Muss Prothetik reguliert werden?
04. November 2010 - Daniel Schultz
Ein Leben in absoluter Dunkelheit ist für die meisten Sehenden nicht vorstellbar, aber für Blinde ist es Realität. Es gibt zwar Versuche etwa mit „Essen im Dunkeln“ sehende Menschen für diese Problematik zu sensibilisieren, doch macht es einen Unterschied, ob man gewollt und zeitlich begrenzt einer derartigen Einschränkung ausgesetzt ist. Dabei sind die Möglichkeiten, dauerhaft zu erblinden, vielfältig und teilweise unvorhersehbar. Gleichfalls gibt die technologische Entwicklung Hoffnung.
Mit ihrem Smartphone können Blinde heute schon für sie unzugängliche Informationen erschließen. Häufig werden einfach Freunde und Bekannte in sozialen Netzwerken gefragt, was auf einem Bild zu sehen ist, welches kurzerhand dort eingestellt wird. Auch Bilderkennungsdienste wie Google Goggles können visuelle Information übersetzen und stehen somit für Blinde als Sinneserweiterung zur Verfügung. Manch technologische Entwicklung wirkt, als würde sie direkt aus einer Sciencefiction-Serie stammen. Dazu gehört die Forschung an Okularimplantaten und Gehirn-Computer-Schnittstellen, die zwar noch in den Kinderschuhen steckt, aber vielversprechend ist.
In einem anderen Bereich der Prothetik ist man schon deutlich weiter. Der Sportgerichtshof ließ den Läufer Oscar Pistorius, dessen hervorragende Rekorde trotz oder wegen seiner Beinprothesen zu Stande kamen, 2008 nicht an den olympischen Spielen teilnehmen. Mit einem Mal dienen Prothesen zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten, da die Technik diese Fähigkeiten nicht nur auf das normale Niveau anhebt, sondern weit darüberhinaus katapultieren kann. Somit wird nachvollziehbar, dass im militärischen Bereich an Exoskeletten geforscht wird. Anzüge, die erscheinen als wären sie von Tony Stark erdacht und Soldaten in die Lage versetzen, alleine Flugzeuge mit mehreren hundert Kilo schweren Raketen zu bestücken, werden immer realistischer.
Für den Bereich der visuellen Wahrnehmung ist eine Anreicherung der direkt wahrnehmbaren Umgebung mit Informationen aus dem Netz denkbar. Etwa eine Bilderkennungssoftware, die Informationen aus Social-Media-Anwendungen direkt im Sichtbereich platziert: z.B. Wortwolken, die Personen umgeben oder einfach Kommentare und Bewertungen zu erkannten Produkten. Doch ab wann werden Exoskelette und Okularimplantate auch für Menschen ohne offensichtliche Einschränkung so attraktiv, dass sie diese Form der Prothetik nutzen? Noch behilft man sich mit Brillen, um zusätzliche Informationen im Sichtfeld zu platzieren, aber ist es so abwegig sich Technik direkt zu implantieren?
Nicht immer ist die Verwendung einer Prothese so trivial wie bei einer Brille. Augenoperationen sind schwerwiegende Eingriffe und mit einem hohen Risiko verbunden. Wer allerdings sein Augenlicht nicht mehr durch eine riskante Operation verlieren kann, weil er schon blind ist, für den liegt die Hemmschwelle niedriger. Andererseits läuft man bei der rasanten technologischen Entwicklung Gefahr schnell mit veralteter Technik herumzulaufen. Noch vor zwei Jahren hatten die ins Auge eingesetzten Chips gerade mal 100 Bildpunkte, heute sind es schon über 1000 Bildpunkte.
Wahrscheinlich wird es eine mit der Verwendung von Neuro-Enhancern vergleichbare Entwicklung geben. Auch in diesem medizinischen Bereich applizieren sich gesunde Menschen Medikamente, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Sei es, weil sie den Eindruck haben, ohne die Technologie nicht mit anderen mithalten zu können, als nicht so belastbar oder leistungsfähig zu gelten. Dabei sind heute Menschen sogar bereit, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen und sei es nur um „besser“ (!?) auszusehen, wenn Aussicht auf Erfolg und Anerkennung zu schwinden droht.
Die Fortschritte in der Prothetik führen zu ethischen und rechtlichen Fragen:
- Wollen wir als Gesellschaft eine Cyborgelite, die sich mit Enhancern über die Allgemeinheit erhebt?
- Soll die Prothetik etwa dahingehend reguliert werden, dass Fähigkeiten nur auf ein „normales“ Niveau angehoben werden dürfen?
- Werden Menschen mit Enhancern künftig bei Arbeitgebern bevorzugt?
- Wie geht die Gesellschaft mit dem Problem der Ausgrenzung um, wenn die Enhancer Armen aufgrund hoher Kosten nicht zugänglich sind?
- Ist etwa das Verbot eines Einzelhändlers, in seinem Geschäft zu fotografieren, mit Barrierefreiheit vereinbar?
- Ist die Speicherung eines Kinofilms auf einem Hirnimplantat eine zulässige Privatkopie?
- Ist eine von außen verursachte Störung implantierter Enhancer Körperverletzung?
Gastbeitrag von Daniel Schultz der sonst auf presseschauer.de bloggt.
[Bild (CC) Flickr/yannick_vernet]




Toller Artikel, Danke!
Es werden hier Fragen aufgeworfen die IMHO in Zukunft “normaler” werden.
Sich vorab damit zu beschäftigen ist eine kluge Idee.
Kann man dieses Thema hier oder auf presseschauer weiter verfolgen?
Beste Grüße
@clon303 da ich nicht sagen kann wann ich wieder zu diesem Thema schreibe, empfehle ich singularityhub.com mal anzusehen.
@clon303 hier ist noch nen RSSFeed mit Bookmarks und so von mir zu diesem Thema http://pipes.yahoo.com/pipes/pipe.info?_id=274f36992c6824b11a93586925dd8ff9
AH! Klasse, vielen Dank der weiteren Infos und ich werde mir das die Woche über mal zu Gemüte führen!
Toller “Service”! ;)
Besten Dank, schöne Grüße und noch einen angenehmen Nachmittag
clon
…so – und eben beides mal gecheckt.
tolle sites die mehr und weitergehende infos bieten!
werde mir diese die nächsten tage mal näher zu gemüte führen (bei allem anhancing bleibt eines außen vor was leider nicht enhancbar ist – mir aber am wichtigsten: zeit! :(
beste grüße
clon303
[...] Link tipp: toller Artikel [...]