Wann das Fernsehen noch Thema ist – und die Zeitung kaum

Mittagspause. Bilder von den Algenteppichen auf der Ostsee versuchen mir den Appetit zu verderben. Zum Glück habe ich hinreichend Hunger, aber vor allem mag mich diese Nachricht nicht vom Stuhl zu hauen: Ich habe sie ja gestern schon gelesen. Einschließlich Video, wenn ich es hätte sehen wollen.

Ja ich weiß: Dass für den Netzmenschen Nachrichten schon veraltet sind, wenn sie im TV kommen oder in der Zeitung stehen, haben wir schon 1000 mal durchgekaut, das will ich an dieser Stelle nicht schon wieder. Auch dass Blogger und überhaupt viele Onliner in einer Blase Leben, was ihre Sicht auf die Welt betrifft, wissen wir. Für äußerst viele Menschen da draußen war die Nachricht vom Algenteppich heute Mittag noch hoch aktuell.

Darum geht es mir eher nicht, sondern um die Relevanz und ob wir noch übers Fernsehen reden. Damals war das ja grundsätzlich ein Thema am nächsten Tag: “Haste auch diesen Film gesehen…?”. Gespräche beginnen allerdings nur noch selten damit und noch seltener mit “Du, ich hab in der Zeitung gelesen, dass…”. Sie beginnen nicht mal damit, dass man was im Netz gelesen habe, sondern sie schicken mir den Link über Twitter und Facebook.

Wenn wir das in die Zukunft extrapolieren, ist für uns alles, was in den klassischen Medien kommt, bereits bei Erscheinen kalter Kaffee. Nichts ist so alt, wie die Zeitung von gestern, nur dass sie künftig morgen schon von gestern sein wird. Die “Holzmedien” haben drastisch an Relevanz eingebüßt. Aufmerksamkeit erregen sie fast nur noch, wenn sie etwas übers Internet schreiben – und zwar ganz überwiegend hanebüchen nach dem Gefühl der “Digital Natives”. Zeitung findet einfach nicht mehr statt, bzw. sie findet weiterhin statt als Link im Netz, der sich aber von anderen Links und Quellen nicht mehr unterscheidet.

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Etwas anders sieht es mit dem Fernsehen aus. Übers Fernsehen wird tatsächlich ständig geredet. Um Nachrichten geht es dabei so gut wie nie – selbst die tollste Exklusivmeldung der Tagesschau kam ja schon vorher durch – sondern um Events. #USFO war so ein Thema: Unser Star für Oslo. Die Sendungen bis hin zum Finale des Song Contest selbst wurden auf Twitter, Facebook und in Blogs ohne Ende durchgekaut. “Satellite” ging als Video rum, Lena war tatsächlich Pausengespräch.

Dasselbe gilt natürlich auch für “Deutschland sucht den Superstar”, das in Echtzeit kommentiert wird. Ein Großteil meiner Timeline liebt “Domian” auf 1Live und ich weiß über die Radiosendung bescheid, ohne sie jemals gehört zu haben. Sollte mein Zeitgefühl am Wochenende gestört sein – nach wenigen Minuten auf Twitter wüsste ich, dass Sonntag Abend ist und gerade Tatort läuft. Und die WM muss ich hier gar nicht erst ansprechen.

Das Fernsehen hat also nach wie vor eine sehr hohe Relevanz. Und sie liegt offenbar – jedenfalls was die “Netzbewohner” betrifft – nicht in dieser so genannten Grundversorgung mit Nachrichten und Bildungsfernsehen sondern in im Echtzeit-Charakter einer Sendung. Anders gesagt: Alles was live ist und hinreichend viel Event-Charakter hat oder zumindest genuin wie der “Tatort” ist, wird Thema bleiben. Dabei ist es ja auch völlig egal, über welchen Weg die Sendung ausgetrahlt oder gestreamt wird.

So lange die Fernsehsender solche Inhalte haben, kommen sie auch ohne Netz klar, während es geradezu zwingend ist, dass sie, wie auch Zeitungen alles, was nicht diesen Event-Charakter hat und keine Echtzeit erfordert, ins Netz kippen müssen. Sie können gar nicht anders, wenn sie auch in 10 Jahren noch wahrgenommen werden wollen. Die öffentlich-rechtlichen Sender werden ab einem bestimmten Punkt ihrem Bildungsauftrag nicht mehr nachkommen können, wenn sie nicht im Netz publizieren.

Das Problem der Zeitung ist nur, dass sie nicht mehr wissen, wie sie an ihr Geld kommen sollen, während zumindest die öffentlich-rechtlichen Sender über die GEZ abgesichert sind. Und das perverse ist, dass die öffentlich-rechtlichen ihre von der Öffentlichkeit bezahlten Inhalte immer wieder depublizieren müssen, gerade weil die Zeitungen nicht mehr wissen, wie sie an ihr Geld kommen sollen. Es ist also kein Wunder, dass die Verleger hier symmetrisch denken und versuchen, über ein Leistungsschutzrecht an eine Art Holz-GEZ zu gelangen. Ihr Problem ist, dass sie den Event-Charakter, den das Fernsehen oft noch hat, nicht annähernd bieten können. Weder auf Papier noch im Netz.

[Bild: Flickr / rahuldlucca (CC)]

4 Gedanken zu „Wann das Fernsehen noch Thema ist – und die Zeitung kaum“

  1. Der Radiosender aus NRW, auf dem auch Domian seine Sendung hat, heißt ’1LIVE’, nicht ‘Live1′!

  2. Alles, was nicht so wichtig ist, dass man es nicht auch nach in einer drei Tage alten (!) Zeitung noch lesen möchte, sollte man sich vielleicht gleich sparen.

    Anders gesagt: Wenn etwas für das eigene Leben eine Bedeutung hat, wird es sie auch in ein paar Tagen noch haben. Aktualität und Echtzeit sind nur ganz ausnahmsweise von Bedeutung.

    Für die meisten Menschen gilt: Nur der Wetterbericht in einer Nachrichtensendung muss aktuell sein, weil diese Informationen tatsächlich für aktuelle Entscheidungen eine Grundlage bilden.

    Ob Flugzeugabsturz, Arbeitsmarktzahlen, Politiker-Besuch im Ausland, Wahlergebnisse, Gesetzesänderungen oder Energiepolitik – das kann alles warten, bis man es am nächsten Tag in der Zeitung liest.

  3. Eine qualifizierte Einordnung aktueller Ereignisse in größere Zusammenhänge können die „Holzmedien“ schon noch am besten liefern. Dafür spricht auch der große Erfolg des Spiegels, dessen Nachrichten sind ja bekanntlicherweise schon fast eine Woche alt. Was nützen schon die schnellsten Bilder, News, Videos und Fakten, wenn man nicht weiß, welche Bedeutung sie wirklich haben…

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