Amazon holt sich blutige Nase von US-Buchverlag Macmillan, schießt zurück

Machtspiel: Wer darf in der schönen neuen Technikwelt eigentlich zum Beispiel Preise für Ebooks festlegen? Der, der am längeren Hebel sitzt. Amazon musste in einem spektakulären Fall im US-Ebook-Markt gegen einen mächtigen Buchhändler klein beigeben – und tat dabei etwas Ungewöhnliches.

Es sind erste Anzeichen für einen Handelskrieg zwischen Amazon und Apple. Amazon scheint in den USA derzeit alles seinem Ebook-Lesegerät Kindle unterzuordnen, auch die Buchpreise. Diese setzt der Buchhändler gerne auf 9,99 US-Dollar an, selbst wenn die Verlage mehr dafür verlangen und Apple das Kindle damit praktisch subventioniert. Mit der wie üblich gestärkten Brust lud Amazon am Donnerstag John Sargent zu sich nach Seattle ein, den CEO der Buchkette Macmillan. Und der kündigte Amazon-Chef Jeff Bezos an, dass Amazon für den Niedrigverkaufspreis keine neuen Bücher mehr von ihm haben könne.

Unabhängigkeit gewünscht, Zähneknirschen geerntet

Gestärkt fühlte sich Sargent offenbar, weil Macmillan erst wenige Tage zuvor von Amazons neuer Konkurrenz Apple gebauchpinselt wurde. Apple erklärte die Tochter des deutschen Holtzbrinck-Verlags zu einer der tragenden Säulen des neuen iBook-Stores auf dem iPad. Nicht ohne Grund, denn Macmillan vertreibt zahlreiche Bestseller exklusiv.

Im iBook-Store kann Macmillan die Preise selbst festlegen – solange man Apple die üblichen 30 Prozent der Einnahmen abgibt. Auf Apples neuer Plattform will Macmillan die Bücher lieber zwischen 12,99 und 14,99 Dollar verkaufen. Und eine ähnliche Unabhängigkeit wünschte sich Sargent am Donnerstag auch von Amazon. Es ging ihm auch darum, seine Bücher nicht zu verramschen. Die Käufer sollten nicht das Gefühl bekommen, dass Ebooks zu Spottpreisen für 9,99 Dollar oder weniger zu haben seien.

Das Zähneknirschen beim größten Versandhandel der Welt muss bis in die entlegendsten Kellergewölbe zu hören gewesen sein. Als Sargent am Freitag nach New York zurückkehrte, erfuhr er ebenso überrascht wie zahlreiche Kunden, dass Amazon Macmillian-Ebooks von seiner Plattform genommen hatte. Vorübergehend, wie sich tags drauf heraus stellte.

Kindle

Warnung und Aufruf zum Boykott

Nach dem Schuss vor dem Bug nahm Amazon Macmillans Ebooks wieder in seinen Katalog auf und akzeptierte damit das neue Preismodell des Rebellen. Doch den schwarzen Peter gab Amazon gleich weiter und reagierte am Samstag mit einer Erklärung im Kindle-Forum, die es in sich hat:

Wir möchten Ihnen mitteilen [...], dass wir kapituliert haben und Macmillans Geschäftsbedingungen akzeptieren, weil Macmillan ein Monopol auf die eigenen Buchtitel hat und wir sie Ihnen anbieten wollen, auch zu einem Preis, der unnötig hoch für Ebooks ist, wie wir glauben. Amazon-Kunden entscheiden nun für sich selbst, ob sie einen Preis von 14,99 Dollar für einen Ebook-Bestseller bezahlen wollen. Wir glauben nicht, dass alle der wichtigsten Verleger den gleichen Weg einschlagen werden wie Macmillan.

Diese Nachricht enthält alles: Trotz, indirekten Aufruf zum Boykott der Macmillan-Bücher und zum Abschluss noch die Warnung an die übrigen Händler, gar nicht erst auf die Idee zu kommen, es Macmillan gleich zu tun. Klingt als wäre das letzte Wort da noch lange nicht gesprochen.

Der Verbraucher hat von all dem übrigens wenig. Er ist dem Preisdiktat entweder des Online-Händlers oder der Buchverlage ausgeliefert. Schöne neue Konzernwelt.