Foursquare und Co.: Mit dem Handy einchecken

Jedes neue Jahr braucht einen Hype. Im vergangenen Jahr ging es um diese Zeit so richtig mit Twitter los. Dieses Jahr scheinen Eincheck-Apps für iPhone und Co. der Renner zu sein: Man teilt der Webgemeinde einfach mit, wo man gerade ist. Man möge mich dafür gerne gepflegt zersägen, aber ich fürchte, ein so großer Hit wird das nicht…

Dabei macht Foursquare es eigentlich auf ganz charmante Weise: Wer in einem Monat am häufigsten in einem Lokal eincheckt, wird zu dessen “Mayor” ernannt. Das Lokal, Café, Restaurant oder was auch immer kann die Topchecker mit Preisen ködern – und so mehr Gäste anlocken. Auf Twitter oder Facebook erscheinen darüber jeweils Benachrichtigungen wie:

I’m at Nyx (Vorgebirgsstraße, Bonn) http://4sq.com/……

Das ist noch langweiliger zu lesen als “Schieße mich gerade mit Jägermeister ab”; aber wenigstens weiß dann jeder, wo man ist. Ich hab die Foursquare-App für mein iPhone zwei-, dreimal ausprobiert. Den Ort, an dem ich eingecheckt hatte, musste ich zunächst selbst mit reichlich Willpower eintragen, weil ich dort wohl der “Urchecker” war. Nach zwei Minuten fragten mich meine Begleiter, ob ich sie langweilig fände, oder warum ich sonst die ganze Zeit mit meinem iPhone spielen würde.

Darf ich damit nun behaupten, dass die meisten Leute nur an Orten einchecken, an denen ihnen langweilig ist? Dürfte zumindest nicht ganz von der Hand zu weisen sein.

Foursquare und Gowalla
iPhone-Screenshots: Links Foursquare, rechts Gowalla

Aber ich will nicht zu gehässig sein. Die Idee ist durchaus nicht schlecht und könnte bei einfacher Anwendung Spaß machen. Kneipiers könnten davon profitieren. So könnte es ganze Eincheck-Rallyes geben oder Charts darüber, in welchem Lokal gerade die besten Party ist, weil am meisten Technik-Nerds coole Leute eingecheckt haben.

Dienste kannibaliseren sich selbst

Dazu fehlen den Eincheckdiensten aber die Genauigkeit (man kann auch in einer Kneipe einchecken, obwohl man zu Hause auf der Couch liegt) – und das Zugpferd. Twitter hatte das Glück, so ziemlich als einziger relevanter Mikroblogdienst alle Nutzer um sich zu scharen. Bei den Eincheckdiensten buhlen gleich mehrere um die Gunst der Nutzer und kannibalisieren sich damit selbst. Martin Weigert von Netzwertig beschreibt das Dilemma in einem Blogposting vom Wochenende über die Synergien der Dienste Gowalla und Foursquare:

Momentan schwächen sich beide Services gegenseitig, indem sie die vergleichsweise kleine Schar der globalen Early Adopters umwerben, von denen sich ein Teil für Foursquare, ein Teil für Gowalla und manche (wie ich) für beide Anbieter entscheiden.

Weigert hält einen Zusammenschluss beider Dienste für das Sinnvollste. Alex Olma vom iPhoneblog listet in einer guten Übersicht noch weitere Apps auf, die ähnliche Funktionen bieten: Loopt, Aka-Aki, Google Latitude, MyTown (ehemals Booyah), Longitude, Yelp und Qype. Würden alle Dienste ihre Informationen über APIs einem gemeinsamen Pool zur Verfügung stellen, könnte es in der Tat spannend werden. Aber dass das fraglich ist, zeigt der seit Jahren erfolglose Versuch, alle Instant Messenger von ICQ bis Skype unter einen Hut zu bringen.

Ich halte Eincheckdienste für eine nette Spielerei, die sicherlich in diesem Jahr noch einige Wellen schlägt. Der ganz große Wurf wird es aber wohl nicht werden.

11 Gedanken zu „Foursquare und Co.: Mit dem Handy einchecken“

  1. Schöne Idee, würde ja gern Foursquare und Gowalla testen, aber hab ja eines der vielen WindowsPhones, daß viele Nutzer haben, aber welche offenbar immer mehr in Vergessenheit geraten…

  2. @jürgen: das jahr ist noch jung, ich vermute du liegst weit daneben. wenn erstmal APIs draußen sind und externe services und daten angebunden werden, wird es richtig derb zur sache gehen.

    auf t3n.de haben wir 2 erfahrungsbereichte und einen Gowalle/Foursquare vergleich gepostet:

    Location Clash
    Gowalla und Foursquare im Showdown! Vergleich der Location Based Services: http://t3n.de/news/gowalla-foursquare-vergleich-264913

  3. @Andy: Klar, vielleicht hast du recht, und mit APIs wird’s zum Hit überhaupt. Vielleicht ist aber auch alles nur eine Frage der Perspektive. Facebook würde ich inzwischen schon als Erfolg bezeichnen. Twitter sehe ich aber zum Beispiel noch lange nicht da. Von 50 Leuten in meinem erweiterten, durchaus internetaffinen Freundeskreis mit Menschen um die 30 nutzen es drei. Und Twitter hat im Vergleich zu Foursquare und Co. bemerkenswert viele Nutzer. Deswegen denke ich: Foursquare, Gowalla und Co. werden möglicherweise ein Hype unter uns Geeks werden. Für die breite Masse aber ebenso wenig wie Podcasting, Blogging und eben Twitter.

  4. Da liest man mal ganz unverfänglich seine RSS-Feeds und auf einmal springt einem das Nyx in´s Auge. Ja, ich will dort wieder mal ein 90er Jahre Party erleben oder zumindest mal einen Bundesliga-Samstag. Oder gleich wieder zurück nach Bonn. :/

  5. >(man kann auch in einer Kneipe einchecken, obwohl man zu Hause auf der Couch liegt)

    Bei Gowalla geht das nicht, da muss man zumindest schon in der Nähe sein. Und dann hängt es vom ‘Einzugsbereich’ des Spots ab, die der Anlegende steuern kann (z.B. Bahnhöfe groß, Wohnungen klein). Was meinst Du, wieviele Leute schon im Vorbeigehen in meinem SauerstoffHQ eingecheckt haben?

    Bei 4sq ist es in der Tat möglich auch irrrrgendwo einzuchecken, ist also unzuverlässig.

  6. Ich denke, man sollte Foursquare/Gowalla hauptsächlich als Spiel betrachten, um Mayor zu werden und Rabatte zu jagen. So zieht man schnell begeisterte Spieler an, die es auch in der Social Media Welt verbreiten, aber die Gefahr, dass der zehnte Check-In an dem gleichen Ort langweilig wird, weil irgendjemand cheated um Mayor zu werden oder man es wirklich an seiner Lieblingslocation nicht schaffen kann, ist ziemlich hoch. Dadurch kann die Nutzungsdauer des Dienstes sehr gering sein und damit ist es nicht der große Wurf, wie schon in dem Artikel angedeutet.

    @Andy Die API für 4sq macht es definitiv sehr interessant, da man dadurch ein interessantes Ökosystem schaffen kann und eine Plattform für ortsbezogene Spiele aufbaut. Evtl. gibt es ja bald viele Arten 4sq zu spielen oder man nutzt es nur noch zum fremde Leuten finden in anonymen Bars…

    Ich bin selbst Mitgründer von Tagcrumbs (auch auf iPhone erhältlich), aber es geht nicht um dass wo bin ich gerade oder wer ist in meiner Nähe sondern um das Beschreiben von interessanten Plätzen an denen man gerade ist, schon war oder erst noch hin will. Eher was YouTube für Videos oder Flickr für Bilder ist, ist Tagcrumbs für ortsbezogene nutzergenerierte Inhalte.

    Cornelius (@rabschi)

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