Online-Foren: Über gefälschte Abschiedsbriefe und die Klowände des Internet
13. März 2009 - Jürgen Vielmeier
Der Urheber ist gerade sicher mächtig stolz auf sich: Die Ankündigung des Amoklaufs von Winnenden, die der Täter Tim K. am Abend vor der Tat in einem Internetforum veröffentlicht haben soll, ist nicht echt. Irgendein ganz Witziger hat sich eine Ankündigung ausgedacht, ein bisschen mit einem Webtool und einem Bildbearbeitungsprogramm herumgespielt und der Welt eine gefälschte Abschiedsnachricht hinterlassen. Darauf reingefallen ist unter anderem Baden-Württenbergs Innenminister Heribert Rech, der das falsche Bekennerschreiben gestern Mittag auf einer Pressekonferenz vorlas.
Er nannte das Schreiben den aktuellen Stand polizeilicher Ermittlungen. Die Zweifel kritisch nachfragender Journalisten, ob das Schreiben nicht nachträglich gefälscht gewesen sein konnte, wies Rech ab. Die Polizei habe entsprechende Hinweise auf K.s Rechner gefunden. So gaben zahlreiche Medien die Meldung weiter.

Was soll der Mist?
Das ganze wirft Fragen auf. Vor allem: Wer bastelt so eine Falschmeldung, und: Warum wollte man unbedingt einen Abschiedsbrief des Amokläufers im Internet finden?
Die zweite Frage dürfte schnell beantwortet sein: Nach einer so grausamen Tat suchen die Betroffenen nach irgendeinem Motiv des Täters, um das Unfassbare zu verstehen. Dass Rech einer Ente aufgesessen war und sie als offizielle Meldung verbreitet hat, ist in der Tat ärgerlich.
“Der Beitrag hat nie existiert”
Für die erste Frage, warum man so eine Falschmeldung bastelt, finde ich keine Erklärung. Das Forum Krautchan.net, auf dem die Meldung erschienen sein soll, ist derzeit wegen Überlastung geschlossen. Die Betreiber des Forums schreiben auf ihrer Startseite nicht ganz zu Unrecht und auch nicht ohne Häme:
Leider wird unser winziger Server mit dem momentanen Ansturm nicht fertig. Es gibt allerdings auch gar nichts zu sehen, da die deutsche Presse sich bedauerlicherweise (vermutlich nicht zum ersten Mal) von einer Fälschung hat täuschen lassen.
Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können.
Scheinbar ist recherchieren heutzutage uncool. Schlimm genug, bei Wikipedia abzuschreiben, aber hier? Grundgütiger.
Was man übrigens auf dem PC des Täters gefunden haben will, wissen wir nicht. Vielleicht hat er die Site mal besucht, den durch die Presse gegangenen Beitrag hat er jedenfalls nicht verfasst, denn der hat nie existiert.
Ja, viele Journalisten haben hier vorschnell gehandelt und nicht gut genug recherchiert. Das wird ihnen hoffentlich zu denken geben und sie dazu veranlassen, um zwielichtige Internetforen künftig wieder einen großen Bogen zu machen. Um Internetforen, die manchmal in der Tat nicht mehr als die Klowände des Internets sind. Und zwar welche, an denen das Klopapier längst aufgebraucht ist.




Ich kann mich der Meinung des Autors nur anschliessen. Es ist traurig, dass immer noch so laienhaft mit dem Thema Internet durch Behörden, Politiker und Journalisten umgegangen wird. SpiegelOnline versucht heute, sein Versagen mit dem Hinweis auf “Zweifel von Anfang an” zu kaschieren. Der Gipfel war der einseitige Bericht bei Monitor in der ARD, die die Gelegenheit nutzte, sich in die Reihe der Schüler-VZ-Kritiker einzureihen.
Das Internet bietet zwar eine Reihe von Möglichkeiten und Risiken, bleibt jedoch das Abbild unserer Gesellschaft. Anstatt immer auf die anderen zu zeigen und nach neuen Vorschriften und Gesetzen zu schreien, sollte die oben genannten einen Blick auf das echte, reale Leben werfen um festzustellen, dass die wirklichen Versäumnisse ganz woanders liegen.
“Das hab ich im Internet gelesen” ist inzwischen leider oft gleichbedeutend mit “das hat mir der Papst persönlich geschworen”.
Natürlich stehen viele richtige und wertvolle Informationen im Internet, aber nur weil es schriftlich vorliegt heisst das lange nicht dass es ohne Prüfung geglaubt werden darf.