Von Politbloggern und YouTube-tauglichen US-Präsidenten

Was wäre die Wahl ohne Blogger gewesen? Politische Blogger haben den Wahlkampf zum ersten Mal aktiv mitgestaltet. Allen voran die politische Online-Zeitung “Huffington Post”, die zu einer wichtigen Stimme gegen den Irak-Krieg wurde und damit mit Obamas Ablehnung des Krieges konform ging.

Die Internetstatistiker von ComScore verzeichneten im Oktober für die aktuelle Wahl einen Rekordzulauf bei Online-Nachrichtenmagazinen und politischen Blogs. Diese sind traditionell eher einem Lager zuzuordnen und niemals ganz neutral. Hier verzeichneten vor allem politico.com, drudgereport.com und realclearpolitics zum Ende des Wahlkampfes enorme Zuwächse. Deutsche Blogger beobachteten das Geschehen natürlich hauptsächlich von außen: Die Netzeitung fasste eine ganze Reihe von Meinungen über den neuen US-Präsidenten Barack Obama zusammen. Und das Blog der Tagesschau wartete am Wahlabend mit einer Live-Berichterstattung auf. Womit es selbstverständlich nicht das einzige Blog war und nicht alle berichteten bierernst darüber. Seit heute gibt es ein weiteres Politblog: Die Washington Post will in ihrem Blog “44: Transition to Power” über jeden Schritt des 44. Präsidenten der USA, Barack Obama, berichten. Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt – mindestens.

Der YouTube-Wahlkampf

Ohne YouTube wäre die Wahl wohl nur halb so spannend geworden. Führt man sich vor Augen, dass es die 2005 gegründete Videoplattform im letzten Wahlkampf noch gar nicht gab, wird klar, wie groß ihr Einfluss auf die diesjährige Wahl war: Ausschnitte aus Fernsehauftritten der Kandidaten machten im kompletten Wahlkampf die Runde. Große Auftritte, Peinlichkeiten, Parodien, Kuriositäten. Es gab nichts, was die YouTube-Nutzer der Welt vorenthalten wollten. Und die Kampagnen nutzen die Plattform auch für ganz offizielle Videos ihrer Kandidaten auf ihren eigenen Plattformen. Von sich reden machte am Tag nach der Wahl noch das Obama-Girl, das allein mit ihrem aufreizenden Pro-Obama-Videoclip den einen oder anderen Wähler für Obama begeistert haben dürfte. Dafür möchte sie jetzt ein Dankeschön vom neuen Präsidenten.

Sie war nicht die einzige, die Obama kräftig mit Videos unterstützte. Ob Comedy-Produzenten, Herby Hancock, die Black Eyes Peas oder Scarlett Johansson: Sie alle werkelten an Obamas Video “Yes we can” mit oder schusterten ihre eigenen Projekte zusammen. Zum Beispiel eine Yes-we-Can-Parodie über John McCain. Konsequenterweise gratulieren tausende Fans dem neuen Präsidenten in Video-Botschaften nach der Wahl.

Twitter und Facebook

Ebenfalls ein neues Medium im Wahlkampf: Twitter. Berichteten im Wahlkampf zahlreiche Politblogger (oder in dem Falle eben Zwitscherer) von den jeweiligen Wahlkampfveranstaltungen, darunter auch SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, so war vor allem in der Wahlnacht ihre große Stunde gekommen. Quasi im Sekundentakt posaunten die Nutzer des schnellen Mediums auf einer eigenen Wahl-Seite neue Zwischenstände, Meinungen und Kurzanalysen heraus. Das war erheblich interessanter zu verfolgen als die Wahl im Fernsehen.

Um die jungen Wähler zu ködern, dürfte sich Barack Obama mit seinem Facebook-Profil viele Freunde gemacht haben. Nicht nur dürfte: Er hat dort inzwischen mehr als 2,5 Millionen Befürworter. Im Notizblock seines Facebook-Profils wandte er (oder seine Kampagne) sich mit Botschaften immer wieder an seine Fans. John McCain zog erst viel später nach und bringt es zusammen mit seiner Vize-Kandidatin Sarah Palin nur auf gut 600.000 Freunde.

Die Zukunft der medientauglichen Politiker

Aber auch die klassischen Medien durften noch einmal mitfeiern. Die Münchner Abendzeitung stellte ein kostenloses E-Paper über die Wahl ins Netz. Der Kölner “Express” verteilte laut turi2.de eine Sonderausgabe gratis in der Kölner Innenstadt. Und CNN wagte einen Ausblick auf die Zukunft und “beamte” ein Hologramm der Wahlkorrespondentin Jessica Yellin von Chicago ins New Yorker Studio. 35 HD-Kameras nahmen ihr Bild auf und schickten es über die Leitung, sodass Yellin dem Moderator Wolf Blitzer direkt gegenüber stand wie Prinzessin Leia in “Star Wars”.

Wahlforscher vermuten bereits, dass John McCain die Wahl auch deswegen verloren hat, weil er die neuen Medien vernachlässigt hat. Ganz im Gegensatz zu Barack Obama. Der Wahlkampf hat deswegen eine ganz neue Dimension der Politik eingeläutet: In den Medien präsent zu sein und dort eine gute Figur zu machen, wie einst “Medienkanzler” Gerhard Schröder, reicht nicht mehr aus. Die neue Generation von Politikern muss auf allen Medien präsent sein. Darum werden die Kandidaten der Präsidentschaftswahl 2012 nicht mehr herum kommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Gegenkandidat Frank-Walter Steinmeier sollten daraus lernen und würden gut daran tun, schon im Kampf um die Bundestagswahl im kommenden Jahr, den Trend zu begrüßen und für sich zu nutzen.

jv


 
 
 
 

2 Kommentare zu “Von Politbloggern und YouTube-tauglichen US-Präsidenten”

  1. HomoAnalyticus - 6. November 2008 um 12:55

    Ohne Blogger und ohne das Netz allgemein wäre diese Wahl wahrscheinlich anders ausgegangen, zumindest würde ich das vermuten. Ich lese gerade ein relativ gutes Buch zu dem Thema: von-der-botschaft-zur-bewegung.de, das dreht sich um die Wahlkampfstrategien von Obama und vor allem auch den Einflussfaktor des Netzes in dem Zusammenhang. Auf Technology Review (Technologiemagazin) wurde außerdem, so ein Heise-Bericht, kürzlich der Einfluss des Netzes auf den Wahlkampf analysiert. Ist also ein richtig spannendes Thema, das. Man darf nur hoffen, dass sich Obama auch in der Zukunft so um die Netzgemeinde kümmert und das jetzt nicht alles abebbt.

  2. Ciao 2008, hi 2009: Die Jahresrückblickprognose | freshzweinull +++ - 17. Dezember 2008 um 19:02

    [...] Netzgeschehen: Die ganze Welt feiert die Wahl des “Internet-Präsidenten” Barack Obama, hofiert von YouTube-Videos im Wahlkampf und begleitet von Twitter-Kommentaren im Sekundentakt am Abend der Wahl. Um Twitter ranken sich auch Ende des [...]