Unabhängig davon, was man von den Kandidaten zur Präsidentschaftswahl hält, ist absolut faszinierend zu beobachten, wie “das Netz” gerade wieder Kampagne macht. Die Graswurzeln schießen nur so aus dem Boden: Blogposts oder ganze Blogs, Tweets, Petitionen, Facebook-Gruppen machen Stimmung: Das Netz will Gauck. Gegenstimmen gibt es kaum.
Wir erinnern uns: 2007 ging es noch gegen die Vorratsdatenspeicherung, die Schäublone und “Stasi 2.0″-Aufkleber machten die Runde. Schon da hätte man sich denken können, dass der altgediente Stasi-Jäger in der Netzgemeinde einen guten Stand haben könnte – ganz anders als Ursula von der Leyen, die wegen ihres Versuchs, Stoppschilder im Netz zu errichten, die Wut der Blogger und Netzaktivisten auf sich zog. Als sie kurzzeitig für das höchste Amt im Staat ins Spiel gebracht wurde, liefen die Blogs und T-Shirt-Druckereien heiß mit dem Slogan “Not my president”.
Dann geschah etwas wirklich interessantes: Nico Lumma beschwerte sich, man könne nicht immer nur gegen etwas sein, sondern müsse auch mal für etwas eintreten. Christian Wulff wurde nominiert, die Opposition setze Joachim Gauck dagegen und dann ging es los:
- Nico Lumma setzte wir-fuer-gauck.de ins Netz und sammelte in gut drei Tagen fast 5000 Sympathisanten ein
- Eine Petition für Gauck, die heute morgen noch bei rund 3000 Unterzeichnern stand, hat mittlerweile über 6000.
- Matthias Richel startete das Blog mein-praesident.de
- Thomas Pfeiffer richtet der-gute-tweet.de/mygauck ein und über 3000 Twitterer “unterschrieben” via Hashtag #myauck
- Auf Facebook bildeten sich zahllose Gruppen, darunter die schon vor der Nominierung gegründete “Joachim Gauck als Bundespräsident” mit über 20.000 Unterstützern seit Wochenbeginn, wobei Gauck selbst auch erheblich mehr “Fans” bei Facebook vorweisen kann als seine Gegenkandidaten.
[adrotate group="5"]
Gut, Nico Lumma wie Matthias Richel sind für ihre SPD-Nähe bekannt, trotzdem: Sowas ist keine zentral gelenkte Kampagne mehr. Fast zeitlich, aber viel zu schnell, als das Absprachen oder eine geplante Kampagne möglich gewesen wäre, machten ja auch die klassischen Medien Meinung. Das ging vom Spiegel, welcher “Der bessere Präsident” titelt bis hin zur Bild am Sonntag mit der Schlagzeile “Yes we Gauck”. Sowas ist keine Kampagne mehr, sondern das Gegenteil davon.
Natürlich sind die “Netizens” in keiner Weise repräsentativ, sondern statistisch gesehen jünger, gebildeter und männlicher als der Durchschnitt der Bevölkerung und in absoluten Zahlen gesehen ziemlich wenige, wenn man die Unterzeichner zählt. Sie sind aber – wie Felix Schwenzel zu recht anmerkt – auch keine Aliens, obskure Sekte oder sonstwie außerhalb der Bevölkerung stehende Gruppe, sondern Bürger mit den unterschiedlichsten Hintergründen.
Erstaunlich auch, wie wenig Kritik es bisher an Gauck zu lesen gab. F!XMBR und Fefe stehen ziemlich alleine da mit ihrer Kritik (oder Verschwörungstheorie), der altgediente “Stasijäger” sei wegen seiner Mitgliedschaft in Atlantikbrücke und deutscher Nationalstiftung ein neoliberaler Raubtierkapitalist, der es nicht erwarten kann, unsere Sozialsysteme in kürzester Zeit möglichst weit zu kürzen.
Wirklich spannend wird es am 30. Juni, wenn die Bundesversammlung den nächsten Präsidenten wählt. Rein rechnerisch gesehen dürfte Gauck kaum eine Chance haben. Ob dieser Druck aus Medien und Netzöffentlichkeit etwas daran ändert?
> Erstaunlich auch, wie wenig Kritik es bisher an
> Gauck zu lesen gab.
Das dürfte der kognitiven Dissonanz geschuldet sein. Wer vornehmlich die Informationen sichtet, die die eigenen Meinung stützen und sich mit Leuten umgibt, die ähnliche Ansichten vertreten, wird kaum Widerworte finden.
Diese gibt es aber durchaus.
> F!XMBR und Fefe stehen ziemlich alleine da mit ihrer
> Kritik (oder Verschwörungstheorie)
Zunächst: ich finde es vollkommen inakzeptabel hier von einer Verschwörungstheorie zu sprechen. Allerdings passt diese undifferenzierte Verunglimpfung abweichender Meinung zu obengenannter kognitiver Dissonanz.
Sowohl Fefe als auch die Jungs von F!XMBR verweisen auf Fakten.
Die kann man interpretieren, aber von einer Verschwörungstheorie sind sie dennoch meilenweit entfernt.
Nicht zuletzt ist auf den Nachdenkseiten ähnliches zu lesen und diese sind nun wirklich kaum als Verschwörungstheoretiker verschrien.
Mir persönlich macht der Gauck-Hype wirklich sorgen.
Ich sehe diese Welle der Unterstützung v. a. aus dem “Netz” als eine Reaktion auf die (vermutete) erste Nominierung von Zensursula.
Das war ein Schockmoment und hat alle “Netzaktivisten” in Erregung versetzt. Alles was danach kam, konnte eigentlich fast nur besser sein und eher auf Akzeptanz stoßen.
Wulff war allerdings kaum beliebter, weil er (zurecht) als guter Parteisoldat und saubere CDU-Marionette gilt.
In diesem “verängstigten Panik-Erregungszustand” kommt nun plötzlich ein neuer Vorschlag: Gauck – und trifft den Nerv.
Gauck wirkt schon alleine in seinem Auftreten wie der für dieses Amt maßgeschneiderte Elder Statesman.
Er tritt distinguiert auf, scheint nicht eitel, sondern bedacht, nicht laut, sondern rational und leicht grüblerisch, aber auch trocken humorvoll.
Nachdem sich also unglaublich viel negative Abwehrenergie (Zensursula – OMG! Wulff – auch nicht besser) aufgebaut hatte, konnte sich diese plötzlich positiv für Gauck entladen und entlädt sich weiterhin.
Viel nachgefragt wird da kaum mehr. Leider.
Interessant scheint mir auch, daß er quasi die Alternativ-Erfüllung des ersten vorgeschlagenen “Netzkandidaten” Hans-Jürgen Papier ist.
Beide wirken ähnlich fern des hektischen politischen Betriebs, ja, haben sich gar schon mit diesem angelegt.
Doch auch bei Papier geraten trotz einiger absolut begrüßenswerter Leistungen schnell negative aus dem Blickfeld, bspw. Stichwort Inzest-Urteil.
Insgesamt macht mir die undifferenzierte Euphorie und Hysterie um die Person Gauck wirklich Sorgen.
Kritische Stimmen werden nicht gehört oder abgewehrt oder gar lächerlich gemacht.
Nicht zuletzt spielt vermutlich auch ein Gefühl des “Empowerments” eine Rolle. Selbst wenn viele verneinen, daß die “Netizens” einen starken Einfluss auf die ganze BuPrä-Geschichte gehabt haben – unbewusst glauben das doch einige. Die liegen da auch sicher nicht ganz falsch, doch scheinen mir viele in einen “Macht-Strudel” geraten zu sein, schwimmen auf der Welle mit der Masse mit, be- und verstärken sich gegenseitig.
Irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl mit der “Weisheit d. Massen” in diesem Fall.
Hier der Heiland äähhh Joachim Gauck live:
Joachim Gauck:
3. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor
http://www.youtube.com/watch?v=uSXhMu2Htrk
PS: F!XMBR kann man wirklich nicht mehr ernst nehmen!
Schon richtig, Aliens sind die Netzbewohner zwar nicht. Aber wie repräsentativ die Meinungen im Netz sind, zeigt etwa, dass Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen bei repräsentativen Umfragen zu den beliebtesten deutschen Politikern zählen.
Zu berücksichtigen außerdem jedoch: Konformismus. Wer traut sich denn – sagen wir mal als Blogger – als Fan der CDU zu zeigen? Irgendwie erstaunlich, da die CDU in den meisten Wahlen stärkste Kraft wird. Und noch erstaunlicher, wenn man bedenkt, wie wenige konservative Positionen die CDU noch vertritt. Wie sähe das erst bei einer wirklich konservativen Partei aus?
Hallo Enno,
in Deinem Beitrag ist ein Fehler zu finden. Die Facebook-Gruppe habe ich schon deutlich VOR der Nominierung von Joachim Gauck durch Rot-Grün gegründet. Um in Deiner Lesart zu bleiben: ich war also schon etwas früher nicht nur gegen etwas ;-)
Viele Grüße
Christoph
@Christoph, danke, habs korrigiert!
@Oliver da hast du völlig recht. Ginge es nach dem Netz, hätten wir wohl alleinregierende Piraten. Außerdem wirkt der laute Aufruf einiger weniger in der Masse derjenigen Millionen, die sich im Netz gar nicht daran beteiligen oft überproportional laut.
@scanlines Es gibt genügend ehrenwerte Politiker, die auch Atlantiker sind/waren. Mag sein, dass aus der Ecke dunkle Machenschaften kommen, aber die monokausale Verschwörungstheorie-Logik Atlantiker = böse oder von SPON gelobt = böse mache ich persönlich nicht mit.
@Enno: Ja, finde ich auch, die Gut ./. Böse Dichotomie wird dem Amt des Bundespräsidenten nicht gerecht.
Der Präsident (bzw. die Präsidentin) hat viel zu reden, aber nichts zu sagen. Er gibt viele Erklärungen ab – aber nur die, die von der jeweiligen Regierung vorgegeben sind. Insofern ist von der politischen Entwicklung her völlig egal, ob Kandidaten zur hellen oder zur dunklen Seite der Macht zählen – es geht um die Position als Bundesgrüßaugust (bzw. Bundesgrüßaugustine). (http://www.volkerkoenig.de/2010/06/01/alles-halb-so-wild/)
Mir sind Zensursula und Gauck als Präsidenten gleich lieb und recht. Zensursula wäre ein aus dem Verkehr gezogener politischer Brandherd, Gauck ein Stachel im Fleisch der Regierung. Und beide würden die repräsentativen Aufgaben glaubwürdig und gut wahrnehmen.
Die Entsorgung von Wulff aus dem politischen Leben würde uns relativ wenig Vorteile bringen und protokollarisch profil- und farblos ist er zudem.
Eine meiner Meinung nach sehr interessante Gegendarstellung zum Gauk-Hype: http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2930/gauck-hype-welcher-gauck-hype