Rückzug aus China? Googles Mut – und die langfristige Strategie dahinter
13. Januar 2010 - Jürgen Vielmeier
Selten reagierte die Technikpresse so positiv wie auf die Meldung, dass Google die Zensur in China nicht länger hinnehmen will. Sollte es notwendig sein, wolle man sich gar aus China zurückziehen, schreibt der Konzern. Hinter dieser Meldung, die vielerorts bereits als Kampf für die Menschenrechte gefeiert wird, steckt natürlich auch wirtschaftliches Kalkül.
Zum einen ist das, was Google in einem Blogpost ankündigt, noch lange nicht der Rückzug aus China. Google wollte der chinesischen Seite damit signalisieren, dass man sich noch einmal an den Verhandlungstisch setzen möchte, diesmal unter Googles Bedingungen. Gut möglich, dass die chinesischen Machthaber die Suchmaschine danach zum Teufel schicken. Ebenso gut möglich aber auch, dass China Google einen Sonderstatus gewähren wird, wie man es oft tut, wenn der starke Verhandlungspartner offen und klar seine Meinung vertritt.
China verhandelt hier nicht mit einer ausländischen Regierung, sondern mit einem Konzern und damit auch um ausländische Investitionen. Und geht es um Geld, sind (nicht nur die) Chinesen oft zu erstaunlichen Kompromissen bereit. Siehe Sonderwirtschaftszonen wie Shanghai, Guangdong und Hainan.
“Don’t be evil” als Kaufargument
Es gibt aber noch einen viel bissfesteren Grund, warum Google nun so offensiv auftritt: Man spielt in China kaum eine Rolle. Je nach Quelle hält die Suchmaschine Baidu im Reich der Mitte einen Marktanteil von 63 Prozent (comscore) oder 77 Prozent (Baidu selbst). Google hält laut Baidu in China einen Marktanteil von 17 Prozent.
Selbst das gibt man in einem Milliardenmarkt nicht einfach so auf. Wichtiger dürfte Google im Moment aber etwas ganz anderes sein: in den übrigen Märkten der Welt (auch in Indien, wo man fast 90 Prozent Marktanteil hält) das Vertrauen der Nutzer zurückzugewinnen. Nachdem Googles Informationshunger vor allem im vergangenen Jahr zunehmend in Verruf geraten ist, können Zweifel an den guten Absichten der Kalifornier bares Geld kosten.

Startseite von Google China.
Mit guten Nachrichten das Vertrauen wieder herstellen
Google will überall sein: In unserer Websuche, unseren Expeditionen ins Netz (Chrome), in unseren E-Mails (Googlemail), in unseren Office-Dokumenten (Docs), auf unseren Handys (Android), bald sogar als Betriebssystem auf unserem Rechner (Chrome OS). Da ist es schlichte Notwendigkeit, dass die Nutzer dem Alleswisser vertrauen. Und wie könnte man das Vertrauen besser wiederherstellen als mit einer Meldung, dass man sich für die Menschenrechte einsetzt und einem das Wohle der Nutzer wichtiger ist als der größte Zukunftsmarkt der Welt?
Vorgeschoben ist der Grund, China habe versucht, Googlemail-Konten chinesischer Menschenrechtsaktivisten zu hacken. Das verschafft Google am Verhandlungstisch mit den kommunistischen Führern eine bessere Position. Der Zeitpunkt der Drohung, den chinesischen Markt zu verlassen, ist also gleich doppelt gut gewählt.
Soziale Zeitenwende?
Trotzdem: Alles langfristige wirtschaftliche Kalkül Googles außer Acht gelassen: Finanzielle Verluste in Kauf zu nehmen, um die eigenen Prinzipien zu untermauern und Moral zu zeigen, ist in diesen turbokapitalistischen Zeiten beispielhaft und mutig. Trotz oder gerade wegen der Wirtschaftkrise kann und darf Geld derzeit alles; nach Ethik wird auch in der Wirtschaftspolitik nicht mehr oft gefragt. Könnte Googles Ankündigung der Beginn einer sozialen Zeitenwende sein? Wer wie Google weiß wie man Trends setzt, der kann das womöglich nicht nur in Sachen Internet und Technik, sondern auch in Sachen Wirtschaft. Ich bin gespannt!




[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von TooAngel, Katharina Roder, Anja B, YuccaTree Post, Gesine von Prittwitz und anderen erwähnt. Gesine von Prittwitz sagte: RT @Petra_Berg Rückzug aus China? Googles Mut – und die langfristige Strategie dahinter http://bit.ly/89NSB3 [...]
Deine 17 Prozent Marktanteil die Google angeblich in China hält stimmen nicht ganz.
2006 waren es noch 15 Prozent, 2009 anfangs 30 Prozent und im vierten Quartal sollen es schon 35 Prozent gewesen sein.
Quelle:
http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/marktberichte/:das-kapital-china-will-was-google-will/50060157.html
Angenehme Nachtruhe und mach weiter so.
Guter Blog! (oder Gutes?)
Hi Rob,
danke für die Ergänzung. Der Blog, das Blog – wer weiß das schon. Der Duden sagt “das Blog” als Haupt- und “der Blog” als Nebenvariante. Ich seh’s ähnlich, aber der Duden weiß auch längst nicht mehr alles. ;)
Wie hoch Googles Marktanteil in China ist, hängt wie immer von der Quelle ab, die das behauptet. ;) Ich hab mich auf – die zugegebenermaßen nicht sehr aussagekräftige – Einschätzung des Mitbewerbers Baidu gestützt. Dein FTD-Link stützt sich auch auf irgendeine (leider nicht näher genannte) Quelle. Recht haben wahrscheinlich beide – once again: wer weiß das schon. Du erhälst da wahrscheinlich ebenso viele verschiedene Antworten wie wenn du “Experten” nach der Höhe von Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit fragst.
Danke fürs Lesen und bis bald!
Hast auch wieder Recht.
Nehmen wir die Hälfte und einigen wir uns auf 26 ;)
Gruss, rob