Web-2.0-Journalismus: Berichte über Mücken, die nie zu Elefanten werden

Ich muss noch einmal nachtreten. Gegen die Subkultur, deren begeisterter Anhänger ich selbst eine lange Zeit war. Für die US-Techblogs arbeiten einige der besten Journalisten der Welt: Schreiben wie die Menschen heute reden, recherchieren am Puls der Zeit – berichten über Nichtigkeiten. Sie sind gewachsen, als Twitter und Facebook Anfang des Jahres in den Himmel gehypet wurden. Jetzt sind sie gezwungen das Tempo zu halten, um ihre Sponsoren nicht zu verlieren. Die Leidtragenden sind die Leser.

Das US-Techblog Mashable ist ein gutes Beispiel für ein Dilemma, das erst noch eines werden wird. Aus Verlegersicht hat Mashable alles richtig gemacht. Man kann jeden Beitrag auf Facebook, Twitter oder Google FriendConnect teilen. 12,5 Millionen Pageviews gibt es nach eigenen Angaben im Monat. Zwischen Juni und November hat sich die Zahl der Leser, die das Blog täglich besuchen, laut Alexa verdreifacht. In der Eigenbeschreibung nennt sich das Blog um Frauenschwarm Pete Cashmore das weltgrößte Blog, das sich exklusiv auf Web 2.0 und Social-Media-News spezialisiert. Slogan der Seite ist “All that’s New on the Web”.

Knallhart aufgedeckt, was in der Pressemeldung stand

Nur, was gibt’s denn noch so Neues im Web? Schaut man aktuell auf die Startseite von Mashable, tischt uns die Redaktion heute folgende Themen auf, von mir bereits auf den eigentlichen Inhalt skelettiert:

  • App-Entwickler erhalten erweiterten Zugang zu Twitter.
  • Browsererweiterung soll andere Browsererweiterungen schneller machen
  • Die Zukunft für die MySpace App-Community sah auch schonmal besser aus
  • Zwei Musiklabels starten in den USA eine Plattform für Musikvideos (Vevo)
  • Postabon erzählt, wann und wo es Schnäppchen zu kaufen gibt

Ich geb zu, das klingt auf den ersten Blick gar nicht einmal soo langweilig. Bei vielem davon muss man bei näherer Betrachtung aber schon mit der Lupe nach dem Besonderen suchen. Für Vevo gibt es zum Beispiel gleich zwei Meldungen, eine davon trägt in der Überschrift den großbuchstabigen Zusatz “REVEALED” (aufgedeckt). In der Meldung geht es im Großen und Ganzen darum, dass Universals Dienst Vevo in Zusammenarbeit mit YouTube eine neue Seite eröffnet, in der Musikvideos laufen.

Soll der Leser doch das Sieb mitbringen

Gemessen an bisherigen Fortschritten der Unterhaltungsindustrie im Netz ist das sicher noch die spannendste Meldung vom Tage. Misst man es aber daran, wie viele Konkurrenzangebote (ob legal oder illegal) es dafür schon gibt, verliert die Meldung schnell ihren Wert. Autor Ben Parr verpackt die Geschichte gekonnt mit dem Einstiegssatz “Falls ihr es noch nicht gehört habt, …”. Ist es aber nicht auch Aufgabe eines Journalisten, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen? So wird das Filtern alleine dem Leser überlassen, und die Autoren werden bessere Verpackungskünstler.

Noch größer scheint das Rauschen auf Techcrunch zu sein, der ehemaligen Nummer 1 der Techblogs (vor einigen Monaten aber hinter Mashable zurückgefallen). Eine Werbeanzeige (125 mal 125 Pixel) für einen Monat in der Sidebar ist derzeit erst ab Mai wieder verfügbar und kostet 15.000 US-Dollar. Mehr als vier Millionen Leser haben den Techcrunch-RSS-Feed abonniert, 1,2 Millionen Menschen den Twitter-Stream. Thematisch heute im Angebot:

  • Im nächsten Jahr soll in San Francisco eine Twitter-Konferenz stattfinden
  • MySpace stellt eine neue Echtzeit-Entwicklerschnittstellen vor
  • Eine App lässt Fotos aus der iPhone-Kamera wie Automatenfotos aussehen
  • Apple verschickt Neuigkeiten für iPhone-Entwickler jetzt per RSS
  • Google integriert Google Apps in Google Groups

Sicher finden sich bei den Techblogs auch spannende Meldungen. Die Geschichte von Vevo gehört wohl dazu. Aber das Rauschen hat einen Schallpegel erreicht, der in den Ohren schmerzt. Gut 25 Meldungen veröffentlicht Techcrunch täglich, bei Mashable waren es gestern gar 28. Nach dem Motto: Wir selektieren nicht mehr. Was wissen wir schon, was der Leser interessant findet? Soll er doch entscheiden!

So ist man auf dem besten Weg zum Presseportal. Die Anzeigenkunden stört das nicht. Mehr Meldungen = mehr Traffic = mehr Seiten, auf denen die Anzeige erscheint. Und die Leser? Die werden irgendwann mit der Masse überfordert sein, die aufgeblasenen Themen erkennen und sich mit Grausen wenden. Und dann wird das Geschäftsmodell der Blogs doch implodieren. Das wissen die Macher längst. Jetzt geht es nur noch darum, die Zeit bis zum Knall möglichst weit auszudehnen.

10 Gedanken zu „Web-2.0-Journalismus: Berichte über Mücken, die nie zu Elefanten werden“

  1. Schöner Beitrag und ich stimme voll zu!

    Ich überfliege Mashable nur noch grob und klicke an, was interessant klingt, lese aber max. 1-2 Artikel wirklich durch. Man schafft es einfach nicht mehr und es wird zuviel.

    Größeres Eigentor: Den genannten Blogs auch noch bei Facebook das Fan-Dasein schenken, dann bekommt man im Newsfeed gar keine Ruhe mehr…

  2. Ein Problem was viele große Blogs haben. Viele Tricks, Nachrichten werden einfach etwas aufgebohrt und dann reingestellt. Bei Mashable überfliege ich auch nur noch die Seite und wenn ich nichts finde was mich überhaupt interessiert bin ich wieder weg. Man muss nicht über alles Berichten! Mashable macht ja auch gerne mal um jeden neuen Facebook Button einen Hype. Techcrunch finde ich schon lange nicht mehr so interessant wie früher die Top-Storys fehlen einfach. Aber eines muss man beiden lassen die Reputation im Netz sucht bei beiden ihres gleichen.

  3. Gegen die Informationsüberflutung bin ich auch, allerdings kann der Ansatz meiner Meinung nach nur beim Empfänger liegen.

    Gerade von Fachblogs sollte man nicht verlangen, weniger Artikel zu produzieren. Sofern es eine Unterteilung in Rubriken gibt, hat man es schon mal ziemlich leicht, für sich selbst zu filtern. Noch besser ist es, wenn man Feeds nach Rubriken getrennt abonnieren kann.

    Wenn Fachblogs umfassend berichten, halte ich das für ausgesprochen positiv. Die Stärke der Onlinemedien liegt ja gerade darin, mehr als nur Mainstream News zu bieten.

    Ich habe keine iPhone, aber wenn ich eines hätte, würden mich Artikel über interessante Apps sicher grundsätzlich interessieren.

    Bessere Filter und Personalisierung sind das, was wir brauchen, nicht weniger Informationen.

    Themen, die nicht genügend Leser finden, werden künftig weniger stark berücksichtigt. Und bei Themen, für die Interesse besteht, ist die Sache doch klar: Die Menschen wollen es lesen. Also wird geliefert. Ob sie damit ihre Zeit verschwenden, müssen sie selbst entscheiden.

  4. Ich sehe die genannten Seite auch sehr kritsch und ich denke auch, dass es deren Aufagbe ist zu selektieren. Das ist das Problem, wenn aus kleinen Blogs kleine Unternehmen werden…

  5. Gut beobachtet, die Kritik ist sicher berechtigt. Sowohl Mashable als auch TechCrunch sind Blogs, die nach wie vor ausschließlich auf das Social Web fokussiert sind. Sie müssen deshalb praktisch jede noch so kleine Meldung aufgreifen, um ihr tägliches Mindestquantum an Artikeln leisten zu können. Schreiben sie weniger, sinken die Click-Raten, worauf unmittelbar die Werbeeinnahmen sinken! Sie müssen also das Rad irgendwie am Laufen halten, auch wenn es bisweilen (oder häufig) nicht genug relevante Themen gibt.

    Andere, wie VentureBeat oder der Silicon Alley Insider bedienen inzwischen ein sehr viel breiteres Themenspektrum. Das halte ich für die bessere Lösung.

    Aber auch diese Blogs lese ich nicht direkt: Ich schaue mir jeden Tag die Schlagzeilen auf Techmeme durch und wähle mir daraus das für mich Wichtige und Interessante.

  6. Ich mache es so ähnlich wie Matthias, aber ich verlasse dafür nicht extra meinen facebook oder Twitter Stream: mein sozialer Graph filtert mir die wichtigen Informationen von Techcrunch schon vor.

    und auch jetzt: dieser Artikel hat mich über Twitter gefunden, irgendwer hatte den ge-ReTweetet. Der Artikel “App-Entwickler erhalten erweiterten Zugang zu Twitter” weckt mein Interesse und ich gehe diesmal direkt auf Techcrunch und werde mir den Artikel von hand raussuchen weil hier mal wieder ein Link fehlt.

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