Kippt Xing?

Am Anfang stand ein Blogpost von Martin Sinner. Er ging der Frage nach, ob Xing und LinkedIn gegen Facebooks Übermacht bestehen können. Die Gefahr sehe ich (noch) nicht, aber Xing scheint langsam einen schweren Stand zu bekommen gegenüber LinkedIn. Das ist traurig, aber der Durchmarsch von LinkedIn ist – so fürchte ich – nur noch schwer abzuwenden.

Xing hat sehr viel richtig gemacht: Die Webseite ist verglichen mit Facebook, LinkedIn & Co. sehr einfach zu bedienen und das Business-Networking bietet einen klaren Mehrwert: Selbst wer nur einen kleinen Auftrag pro Jahr über Xing einfährt, holt die Kosten wieder rein. Nirgendwo sonst können kleine Firmen und Selbstständige so preiswert für sich werben und sich zugleich von der menschlichen Seite präsentieren.

Also alles eitel Sonnenschein? Leider nicht. Seit einem halben Jahr wächst der Traffic auf Xing nicht mehr oder nur noch marginal. Das kann man sehr schön bei Alexa.com nachsehen. Für eine börsennotierte AG, die vor 5 Jahren Millionen Euro Wagniskapital erhielt, ist das eine schwierige Situation, solange sie ihr Wachstum nur über Neukunden generieren können, welches sich – wenn die Neukunden auf Xing auch wirklich aktiv werden – durch gesteigerten Traffic bemerkbar machen müsste.

Die Kunden gehen jedoch vermehrt nicht mehr zu Xing, sondern zu LinkedIn und das aus Gründen: LinkedIn ist umsonst und werbefinanziert und vor allem – was noch schwerer wiegt – international. Natürlich gibt es Xing auch im Ausland, unter anderem in den USA (weshalb der ursprüngliche Name “OpenBC” ja auch verworfen wurde), nur ist die dortige Nutzerbasis schmal und soziale Netzwerke funktionieren nun mal nach dem Prinzip, dass alle dorthin rennen, wo die anderen schon sind, auch wenn die Plattform schlechter ist. Facebook-Kritiker können ein Lied davon singen…

Bis heute existiert mein LinkedIn-Profil nur “pro forma”. Ich habe es schlicht angelegt, um mir die Plattform anzusehen und bin dort eigentlich nur eine Karteileiche. Oder höre gerade auf, eine zu sein, denn in den letzten Tagen macht sich ein interessanter Effekt bemerkbar: Während Xing so vor sich hintuckert und ich gelegentlich mal eine Gruppeneinladung oder eine neue Kontaktanfrage hereinflattert, bekomme ich seit etwa zwei Wochen sowas sehr gehäuft auf LinkedIn, wo monatelang absolute Windstille herrschte. Mein subjektiver Eindruck: LinkedIn in Deutschland wacht auf. Ich werde plötzlich dort wahrgenommen und das zwingt mich dazu, damit anzufangen, mein Profil besser zu pflegen.

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Ich habe einige Leute gefragt, warum LinkedIn statt Xing. Ganz oben auf der Liste stand “für mich kostenlos”, aber vor allem: Kontakte im Ausland, meist gar nicht mal in den USA sondern im europäischen Ausland, speziell Frankreich und Großbritannien. Die sind alle immer sowieso schon auf LinkedIn und nur selten dazu zu bewegen, sich zusätzlich noch auf Xing anzumelden. Networking im Web macht Spaß, wird aber nervig, wenn man anfängt, gleich zwei Profile parallel zu pflegen.

Noch ist Xing mit seinen über 8 Millionen Anwendern klar überlegen, allerdings hatten Ende 2009 weniger als 700.000 Mitglieder einen Premium-Account, der obligatorisch ist, wenn man die Plattform ernsthaft nutzen will. Dem gegenüber stehen bereits fast 800.000 deutsche Mitglieder bei LinkedIn und fast 70 Millionen Mitglieder weltweit. Wer also international einkaufen oder erste Schritte zum Vertrieb im Ausland unternehmen will, kommt schon heute nicht mehr um LinkedIn herum.

Für die Anwender hat diese Entwicklung durchaus Nachteile. Damit meine ich nicht nur die Usability der Webseite, die bei Xing wirklich tadellos umgesetzt und der von LinkedIn weit überlegen ist. Ich zahle nämlich gerne 5 Euro im Monat für einen Dienst, der hohe Datenschutzstandards einhält und werbefrei ist, während ich im Falle von LinkedIn meinen “Social-Business-Graph” mit allen Daten einem amerikanischen Unternehmen in den Rachen werfe, das irgendwie versucht, damit Geld zu machen.

Trotzdem sieht es nicht gut aus für Xing. Und am Horizont droht Facebook. Natürlich ist Facebook keine Business-Plattform und die Saufbilder, die dort kursieren, wären auf Xing oder LinkedIn …. äh … kontraproduktiv. Natürlich ist es keine repräsentative Aussage, aber in meinem Umkreis wollen die Leute Geschäft und Privates im Social Web nicht miteinander vermischen und mögen es, zwei getrennte Plattformen dafür zu haben. Theoretisch kann man sich heute schon auf Facebook eine Art Business-Netzwerk aufbauen, indem man sich seine Kontakte in Gruppen einteilt und die Rechte entsprechend setzt. Noch ist das ganze viel zu kompliziert, aber wenn Zuckerberg auf die Idee kommt, in Facebook eine Art einfach zu bedienenden “Business-Modus” zu implementieren, dürfte auch LinkedIn sehr schnell dran glauben müssen.

15 Gedanken zu „Kippt Xing?“

  1. Also ich nutze LinkedIn auch nur sporadisch, muss aber sagen, dass es mir sehr gut gefällt, da mein Palm Pre sich hier die Daten holt und in meinem Adressbuch ablegt. Perfekt also zum netzwerken. Schade, dass das Xing nicht macht!

  2. Das ganze mag soweit auch stimmen. Nur kann ich mir sicher sein, das ich bei Xing durch den geringen “Eintrittspreis” nur mit realen und ernst zu nehmenden Personen zu tun habe.

    Für einen Fakeaccount gibt man kein Geld aus. Weiter sagt die Menge der Benutzer nichts über die Qualität der Kontakte aus.

    Wenn 700 000 Benutzer zahlende Benutzer existieren dann haben diese 700 000 auch ein Interesse an der Nutzung.

    Um es auf deutsch zu sagen: Eine kostenlose Party zieht meist sehr viel gesocks an. Wer es ernst mein zahlt die 5 Euro.

  3. Hmm, mal sehen was da noch von Kickstarter/ Diaspora kommt..dann kneift nämlich Facebook bald den Arsch zu.

  4. Hallo,

    eine Beobachtung, die ich ebenso einschätze. Dieses hat mehrere Ursachen:

    - Xing (früher openBC) kam auf, als es kaum deutsche Pendants gab. Und ich glaube die Lokalisierung ist da viel wert

    - Funktional: Das habe ich mal aufgelistet:
    http://linkedinsiders.wordpress.com/2010/06/10/todosxing/

    technisch gibt es da kaum was zu messen, wer im Vorteil ist. Bestes Beispiel: Der Social Connector: Von Xing zur CeBit (Februar) versprochen, bei mir seit März mit LinkedIn im Einsatz

    - Führungskräfte neigen dazu, sich zusammenzurotten… und diese ziehen halt die Interessanten hinter sich her

    - Privatssphäre: Bei LinkedIn kann ich den Grad, wie ich mich einigel selber definieren (zum Beispiel: Jeder darf mich Kontakten, der meine Mailadresse kennt).

    - Spam: Aus dem Punkt davor ergibt sich die Spam Quote. Diese hat sich in letzter Zeit massiv erhöht. Gerade die aktuelle Diskussion um den XiButler hat das gezeigt. Da zeigt einer tatsächlich, wie man anhand einer Liste automatisch kontaktet….genauso macht man Netzwerke kaputt.

    Generell ist das Wachstum von LinkedIn mittlerweile mind. genauso groß wie das von Xing (10 % neue Mitglieder…in wenigen Monaten).

    Durch den Verlust von Mitarbeitern wie Silke Schippmann wird das auch nicht besser.

    Liebe Grüße
    Stephan

  5. @Enno:

    Empfindest Du LinkedIn ohne Bezahlung als benutzbar (abgesehen davon, dass die chaotische GUI von LinkedIn das Benutzen sowieso schon erschwert)?

    IMHO ist LinkedIn in der kostenlosen Version genauso wenig brauchbar wie XING – mit dem Unterschied, dass Linkedin mindestens 24.95 USD pro Monat kostet und nicht 5 EUR.

    @Michael:

    XING bietet auch Möglichkeiten zur Synchronisation von Profilen. Kann es sein, dass Dein Palm Pre XING schlicht nicht unterstützt?

  6. @ Martin:

    Zumindest kann man Nachrichten schreibe und eine vernünftige Suche durchführen. Und zur chaotischen GUI: Frag mal Niederländer, wie sie Xing empfinden. Eine reine Konditionierungsfrage.

    Zumindest als Moderator hat man sehr viele Vorteile bei LinkedIn.

    Zum Preis:

    http://bit.ly/Linkedin_Preis

    lG
    Stephan

  7. Man muss aber sagen, dass Xing begrenzt ist. Ich habe Kontakte in Frankreich und die benutzen nur Linkedin, Xing ist gar nicht bekannt (außer von Leute, die schon beruflich in Deutschland gekommen sind). Es ist eine Stärke für Linkedin und eine Schwäche für Xing (die als Chance geändert sein kann).

  8. @Martin Auf LinkedIn hatte ich mich zuvor nur wenig bewegt, aber die letzten Tage intensiver. Während Xing mich sehr schnell dazu gebracht hatte, für den Dienst zu zahlen, konnte ich auf LinkedIn bisher alles tun, was ich wollte, ohne auf eine Paywall zu stoßen. Das kann sich bei intensiverer Nutzung sicherlich ändern. Allerdings ist das Hauptargument ja auch nicht der Preis, sondern dass immer mehr Leute wegen ausländischer Kontakte parallel auch bei LinkedIn sind. Und die werden – fürchte ich – Xing aufgeben, sobald die meisten anderen auch da sind.

  9. Ich bin bei beiden angemeldet und – so denke ich – auch entsprechend aktiv. Was mir auffällt und mich auch nervt sind die z.T. wirklich seltsamen Fragen einiger User auf Xing. Da tut man alles um irgentwie zu zeigen das man da ist. Das gefällt mir bei LinkedIn besser. Dies hier gibts es entsprechende Fragen und Diskusionen aus denen man auch lernen kann. Bei Xing ist das in den einzelnen Gruppen auch ok. Nur die Startseite das find ich eher weniger interessant. Mir gefällt auch die Nutzung per Smartphone besser. Ich denke Xing muss einfach wieter Schritte in Richtung Entwicklung nehmen. Dann wird das wieder. Was ich denke ist, dass LinkedIn tatsächlich eher für Führungskräfte interessant ist und auch die Internationalität spielt heute eine sehr große Rolle.

  10. Es ist recht einfach zu sagen, LinkedIn wird XING überrollen, weil es international besser aufgestellt ist.

    Es gibt in Deutschland viele Leute, die noch nicht mal den Nutzen eines Businessnetzwerkes in Form von XING erkennen können und es daher nicht nutzen. Diese Nicht-Nutzer-Schicht wird sich erst recht nicht von einem aufstrebenden internationalen Unternehmen einfangen lassen, da Netzwerkmuffel erst recht nicht international denken.

    Und für den Großteil der Networker ist der internationale Aspekt realistisch gesehen nicht relevant. Sobald der Großteil der Kontakte in Deutschland ist, die Plattform sich besser bedienen lässt und die Pro-Version auch bezahlbar erscheint (5 resp. 6 Euro pro Monat anstellen von 30), gibt es für wenige einen triftigen Grund, das Netzwerk zu wechseln. Und mit Datenschutz will ich gar nicht erst anfangen.

    Natürlich bewegt sich XING softwaretechnisch nicht. Die Führungsriege hat anscheinend keine Vision, wie sich so ein Netzwerk entwickeln könnte. Sie wollen mit althergebrachten werblichen Methoden den Ertrag maximieren und die Nutzer auf die Website bringen. Das wird langfristig zum scheitern verurteilt sein, da sich die Nutzer immer weniger einsperren und geißeln lassen wollen.

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