Die Facebook Social Inbox – und warum das alles nicht so einfach werden dürfte

Facebook baut den Google-Mail-Killer und alle machen da einen ziemlichen Bohei drum, dass gerade mal drei Dienste nahtlos zusammengefasst werden: Chat, E-Mail und SMS. Das ist etwas, was mein Handy schon seit über einem Jahr kann. Ich habe es abgeschaltet, weil es nervt.

Auch wenn Nico Lumma meint, dass es eine tolle Idee wäre, endlich mal den ganzen Salat an Kommunikationsmöglichkeiten zusammen zu fassen und sich die Social Inbox durchsetzen muss, weil sie ja von Facebook kommt und die 500 Millionen Nutzer haben – ich bin da anderer Meinung. Ich will an dieser Stelle weder unterstellen, dass Facebook versuchen wird, soziale Graphen über noch mehr Nicht-Mitglieder anhand eingehender E-Mails anzulegen, noch weiter darauf eingehen, dass der Stand der Dinge ist, dass man in der Social Inbox keine Nachrichten wird löschen können.

Ich behaupte nur, dass es nicht funktionieren wird, weil es nervt. Das weiß ich aus eigener Erfahrung: Das Palm Pre integriert nämlich Messaging verschiedener Chat-Protokolle und SMS in eine einzige Inbox und zeigt das ganze als Thread an. Es nervt, wenn ich auf eine Nachricht versehentlich per SMS antworte, obwohl ich kostenlos via AIM hätte antworten können. Es nervt, wenn ich eine eigentlich dringende SMS versehentlich über AIM absetze, die den Empfänger erst irgendwann später erreicht, wenn dessen Chat-Client wieder läuft. Und es nervt, wenn ich versuche, mich via iChat am AIM-Account einzuloggen, während mein Handy auch am Chatserver lauscht, was zu Fehlermeldungen und Abstürzen bei iChat oder im Handy führt.

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Diese Erfahrungen zeigen mir, dass die Social Inbox nur funktionieren wird, wenn man sich als Anwender darauf beschränkt, wirklich nur und ausschließlich Facebook für die Kommunikation zu nutzen. Zwar soll es später einen externen Zugriff über Jabber und  IMAP geben – die erste Zeit wird der Dienst aber nur Facebook-intern nutzbar sein mit der Möglichkeit, zusätzlich Mails und SMS von draußen zu empfangen.

Ich halte zusammengefasste Mailboxen noch aus anderen gründen für keine gute Idee: Vermutlich habe ich als Webworker besondere Ansprüche, aber ich habe mehrere E-Mail-Adressen und ein gestaffeltes System: von der privaten Adresse, auf der mich meine Liebste per Notifaction jederzeit erreicht, wenn ich nicht gerade schlafe oder im Meeting bin bis hin zum Spam-Postfach für irgendwelche Dienste, bei denen ich mich testweise anmelde und in das ich allenfalls ab und zu mal hineinsehe. Dazwischen liegen mehrere E-Mail-Adressen und ein gewachsenes System zusammengefasster Inboxen, die sogar unterschiedlich zusammengestellt sind, je nachdem, an welchem Gerät ich gerade Sitze – schließlich soll mich nicht alles und jeder mit einer Mail aufs Handy stören können. So hat mir auch bei Windows Phone 7 besonders gefallen, dass verschiedene Mail-Accounts getrennt gehalten werden und ich bei Bedarf eine oder mehrere Kacheln auf den Startschirm holen kann, die mir anzeigen, ob Mails eingegangen sind.

All die Mails auf den verschiedenen Kanälen in einer Unified Inbox – für mich eine Horrorvorstellung. Wenn ich mir dann noch anschaue, wie unübersichtlich die Bedienung von Facebook weiterhin ist und wie lange man in den oft komplizierten Dialogen nach einer Einstellmöglichkeit sucht und ich das auf die neue Social Inbox übertrage, schwant mir nichts gutes. Last not least kann ich der Thread-Darstellung, wie wir sie bisher von den Nachrichten in Facebook kennen, nicht viel abgewinnen – ich muss nämlich bei jeder längeren Unterhaltung sehr weit nach unten scrollen, wenn ich die neueste Nachricht aufrufen will und neige deshalb dazu, immer wieder neue Threads zu starten, um diesen Scrollweg kurz zu halten. Das kann Facebook natürlich lösen, in dem sie die Reihenfolge verstellen.

Vermutlich werde ich als meine baldige @facebook.com-Adresse nutzen wie Facebook bisher auch schon: Bei eingehender Nachricht wird es eine Notification per E-Mail an meinen drittwichtigsten Account geben, die ich nur bemerke, wenn ich mich am Rechner aufhalte. Wenn die Nachricht wichtig ist, soll man mir gefälligst eine E-Mail schicken – ist sie dringend, dazu noch eine SMS. Das ist nämlich noch ein Punkt, den wir übersehen: Die verschiedenen Kommunikationsmittel ergänzen einander und ich bin überzeugt, dass wir noch sehr lange Telefon, Mail, (Video)-Chat und SMS parallel benutzen werden – weil sie verschiedenen Zwecken dienen genauso wie Fahrad, Auto, Flugzeug und Eisenbahn. Und so, wie ich nicht im Anzug zu einem Vorstellungsgespräch radeln werde, werde ich einem potenziellen Kunden keine Facebook-Nachricht schicken. Aber vielleicht bin ich da auch einfach nur ein wenig old school.

2 Gedanken zu „Die Facebook Social Inbox – und warum das alles nicht so einfach werden dürfte“

  1. Mal von der Frage abgesehen, ob man sowas ausgerechnet von Facebook machen lassen will, um sich damit noch weiter in die Abhängigkeit des neuen Big-Blue zu begeben, finde ich persönlich, dass das Zusammenfassen mehrerer Nachrichtenströme zu einem durchaus reizvoll ist.

    Schon heute empfange ich SMS auch in meiner Googlemail-Inbox und kann dann entscheiden, wie ich antworten will (gut, der Versand von SMS aus Googlemail geht leider immer noch nicht), per Mail, XMPP oder SMS. – Zum trennen der Nachrichten nutze ich inzwischen ein ausgeprägtes Filtersystem und für Testaccounts und andere Risikofälle E-Mails über eine eigene oib.com – Domain.

    Ich denke, dass nicht so sehr das Zusammenfassen mehrerer Inboxen in einer das Problem ist, sondern die intelligente Priorisierung und Filterung. – Facebook geht da mit dem Konzept Inbox / Other zwar einen Schritt in die richtige Richtung, ich persönlich finde aber, wie Du Enno, dass zwei Postfächer nicht in allen Fällen genug sind. Allerdings kann man, finde ich, mehrere Subpostfächer und Adressen durchaus unter einem Dach zusammenfassen.

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