiter schreiben. Nur möchte ich nicht länger als Nachrichtenaggregator fungieren und – bis auf echte Highlights als Ausnahmen – nicht mehr über die neuesten News aus dem Web 2.0 berichten. Es wird hier weitergehen! Experimenteller als bisher und vielleicht interessanter denn je. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr weiterhin “einschaltet” und mitlest!]

Es war ein Wettrennen, so viel war klar. Gegen wen, kann ich gar nicht einmal sicher sagen. Vielleicht einfach nur gegen die Uhr; aber so ein Rennen ist bekanntlich nicht zu gewinnen. Es gab eher Mitstreiter als Rivalen; Platz war eigentlich für alle da, und trotzdem war es wichtig, der Erste zu sein. Der Erste, der in Deutschland schrieb, dass Twitter eine neue Killerfunktion namens “Gruppen” hat, dass erste Screenshots von Facebooks geheimem neuen Design aufgetaucht sind. Dass das neue Motorola-Phone … kann. Wie konnten wir diesen Nullmeldungen nur so lemminghaft hinterher laufen?

Meldungen aus mäßig heißer Luft

Die Ersten, das waren ohnehin stets die US-Techblogs Mashable und Techcrunch. Vorreiter des Online-Journalismus und sogar finanziell erfolgreich. Sie bieten einen 24-Stunden-Nachrichtendienst im Stundentakt mit Bloggern aus aller Welt. Dazu scheinen sie von Sponsorenseite aus verpflichtet, ja: verdammt zu sein. Sie sind gut, schreiben flüssig, persönlich mit kreativen Geschichten und Überschriften. Dass 70 Prozent ihrer Meldungen heiße Luft sind, ist den Lesern aber längst aufgefallen. Trotzdem muss es weiter gehen, damit die Geldmaschine Futter bekommt. Dann soll statt den Journalisten eben der Leser filtern, was wichtig ist und was nicht.

So werden Meldungen mit vermeintlich heißem Content auch schonmal mit “BREAKING NEWS” betitelt, obwohl sich nachher herausstellt, dass es im Grunde nur eine schwache Neuigkeit ist. Die Leser fallen darauf herein, aber nur einmal, höchstens zweimal. Denn dumm sind sie nicht, und gelangweilt werden wollen sie schon gar nicht.

Bei YuccaTree Post+ hatten sich inzwischen fünf Meldungen pro Tag (zwei bis drei am Wochenende) eingebürgert. Fünf Plätze, die erst eimal gefüllt werden wollten. Mit witzigen Videos, kuriosen Neuigkeiten, Killer-Gadgets, kreativen neuen Social Networks. Oft landeten wir damit einen Renner mit zahlreichen Verlinkungen und Retweets. Genauso oft versank aber eine gut recherchierte und witzig geschriebene Story nahezu ungelesen in der Datenbank. Leser sind launisch.

Facebook Lite
Wir näherten uns dem Sack Reis: Wenn Facebook Lite eine neue Funktion hat, ist das noch lange keine Meldung wert.

Die spannenden Themen sind vorüber

Die Nachrichtenkanäle liefen heiß. Bis zu 700 Meldungen rauschten täglich über meinen Bildschirm. Alles filtern, immer auf dem neuesten Stand sein, aber es gab im Grunde nichts Neues mehr. Nichts, was die Leser noch vom Hocker riss, und bald auch nichts mehr, was mich die Bohne interessierte. Vier Wochen lang habe ich mich jetzt von diesem Rauschen ferngehalten. Sagt mir, wenn ich etwas wichtiges verpasst habe. Aber so viel kann es nicht gewesen sein, sonst hätte ich anderswo davon gehört.

Auch die anderen Starter in diesem gnadenlosen Wettrennen um – ja, um was eigentlich? – lassen es inzwischen ruhig angehen. Uwe von Alles2null hat sein Blog auf Ebay versteigert. Carsten von Zweipunktnull.org ist bei Basic Thinking als Autor untergekommen und bloggt am Originalschauplatz nur noch selten. Und auch Basic Thinking selbst wirkt zwar fundiert wie eh und je, aber etwas inhaltslos in letzter Zeit. Die spannenden Themen sind vorüber, und wenn nicht, liest man die Highlights spätestens abends im Meedia-Newsletter.

Irgendwann streikte mein Körper. Ich bekam eine Sehnenscheidenentzündung, schlief schlecht, fühlte mich jeden Morgen gehetzt, aufs Neue ins Rennen um die heißesten Themen einzusteigen. Rundum informiert zu sein hat seinen Preis. Ich hing an den Tweets und RSS-Kanälen wie der Alkoholiker an der Flasche. Die Themen rauschten durch, und irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich nichts mehr davon interessant fand.

Es ist mir ganz einfach egal

Freunde und Kollegen sahen es ähnlich, rieten mir, es ruhiger angehen zu lassen, nur noch dann zu schreiben, wann ich will, nicht weil ich meine zu müssen. So halte ich es seitdem. Das Leben hat auch am Rande des Web-2.0-Geschehens spannende Geschichten zu bieten. Und wannimmer mir eine über den Weg läuft, werde ich darüber schreiben.

Heute wunderte sich dann @Tueksta, warum Twitter an die Börse will. Schließlich haben die weder Geschäftsmodell noch wachsende Besucherzahlen. Peinlich? Schade? Ende des Hypes? Nein, nichts davon: Es ist mir ganz einfach egal. Ich werde Twitter und Facebook weiterhin nutzen, wenn ich möchte, mich dort mit Freunden und Bekannten austauschen und erfahren, was sie so treiben. Wie sich die Dienste dahinter finanzieren, ist deren Sache. Mir könnte kaum etwas egaler sein.

22 Gedanken zu „Genug heiße Luft: Mein Abschied vom Web 2.0 [Update]“

  1. jetzt hast du einfach ars.technica und wired.com mit schweigen bestraft :P

    wenn einem etwas egal ist, heißt das doch nicht dass man nicht drüber lachen oder den kopfschütteln kann? immer brav die distanz bewahren, oder wie sagt monty python so schön…

    Some things in life are bad
    They can really make you mad
    Other things just make you swear and curse.
    When you’re chewing on life’s gristle
    Don’t grumble, give a whistle
    And this’ll help things turn out for the best…

    And…always look on the bright side of life…
    Always look on the light side of life…

    If life seems jolly rotten
    There’s something you’ve forgotten
    And that’s to laugh and smile and dance and sing.
    When you’re feeling in the dumps
    Don’t be silly chumps
    Just purse your lips and whistle – that’s the thing.

    And…always look on the bright side of life…
    Always look on the light side of life…

    For life is quite absurd
    And death’s the final word
    You must always face the curtain with a bow.
    Forget about your sin – give the audience a grin
    Enjoy it – it’s your last chance anyhow.

    So always look on the bright side of death
    Just before you draw your terminal breath

    Life’s a piece of shit
    When you look at it
    Life’s a laugh and death’s a joke, it’s true.
    You’ll see it’s all a show
    Keep ‘em laughing as you go
    Just remember that the last laugh is on you.

    And always look on the bright side of life…
    Always look on the right side of life…
    (Come on guys, cheer up!)
    Always look on the bright side of life…
    Always look on the bright side of life…
    (Worse things happen at sea, you know.)
    Always look on the bright side of life…
    (I mean – what have you got to lose?)
    (You know, you come from nothing – you’re going back to nothing.
    What have you lost? Nothing!)
    Always look on the right side of life…

  2. Sehr gut Jürgen. Du sprichst mir aus der Seele. Bleib du selbst und wenn du in Zukunft weiter solche Texte bloggst bleibst du auch eine wahre Größe in diesem Geschäft.
    (Ich hab mich übrigens in Teilen deiner Beschreibung wieder entdeckt…!!!)

  3. Schade, schade, schade – finden wir. Verständlich ist es ja, aber halt eben: schade. Yuccatree-Beiträge gehören bei uns zur täglichen Lektüre.

    Wünschen dann natürlich einen erholsamen Schlaf und sind gespannt auf den weiteren Werdegang.

    Was wird denn dann eigentlich aus Yuccatree?

  4. wenn das 2.0-biz nicht mehr reizt, einfach etwas suchen worüber du wirklich schreiben willst, und wenn es auch 2.0-kritik ist :) wie du weißt hab ich nie angst vorm themenhopping bei meinen blogaktivitäten, aber du hast den vorteil, eine ausbildung, ein beobachtungs- und schreibtalent, und eine große leserschaft zu haben. carpe 2.0em :D

  5. Lieber Jürgen,

    schade, aber verständlich. Ich habe das Gefühl, dass du nicht alleine bist, der mit Ermüdungserscheinungen kämpft. Vor neun Tagen twitterte auch ich “Twitterkrise und Infomüdigkeit.”

    Einen Gang zurück schalten ist keine schlechte Idee. Aber ich hoffe, du bist nicht ganz von meinem Bildschirm verschwunden?

    Liebe Grüße aus HH,

    Dn

  6. Spezialisieren kann man sich nur, wenn man sich damit auskennt. beginne neue wege zu gehen und berichte darüber. dumm ist es nur bei neuen dingen weis man nicht wie interessant sie sind, weil man sie selber erst kennen gelernt hat. da braucht man ein gespühr für. such dir n par kumpelz die bei dir mitmachen, bleibt halt nicht alles geld in deiner tasche. sowas mus sich entwickeln und in 10 jahren, wer weis ???

  7. schade :/
    hab deine posts gern gelesen – zum einen dank der guten auswahl und zum anderen dank der persönlichen note.

    weiter so, irgendwo

  8. Ich denke, ich muss eine Kleinigkeit klarstellen: Das hier bedeutet nicht das Ende von YuccaTree! Das Blog wird weitergehen, auch mit mir, nur eben mit anderen Themen und mit Veröffentlichungen in unregelmäßigeren Abständen. Ich kann euch ja nicht ohne spannende Geschichten im Regen stehen lassen! ;)

    Danke für eure Anteilnahme und die netten Worte!

    @Tueksta: Danke auch dir! Aber sei doch so nett, keine ganzen Songtexte hier zu veröffentlichen. Es sei denn, du willst, dass ich vor den Kadi gezerrt werde. ;)

  9. Jürgen, ich verstehe dich voll und ganz. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem einfach nichts mehr da ist das sich lohnt, berichtet zu werden, genauso wie irgendwann mal alles gesagt ist. Mit kleinen Ausnahmen zumindest.

    Ich hoffe dennoch, daß es ab und zu etwas von dir zu lesen geben wird, wenn es etwas Berichtenswertes gibt.

  10. Ich kann dich gut verstehen. Der Zwang Blogeinträge der Blogeinträge wegen rausbringen zu müssen, hat mich auch immer vom regelmäßigen Bloggen abgehalten.
    War aber dennoch eine positive Erfahrung, hier so ein Mini-Praktikum machen zu können.

  11. Es gibt eine ganz einfache Lösung: gesunder Menschenverstand hilft, bei allen genutzten Medien zu selektieren. Und als ob die heiße Luft nun ein Relikt von Web 2.0 wäre. Geschwindelt und erfunden oder aufgeblasen wurde schon immer, eine typische Geißel der Menschheit seit sie existiert. Ich denke mal, dass sich Herr Vielmeier erst einen heißen Kopf geholt hat, um anschließend zu merken, dass alle nur mit Wasser kochen. Als ob das nun eine neue Erkenntnis wäre… mein Tipp: einfach mal kühlen Kopf bewahren und sehen, wo man sich die neuen Möglichkeiten sinnbringend zunutze machen kann. Und wer den Möglichkeiten Twitter, Facebook und Bla nix abgewinnen kann, naja der nutzt sie eben nicht. Auch nicht so schlimm. Egal wie sich jeder seinen Weg sucht, die Welt dreht sich weiter. In diesem Sinne… macht’s Euch schön!

  12. Ganz wichtig zu lernen als Blogger! Ich betreibe Webregard genau so lange, wie es mich voran bringt. Es ist der Unterschied, dass etwas einen nicht einschränken sondern erweitern soll. Kann man auch auf Religionen und Beziehungen projizieren… ;-) viel Erfolg dennoch weiterhin!

  13. Als einzelner Blogger oder als kleines Team sollte man realistisch bleiben bezüglich des Aufwands beim Bloggen.

    Der Ehrgeiz, alles Wichtige sofort zu bloggen, treibt einen da schnell an die eigenen Grenzen. Wichtiger als die Menge der Blogposts ist meiner Meinung nach neben der Qualität die Kontinuität der Artikel, um Stammleser zu gewinnen.

    Einen guten Artikel am Tag zu schreiben, ist da eine gute Basis. das lässt sich durchhalten, ohne dass man sich stresst.

    Nebenbei bemerkt: Wenn hunderte Blogs die gleichen Themen oberflächlich behandeln, wem nützt das? Gerade Blogs mit ihren beschränkten Ressourcen müssen klare Schwerpunkte setzen, ein eigenes Profil entwickeln. Dafür sind Blogs ja auch besonders gut geeignet, anders als etwa News Websites.

    Klar ist im Netz Platz für Aggregatoren bzw. Websites, die eine große Zahl von News aus ihrer Branche berücksichtigen. Aber die Stärken von Blogs liegen woanders.

    In diesem Sinne bin ich gespannt auf die weitere Entwicklung und erwarte nur Gutes.

  14. In letzter Konsequenz war dein Schritt richtig und ist auch für mich nachvollziehbar. So etwas kann auf Dauer nicht gut sein, was ich am eigenen Leib erfahren habe. Auch ich fahre das Rauschen jedes einzelnen Kanals runter um einfach besser, bewusster leben zu können. Und entgangen ist mir noch nichts ;)

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