Das iPad wird den Journalismus nicht retten [Update]

Ich will nicht schon wieder Paid Content kritisieren. Aber wie die Verlage sich mit dem iPad retten wollen, ist mir nach wie vor schleierhaft. Springer will seine Zeitungen “Welt”, “Welt kompakt” und “WamS” für einen Preis “ab” 7,99 Euro auf das iPad bringen, meldet Basic Thinking. Der Verlag muss dafür gleich Scharen von Kunden erwarten – wo auch immer die herkommen sollen.

Vergleicht man die bisherigen Verkaufszahlen des iPhone in Deutschland, dann gehe ich beim iPad von wohlwollend 1 Million Kunden innerhalb eines Jahres aus. Kaufen die sich das iPad nur, um damit Zeitung zu lesen? Unwahrscheinlich.

[adrotate group="5"]

Also mal angenommen, jeder zehnte iPad-Kunde würde sich ein Zeitungsabo besorgen, jeder Dritte davon eins bei der Welt. Dann wären das gut 30.000 Kunden, die mit 7,99 Euro deutlich weniger zahlen als für ein reguläres Print-Abo. Auf Print werden die Verlage trotzdem nicht verzichten können. Die Strukturen und damit die Fixkosten für das Grosso bleiben bestehen. Also darf man in die iPad-Version nicht nur die elektronischen Kosten einrechnen, sondern muss mit dem Erlös daraus auch die Print-Kosten mitberechnen.

Das iPad als medialer Erlöser?

Geht man wohlwollend von 30.000 iPad-Abonnenten aus, bei einer momentanen Verkaufsauflage von 260.000 (IVW 04/2009) und knapp 120.000 Abonnenten, dann wäre das eine Auflagensteigerung von 25 Prozent. Das wäre in der Tat eine stolze Zahl, nur zahlen die iPad-Abonnenten nicht die volle Summe, die ein Abo eigentlich kosten müsste. Eine Rückkehr zu den goldenen Zeiten höchster Auflage wären auch 25 Prozent mehr Abonnenten nicht. Es ist ein Zubrot, keine Rettung.

Und noch immer hat mir niemand auf die Frage geantwortet, was die Verlage eigentlich mit ihren Online-Angeboten machen wollen, die man doch auf dem iPad in bester Größte und meist kostenlos betrachten kann. Sperren? Das würd was geben…

Update, 16:54 Uhr: Turi2 hat genauere Zahlen. Demnach erhält man für die 7,99€-Version nur die “Welt am Sonntag”. Ein komplettes Abo der “Welt” würde auf dem iPad 29,99 Euro im Monat kosten.

Das wiederum ist nun ein Preis, den sich wirklich nur echte Fans leisten würden. Solche, die vielleicht überlegen, ihr Print-Abo gegen ein iPad-Abo zu tauschen. Aber sind Early Adopters die typischen Zeitungsabonnenten? Wohl eher nicht. Also wäre “Welt” als App auf dem iPad eher ein Neukundengeschäft. Und ist da jemand bereit, knapp 30 Euro im Monat für eine Tageszeitung zu bezahlen, die kaum Pad-spezifische Funktionen bietet?

Ich mag mich irren, würde mich eher sogar freuen, wenn das iPad meinen Berufsstand rettet. Aber ich fürchte, Springer, so geht die Rechnung nicht auf!

7 Gedanken zu „Das iPad wird den Journalismus nicht retten [Update]“

  1. Natürlich kann das iPad den Journalismus nicht retten und ist nur ein Zubrot. Aber Werbeeinnahmen waren in den Anfangszeiten der Zeitung auch mal ein Zubrot. Wenn man nicht nur das iPad nimmt sondern viele Pads, die vielleicht demnächst auf den Markt kommen und das ganze vielleicht noch mit einer einheitlichen Schnittstelle zu anderen Readern und dem Web selbst verbindet, *könnte* man eine Paid-Content-Wall hochziehen, die vielleicht sogar funktioniert. Natürlich sind News immer einen Klick entfernt, aber heise macht es mit der c’t doch seit langem vor: heise.de und der Inhalt der Papier-c’t überschneiden sich nur teilweise und stützen einander, zwischen den Redaktionen gibt es Synergie-Effekte. SPON geht ja einen ähnlichen Weg. Das ganze steht und fällt damit, dass dem Leser wirklich etwas fürs Geld geboten wird, was er nicht mit ein paar Klicks auch sofort woanders findet. Das sind dann aufwändige Dossiers, Reportagen, fachliche News mit begrenztem Leserkreis und lokales. Da muss eine Redaktion ganz genau wissen, was sie will. Vielleicht führt das ganze ja auch zur Entschleunigung und sorgfältiger Arbeit, weil Redaktionen, die von der schnellen, dreckigen, kurzen News eh nicht mehr leben können, auch keine Energie mehr in solche Investieren. OK, ich hab heute irgendwie gute Laune und bin ungewohnt optimistisch. ;)

  2. Enno Park hat Recht. In den Verlagen wird das Thema übrigens sehr viel nüchterner gesehen, als es in vielen Blogs, so auch in diesem dargestellt wird. Niemand erwartet von einem Device wie etwa dem iPad eine “Rettung”. Hier geht es um Evolution einer Branche, und Evolution ist ein Verfahren von Versuch und Irrtum. Es geht jedenfalls nicht um das Hoffen auf Erlösung. Die sollten wir der Religion überlassen. Ist ja auch bald Ostern. Dafür – und für unsere Branche – die besten Wünsche, RO

Kommentare sind geschlossen.