Südafrika 4 – Ein Deutschlandspiel in Südafrika

Janine Lewerenz ist nach Südafrika ausgewandert. Die Kollegin schreibt, wie sie den Worldcup im Gastgeberland erlebt.

Nachdem im Fernsehen mitverfolgten Auftaktsieg Deutschlands gegen Australien, fuhren wir erneut nach Port Elizabeth, um beim zweiten Spiel unserer Jungs Augenzeuge zu sein. Abgesehen davon, dass wir sowieso eine der Begegnungen live vor Ort anschauen wollten, waren wir zudem gespannt, wie wir hier in Südafrika ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft im Fußball erleben würden.

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Zunächst war die Stimmung so, wie wir sie nun schon von unseren anderen Spielen kannten: Je näher das Stadion rückte, umso lauter und geselliger wurde es. Doch im Unterschied zu unseren bisherigen Matches, bei denen sich die Fans der jeweiligen Mannschaften eigentlich die Waage hielten und immer auch viele grüne und gelbe Bafana-Bafana-Trikots auf den Rängen auftauchten, fühlten wir uns jetzt nicht anders, als fände das Spiel irgendwo in Deutschland statt. Bereits vor den Stadiontoren waren Unterhaltungen in unseren jeweiligen Muttersprachen recht ausgeglichen. Als Dritte im Bunde stimmten zwar auch einige serbische Fans ihre Hymnen an und präsentierten sich in ihren Landesfarben, doch insgesamt schien das Nelson Mandela Bay Stadium weitestgehend in deutscher Hand.

So weit, so gut. Noch zum Anpfiff feierte der Großteil der rund 38.000 Deutschland-Fans seine Mannschaft. Zwar wurde die Stimmung durch das Gegentor etwas gedämpft, doch frohen Mutes waren wir dennoch – genug Zeit blieb ja für einen Ausgleichs- und natürlich einen weiteren Siegestreffer. Hoffnung und Euphorie schwanden allerdings mit jeder Minute, die das Spiel ins Land ging. So wäre es mit Sicherheit auch im eigenen Land empfunden worden. Doch weil ja schließlich noch nicht alles verloren ist, sondern am Mittwochabend gegen Ghana das Weiterkommen noch immer gesichert werden kann, verließen die meisten deutschen Fans das Stadion zwar etwas bedrückt, aber dennoch weiterhin ihre Fahnen schwingend.

Ein Deutschlandspiel in Südafrika zu erleben, machte uns genauso viel Spaß, wie die Erfahrung mit unseren Jungs, die wir vor vier Jahren in Berlin machen durften. Und das Schöne an dieser WM: Mag man auch noch so sehr für eine Mannschaft fiebern, gewinnt der andere, war er halt besser – und es wird sich mit diesem Land gefreut. Etwas bange ist uns zwar schon ob der Tatsache, dass möglicherweise sowohl Südafrika, als auch die Deutschen in der Vorrunde scheitern. Doch egal wer spielt, die Begegnungen werden wir weiterhin mit so viel Genuss verfolgen, wie wir es bislang getan haben. Und noch ist ja nicht aller Tage Abend!

Nach dem Ausscheiden Bafana Bafanas stand vielen Südafrikanern die Enttäuschung buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Kein Wunder, können das doch gerade mit Sicherheit all diejenigen nachempfinden, die erst seit dem Feststehen des Weiterkommens der deutschen Nationalmannschaft wieder ruhig durchatmen.

Lokale Unterstützung für Teams aus Übersee

Doch wer denkt, dass für die südafrikanischen Fans jetzt die WM zu Ende sei, der irrt! Und da leider auch viele andere afrikanischen Mannschaften bereits in der Vorrunde gescheitert sind, werden mehr und mehr auch die Teams aus Übersee unterstützt. Insbesondere England und Brasilien erfreuen sich zunehmender Beliebtheit – wobei wir zugeben müssen, dass die Anzahl der von der Insel angereisten Anhänger sowie die Tatsache, dass sich brasilianische und südafrikanische Trikotfarben doch recht ähneln, nicht unterschätzt werden dürfen.

Nichtsdestotrotz: In Kapstadt war beim Spiel England – Algerien die Hölle los, und die ganze Stadt verwandelte sich in Rot und Weiß. Flaggen auf den Rücken gebunden oder ins Gesicht gemalt, laut hupende Autos mit heraushängenden englischen Fahnen waren an der Tagesordnung. Den Fans war jedes Mittel Recht, um ihre Verbundenheit mit den Three Lions kundzutun. Selbst die königlichen Prinzen Harry und William wurden im Stadion gesichtet, und Superstar David Beckham stattete einem Randbezirk der Mother City einen Kurzbesuch ab. Viele Einheimische schätzen den englischen Fußball sehr, und nicht ohne Grund ist hier die Übertragung der wöchentlichen Premier League besonders beliebt unter den europäischen Fußballligen. Ehrlich gesagt, hoffen wir trotz all dem auf viel Unterstützung am kommenden Sonntag und darauf, dass aus dem rot-weißen Fahnenmeer ein schwarz-rot-goldenes wird.

Aber auch den Ballzauberern aus Brasilien wird immer mehr Beachtung geschenkt. Und genau das ist es auch in unseren Augen, was den Charme dieser Mannschaft ausmacht und weshalb wir so gut wie niemanden kennen, der diese Südamerikaner nicht zu leiden vermag: Die millionenschweren Fußballer vom Zuckerhut sind einfach immer für ein Kabinettstückchen gut, ob mit oder ohne Ball, und trotzdem scheinen sie so volksnah. Viele hier trauen ihnen den WM-Titel zu, und unter uns gesagt: Überrascht wären wir davor auch nicht.

Besonders gefreut aber haben wir uns, als wir auf einer unserer zahlreichen Busfahrten mit einem Südafrikaner aus Johannesburg ins Gespräch kamen, der einzig wegen Good Old Germany auf dem Weg nach Port Elizabeth war. Gekleidet im Trikot der Nationalmannschaft und einen Hut in Schwarz, Rot, Gold auf dem Kopf, bekannte er sich als ausgesprochener Liebhaber Deutschlands. Und auf unsere Frage, was ihn denn so begeistern würde an unserem Team, fielen die Begriffe Leidenschaft und Kämpferherz. Die guten alten deutschen Tugenden werden also auch in Südafrika geschätzt, und wir können gespannt sein, was Jogis Jungs beim Spiel gegen England zu erreichen im Stande sind. Und ob sich die Fans auf den Rängen die Waage halten.

Zwischenbilanz des afrikanischen Wintermärchens

Die Begegnungen für das Achtelfinale stehen fest, und überraschend scheiterten einige große Namen schon in der Vorrunde. Beide Finalisten der WM 2006 mussten frühzeitig die Segel streichen, und der ein oder andere Favorit ist nur gerade noch einmal so mit einem blauen Auge davon gekommen.

Insbesondere die südamerikanischen und asiatischen Mannschaften präsentierten sich sicher, für Europa hielten in erster Linie die Niederlande und Portugal die Fahnen weiter im Wind, und als einzig verbliebenes afrikanisches Team liegen die Hoffnungen nun auf den Schultern Ghanas. Und solange Ghana nicht Deutschland begegnet, fiebern wir ganz besonders mit dieser Mannschaft.

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Wie immer bei einem solchen großen Turnier, gab es einige Highlights zu verzeichnen, und Underdogs wie Neuseeland standen kurz vor dem sensationellen Einzug in die nächste Runde. Und beim Spiel zwischen Portugal und Nordkorea beispielsweise hatten wir einmal mehr das Glück, live dabei gewesen zu sein. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch keiner, dass das ein unvergessliches Spiel mit historischen Ausmaßen werden sollte. So war die erste Hälfte hart umkämpft und auch zur Halbzeit war noch nicht abzusehen, welch große Fußballkunst die Portugiesen bald darauf an den Tag legen sollten: Sieben auf einen Streich! Wir fühlten uns wie beim tapferen Schneiderlein. Ohne Gegentor endete schließlich die Partie und schrieb einen nicht nur für uns unvergesslichen Fußballnachmittag. Die überglücklichen Portugal-Fans erfüllten am Abend die Mother City mit noch mehr Trubel und Heiterkeit, als hier eh schon herrscht.

Und trotz der Runde der letzten 16 ohne Südafrika, zählt noch immer das WM-Motto: „Feel it! It is still here!” Wir fühlen es noch immer, und besonders hat uns wieder eine Gänsehaut ereilt, als wir gestern beim Deutschlandspiel in einer Kneipe neben englischen Fans gesessen, jeweils mit unseren Teams mitgefiebert und trotz des 2. Wembley nach dem 4:1 gemeinsam ein Bier getrunken haben – wenn auch kein Ale! Und wiederum wird uns am Dienstagabend bei der Begegnung Spanien-Portugal live vor Ort im Kapstädter Stadion das gleiche Gefühl bewegen. Wir sind richtig gespannt auf das KO-System mit seinem zusätzlichen Nervenkitzel.

Die Hoffnungen und Erwartungen sind groß, die Spannung nimmt spürbar von Tag zu Tag zu, und Sie können versichert sein, dass wir Sie auch in den nächsten Tagen mit tollen Bildern, Erlebnissen und Live-Berichten aus dem Land der Fußball-Weltmeisterschaft versorgen werden!

[Text und Bilder: Janine Lewelenze / preis.de]