Liegen bleiben: Ein Kreuzzug gegen das unausgeschlafene Heer der Geistesarbeiter
03. Dezember 2009 - Jürgen Vielmeier
Ich schlafe gerne aus – und möchte mich gleich in aller Form für diese Unverschämtheit entschuldigen! Denn dafür werde ich von der Arbeitswelt verachtet und stoße auch privat bei Unterhaltungen zumindest auf Unverständnis. Lange schlafen hat in diesem Land keine Lobby. Aber warum eigentlich nicht?
Winston Churchill ist so ein Mensch, den ich mir zum Vorbild nehmen soll. Nicht nur, weil er ein ganzes Volk gegen die Bedrohung aus dem Ausland mobilisiert und jahrelang im Durchhalten bestärkt hat. Sondern auch, weil er als sehr effektiver Kurzschläfer galt. Churchill schlief der Legende nach nachts kaum mehr als drei Stunden, und hatte damit umso mehr Zeit, Pläne zur Verteidigung gegen Nazi-Deutschland zu schmieden.
Das Land der müden, berauschten Arbeiter
Ohne dass ich Churchills Verdienste in irgend einer Weise schmälern möchte: Es wird oft vergessen, dass er im ausgeschlafenen Zustand sicherlich nicht schlechter entschieden hätte. Früh aufstehen gilt aber schon seit jeher nicht nur als Trend, sondern als Pflicht. Übernommen haben wir das aus dem Zeitalter der Land- und Viehwirtschaft. Bauern sind nun einmal gezwungen früh aufzustehen, weil sie das Tageslicht ausnutzen und die Kühe früh melken müssen.
Trotzdem gilt frühes Aufstehen auch heute in der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft noch als notwendig, obwohl wir schon längst keine Nation von Feldarbeitern mehr sind. Unsere Gesellschaft wird zunehmend ein Volk von Geistesarbeitern – unausgeschlafenen Geistesarbeitern.
Denn obwohl Mediziner im zahlreichen Tests nachgewiesen haben, dass ein ausgeschlafener Mensch in der Regel leistungsfähiger ist und bei Problemlösungen schneller zum Ergebnis kommt, kramen wir uns jeden Werktag aufs Neue viel zu früh unter der Bettdecke hervor. Den fehlenden Schlaf kompensieren wir mit der Kaffeebohne oder der Kraft des Restalkohols nach der Party vom Vorabend. Also sind wir nicht nur ein übermüdetes, sondern auch noch ein berauschtes Volk von Geistesarbeitern.
Allzeit erreichbar – warum dann um 8 Uhr im Büro sein?
Am Wochenende holt man den bis freitags versäumten Schlaf wieder nach – und opfert damit einen weiteren erheblichen Teil seiner kostbaren freien Zeit dem Arbeitgeber. Was der nun davon hat, wenn er seine Belegschaft täglich um 7 oder 8 Uhr morgens zum Rapport bestellt, kann nur spekuliert werden. Vielleicht hat man einfach Angst davor, dass ausgeschlafene Mitarbeiter eher zum Nachdenken fähig sind und Dinge hinterfragen, statt kritiklos ihrer Arbeit nachzugehen.
Aber selbst Arbeitgeber, denen etwas an ihrer Belegschaft liegt, verschenken Produktivitätspotenziale, wenn sie ihre Arbeitskräfte nicht ausschlafen lassen. Ist es für Menschen, die Konzepte entwickeln und Projekte optimieren sollen und für ihren Arbeitgeber dank Blackberry oder iPhone ohnehin rund um die Uhr erreichbar sind, denn überhaupt noch notwendig, täglich zu einer festen Zeit im Büro zu erscheinen?
Ausschläfer gelten als faul
Ich schlafe gerne lange, sehe das als wunderbares Mittel, um fröhlich und produktiv in den Tag zu starten – und bin damit bei vielen Menschen, die mich neu kennenlernen, direkt als Faulpelz verschrien. 95 Prozent der Unternehmenschefs und Personalmanager würden mich nun nicht mehr einstellen, nachdem sie diese Zeilen gelesen haben. Dabei käme kaum einer der Menschen, die mich besser kennen, jemals auf die Idee, ich könnte faul sein. Oft reagieren sie überrascht, wenn ich ihnen mein großes Geheimnis (dass ich Langschläfer bin) verrate.
Sie hatten mich doch als so fleißig in Erinnerung. Dass ich das nicht jeden Tag bin, gebe ich ebenfalls offen zu. Aber ich arbeite genauso hart wie andere Menschen auch. Nur eben ausgeschlafen und etwas später als viel zu früh morgens und chronisch übermüdet. Vielleicht bringt einen gerade der Reichtum an Schlaf und Ruhe auf die Idee, Dinge zu hinterfragen, nach Veränderungen zu streben – und Texte zu schreiben wie diesen hier. Von mir an einem gemütlichen Donnerstagnachmittag verfasst, nachdem ich morgens mal so richtig ausgeschlafen habe.
Übermüdete machen Fehler
Wie viel ihr schlaft, überlasse ich natürlich euch. Aber seid doch so nett und seht nicht mehr auf andere herab, nur weil sie gerne viel schlafen. Und wenn ihr nicht zu den Menschen gehört, die zumindest manchmal morgens einfach liegen bleiben würden, weil es im Bett so gemütlich ist, dann seid ihr mir suspekt.
Ich habe nämlich auch Angst! Angst vor völlig übermüdeten Maschinenbedienern, Busfahrern, Technikern im Kernkraftwerk oder Politikern, die Entscheidungen mit internationaler Tragweite treffen müssen. Ich kann euch allein für euer und unser aller Wohlbefinden nur raten: Schlaft gut!
Foto: Prakhar.






















Es geht ja nicht nur um das viel schlafen sondern auch um das wann.
Ich schlafe nicht mebhr oder weniger als andere Leute. So 7-8 Stunden. Aber das mache ich eben gerne zwischen 2 und 9 Uhr. Oder eben 10.
Und das sorgt in der Tat dafür, dass man schnell als fauler Mensch verschrien ist. Weil man eben um 10 oder 11 Uhr erst anfängt zu arbeiten. Dass ich um 20 Uhr aber immer noch im Büro bin, da wo die Frühaufsteher oft schon seit 4 Stunden Feierabend haben, das ist dem Zusammenhang dann schnell irrelevant….
Ich bin zur Zeit auch ein Langschläfer und fühle mich jeden Morgen irgendwie schuldig. Dank dieses Artikels werde ich morgen sicher ohne schlechten Gewissen aufwachen :-)
Eben… Frühaufsteher gehen i. d. R. auch früh ins Bett. Ich fange nicht vor 10 Uhr an zu arbeiten, bin aber eben auch bis ca. 20 Uhr unterwegs. Die Vor- und Nachteile der einen oder anderne Lebensweise heben sich auf…
Aber man kann doch nicht behaupten, dass Frühaufsteher chronisch übermüdet sind. Wie Jott schon bemerkt, sie können auch früher ins Bett gehen.
Ich persönlich finde die “Frühschicht” ja praktischer. Man hat abends noch Zeit für Sport und die Geschäfte sind noch nicht dicht. Klar, könnte man auch morgens machen, aber da macht das keinen Spaß ;-).
Aber: Ich möchte nicht, dass Kernkraftarbeiter erst um 10 Uhr anfangen, wer kümmert sich denn dann morgens um die Dinger?
Jürgen, schöne Idee! Wenn da nur nicht jemand wäre, der was dagegen hat und für Argumente überhaupt nicht empfänglich ist…:-)
@Christian: Stimmt, wir müssen an die Entscheidungsträger und Firmenbosse heran. Das wird noch viel Arbeit sein…
Da gibt es ein wunderbares und sehr passendes Buch von Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang… http://bit.ly/7PNht2
Lesen! :)
Man hört jedenfalls immer wieder von Statistiken, nach denen die Menschen in unserer Gesellschaft generell ein Schlafdefizit haben.
Daran, dass ich Frühaufsteher wirklich so früh ins Bett kommen, glaube ich nicht. Das Leben hat sich dafür zu stark verändert, als dass das so gut klappen würde wie früher.
Ja, bei all den unausgeschlafenen Menschen da draußen, kann einem schon Bange werden. Aber das hilft ja nix, doch man sollte im Straßenverkehr nicht damit rechnen, es nur mit gut ausgeschlafenen Menschen zu tun zu haben.
Es gibt Arbeitsbereiche, in denen die Präsenz der Mitarbeiter notwendig ist. Und ein gewisser Anteil davon erfordert das Erscheinen zu festgelegten Zeiten. Aber wo es nicht notwendig ist, sollte auf diese starren Vorgaben verzichtet werden, das nützt allen.
Die freie Einteilung meiner Arbeitszeit zählt für mich auch zu den größten Vorteilen des Blogger-Lebens. Da schreibt einem niemand vor, ab wie viel Uhr man im Schlafanzug auf der Couch zu sitzen hat… ;-)
Sich seine Zeit selbst einteilen und sich motivieren zu können, tatsächlich zu arbeiten, obwohl es niemanden gibt, der einen diesbezüglich überwacht, erscheint mir eine so wertvolle Fähigkeit zu sein, dass man bereits in der Schulzeit damit anfangen sollte, sie zu trainieren.
Ein Festhalten an festen Zeiten für den Schulbeginn und am Präsenzunterricht “alter Schule” (!) halte ich für einen großen Fehler.
@Jürgen: ich meinte in diesem Fall die “kleine” Chefin…:-)
@Christian. Verstehe. ;) Ja, die hat ihren eigenen Kopf. An den Nachwuchs müssen wir auch ran. :)
@Oliver: Du sprichst mir aus der Seele. Gerade vom frühen Beginn des Unterrichts sind nicht nur die Schüler gestresst, sondern auch viele Lehrer, die ich kenne. Totaler Quatsch, heute noch daran festzuhalten und Mutlosigkeit der Kultusministerien, daran nichts ändern zu wollen.
Es gibt sicherlich Menschen, die gerne früh in den Tag starten; sei es weil sie nunmal früh aufwachen oder gerne einen Teil des Nachmittags nutzen wollen. Aber gerade deswegen verstehe ich nicht, warum in so vielen Büros keine Gleitzeit angeboten wird. Bei einer gewissen Anzahl Mitarbeiter würde sich das doch problemlos einspielen.
Schlimm wird es, wenn Menschen aus Leistungsdruck oder Ehrgeiz kaum bis garnicht mehr schlafen. Das ist ja auch für viele Selbstständige ein Problem: Die einen brauchen die Disziplin, sich überhaupt aufzuraffen; andere wiederum kommen garnicht mehr vom Schreibtisch los und fühlen sich schuldig, wenn sie mal “Freizeit” nutzen.
Also ich arbeite bereits in einem Unternehmen mit Gleitzeit – Arbeitsbeginn Kernzeit ist zwischen 09 und 10 Uhr. Allerdings bin ich auch bei einer Agentur angestellt, wo ja sowieso andere Maßstäbe gelten.
Jedenfalls wollte ich erwähnen, dass derzeit sogar die Versicherungsgesellschaft, bei der meine Mutter arbeitet, auf Gleitzeit umstellt. Und wir sprechen hier von einer eigenständigen Versicherung deren Hauptsitz in einem Dorf mit ~1.200 Einwohnern liegt. Ein Ort, bei dem die nächste Stadt über eine halbe Stunde per Auto (Überland) entfernt ist und selbst dort keine 50.000 Menschen zusammen kommen. Also worüber macht ihr euch Sorgen? Wenn sogar die Bauern (das meine ich nicht gehäßig oder sonstwie böse!) das schon begriffen haben und eine Lösung bereits umsetzen, seid ihr hier sicherlich weiß Gott nicht die Ersten mit diesen Gedanken ;)