Netzneutralität adé: Telekom will Dienstanbieter abkassieren

Das Tolle am Internet ist ja, das jeder einfach so was reinschreiben und damit zumindest potenziell ein gewaltiges Publikum erreichen kann. Geht es nach der Telekom, ist bald Schluss mit der Gleichheit im Netz. Dienste, die viel Traffic produzieren oder eine besonders gute Anbindung benötigen, müssen extra bezahlen. Das macht aber nicht nur das Publizieren teurer, sondern hat auch Nachteile für die Leser.

Telekom-Chef Obermann sagt: „Ein gut gemachtes Netzangebot ist am Ende auch kostenpflichtig“. Netzsicherheit und Übertragungsqualität zum Beispiel für Videostreams müssten denjenigen, die publizieren, auch mehr kosten. Mit Google ist die Telekom bereits im Gespräch. Das ist nichts geringeres als die Preisgabe der Netzneutralität und eine durchaus gefährliche Angelegenheit.

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Nicht nur vom Dienstanbeiter, auch vom Endkunden könnte die Telekom am Ende Aufpreise dafür verlangen, bestimmte Dienste nutzen zu können. Dass dieses Szenario gar nicht weit hergeholt ist, zeigt das Video unten. Der Pressesprecher der Telekom, Mark Nierwetberg, reagiert damit auf die kritischen Medienberichte. Entlarvend ist dabei die Aussage, dass ein “Basis-Internet” immer frei bleiben würde. Oder mit den Worten von Christian Köhntopp: “Ihr kriegt so viel Netzwerkneutralität, wie ihr bezahlen könnt.”

Die Aufgabe der Netzneutralität ist so etwas wie die Büchse der Pandora: Ist sie einmal aufgehoben, schaut die Telekom in jedes einzelne übertragene Datenpaket rein, um nachzusehen, wie schnell es transportiert werden darf (“Deep Packet Inspection“). Das ist – auf technischer Ebene – eine noch schlimmere Form der “Zensurinfrastruktur” als die Stoppschilder Ursula von der Leyens, die vergangenen Sommer massive Proteste auslösten.

Aber auch jenseits der Angst, dass die neue Infrastruktur missbraucht werden könnte, ist eine Aufgabe der Netzneutralität widersinnig. Was die Telekom da vorhat, gleicht einem Versuch im Straßenverkehr das Vorfahrtsrecht meistbietend zu verkaufen. Sperren gibt es heute schon, wenn zum Beispiel Carrier versuchen, Skype im UMTS-Netz zu unterbinden. Ein Beispiel das deutlich zeigt, dass wir bei abgeschaffter Netzneutralität nicht mehr einfach die Dienste im Netz nutzen können wie wir wollen, sondern nur noch die, die uns erlaubt sind oder für die wir extra bezahlen – nur dass diesmal nicht der Staat die Spielregeln festlegt, sondern kommerzielle Interessen der Unternehmen.

[Bild: Flickr / chris-sy (CC)]

2 Gedanken zu „Netzneutralität adé: Telekom will Dienstanbieter abkassieren“

  1. Ich sehe es genau so. Noch geht es nicht um höhere Endkundenpreise beim Internetzugang. Es geht, wie die Telekom so schön sagt, um die Frage “wie sich in Zukunft Investitionen ins Netz refinanzieren lassen”.
    Dabei kommt mir folgende Gegenfrage in den Sinn: Wenn es so unrentabel ist diese Dienste durch Investition in das Netz zu refinanzieren, warum lässt man es dann nicht so, wie es ist? Für die von Herrn Obermann angesprochenen Punkte sehe ich keine gesetzliche Verpflichtung.
    Vielleicht ergibt sich dann eines der folgenden Szenarien:
    * Das Netz verstopft, die bandbreitenintensiven Dienste werden weniger genutzt oder die betreffenden Dienste bemühen sich selbst für eine bessere Qualität zu sorgen und bieten der Telekom sogar freiwillig Geld an.
    * Ein Mitbewerber ist in der Lage, kostendeckend mehr Bandbreite zur Verfügung zu stellen.

    Es entsteht vielmehr der Eindruck, als würden einige Netzbetreiber an den Geschäftsideen anderer Unternehmen mitverdienen wollen. Diese “Diskussion” erinnert ein wenig an die Verleger, die von Google & Co gerne Geld dafür haben möchten, dass Google ihre Überschriften (und Anreiz-Zusammenfassungen) zur Verfügung stellt, und dadurch angeblich gewaltige Umsätze macht. Keiner von ihnen ist jedoch bereit, sich dann einfach der Google-Suche zu entziehen oder ein Gegenangebot zu machen. Es ist immer leichter, Steuern oder Gebühren zu erheben, wenn man die Herrschaft über eine bestimmte Resource besitzt, als im Wettbewerb dagegenzusetzen.

    Die Gefahren, die ich hier sehe wurden bereits an anderen Stellen genannt:
    * Kleine Anbieter können sich diesen “Dienst” nicht leisten. Neue Geschäftsideen werden nicht umgesetzt oder können sich nicht durchsetzen
    * Wenn eine Priorisierung von Diensten (Daten) stattfindet kommen zwangsweise irgendwelche Dienste ins Hintertreffen. Man kann dann wohl kaum noch von Netz*neutralität* sprechen, wie es zumindest gestern von der Telekom fleissig gemacht wurde.
    * Wie im Artikel genannt kommt dies zumindest technisch einer Zensur gleich

    Mich stört es heute bereits gewaltig, dass im Mobilfunknetz der Telekom (wie auch in einigen anderen Netzen) “zu meinem Vorteil” bereits Einfluss auf Bilder, HTML und JavaScript genommen wird, so dass teilweise Dienste, für die ich zusätzlich beim Diensteanbieter zahle, über das T-Mobile-Internet gar nicht nutzbar sind.

    Eine zugegeben sehr provokante Alternative wäre noch, das notwendige Geld bei denen zu holen, die dieses Datenvolumen wirklich verursachen: Die Endkunden. Weder Google noch Apple zwingen ihre Daten den Nutzern auf. Aber das will ja angeblich niemand.

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