Gut gepolstert mit Taschen und netten Leuten: Driving home for Christmas

Schon am Telefon ist klar: der Fahrer, meine Mitfahrgelegenheit einen Tag vor Heiligabend, ist ein alter Bekannter von mir. Ich ahne da noch nicht, dass die Fahrt doppelt so lange dauern würde wie geplant, Taschen und Kisten neben, auf und unter mir stehen werden – und es eine der gemütlichsten Autofahrten meines Lebens werden wird.

Stress kam keiner auf. “Ich muss in Deutz noch schnell bei unserer Firma vorbei und die Heizung nachfüllen”. Aha? “Von euch hat’s keiner eilig, oder?”, fragte Dirk. Unter Bekannten kein Problem. Die anderen beiden Mitfahrer sind Dirks Freunde, ich kenne ihn aus Jugendfreizeit und Schulzeit in meinem Heimatort. Danach ist er in Köln gelandet und als Beleuchter für Film und Fernsehen tätig.

Weihnachtsplausch über zwei Kisten hinweg

“Unsere Firma” ist ein Lager für Filmrequisiten und jede Menge Technikkram, die ein Außenstehender nicht von einem normalen Lager für kleine Autoteile unterscheiden könnte. Dirk gibt uns eine kleine Führung, zeigt uns eine Spielzeug-Pumpgun und feuert mit Schaumstoff-Bolzen auf uns. Wir schießen zurück. Zwei Kisten verstaut er noch im ohnehin schon vollgepackten Wagen, gießt Flüssigbrennstoff in die Heizung, die die Halle vor einem weiteren Rohrbruch schützen soll. Dann geht die Reise weiter. Der neue Karton “sitzt” nun auf dem Platz neben mir, eine Tasche liegt darauf.

Meinen Nebensitzer kann ich kaum noch erkennen. Wir unterhalten uns mit erhobenem Kopf trotzdem nett über unsere Arbeit. Als Geologe kenne er einen weiteren alten Bekannten aus der Schulzeit, der nun über die Weihnachtstage “irgendwo bei Bremen” ein Bohrloch überwachen muss. Offenbar bei allen Mitfahrern ein sehr beliebter Freund. Für die nächste halbe Stunde ist das Gesprächsthema gesichert.

Gut gepolstert mit Koffern, Jacken, Nebensitzern

In Bochum steigt mein Nebensitzer aus, hinzu kommt eine weitere alte Bekannte aus der Schulzeit. Im Gepäck: ein Treckingrucksack. Der Kofferraum bereits mit Kisten und Koffern von uns anderen voll, muss die Bekannte ihren Rucksack auf den Schoß nehmen. Um mich mit ihr zu unterhalten, nehme ich die Tasche, die auf dem Karton neben mir liegt, auf den Schoß. Neben mir weiterhin der ominöse Karton aus dem Lager, unter mir meine Laptop-Tasche. Irgendwo dazwischen: die Jacke, die ich ausgezogen hatte, mein Schal, eine Wasserflasche, Handschuhe. Alles kein Problem, bis ich an einer Raststätte aussteigen muss. Wir haben uns verfahren.

“Wir könnten natürlich auf der A43 bis Münster fahren, es sei denn, ihr wollt unbedingt auf die A31″, sagte die neu Hinzugestiegene. Karte und Navi haben wir nicht dabei. Ich konsultiere Google Maps auf dem iPhone: “Wir könnten auf der Bundesstraße über Coesfeld fahren und dann die A31 rauf”, schlage ich vor.

Um überhaupt an der Raststätte aussteigen zu können, muss ich die Tasche auf mir auf den ominösen Karton neben mir legen, meine Jacke, den Schal irgendwie darunter. “Nervennahrung?”, fragt mich die Verkäuferin am Kiosk, als ich mir eine Tafel Schokolade kaufe. Es ist bereits Abend und ich hab seit vier Stunden nichts gegessen. Sie erklärt mir den Weg: “Nächste Ausfahrt bei Haltern abfahren und dann einfach die B58 entlang, bis ein Autobahnschild kommt.” Für das Einsteigen und Anschnallen inmitten all der Schichten aus Jacken und Gepäck brauchte ich beinahe fünf Minuten.

Lager
Lagerhalle mit Silvester-Raketen

Bereichsleiter Kreditvergabe für halbluktrative Firmenkunden

Im Auto ist mittlerweile Weihnachtsstimmung ausgebrochen. Dirk erzählt von seinen Erlebnissen am Set diverser Fernsehfilme und seinem Ärger mit knauserigen Produktionsfirmen. Die alte Bekannte neben mir und ich tauschten uns über unsere Arbeit aus, über ihre Mutter und ihre Geschwister. So gut hatte ich mich noch nie mit ihr unterhalten. Und der Beifahrer vorne entpuppt sich als jemand, der auf meiner Schule zwei Jahre nach mir Abitur gemacht hat.

Wir mustern uns gegenseitig, kommen uns aber nicht bekannt vor. “Damals hat er halt noch nicht so stylisch ausgesehen”, sagt Dirk über ihn. “Also keine Lederjacke und langen Haare.” – “Doch doch”, entgegnete der Beifahrer. “Ich hatte damals eine Wildlederjacke mit Fell drin.” – “Das weißt du etwa noch?”, fragt Dirk erstaunt.

Er freue sich auf ein paar der Spezialisten von früher, sagt Dirk ein paar Minuten später mit leicht ironischem Unterton. Leute, die ihn von oben herab damit aufziehen, dass er nur Freiberufler mit schwankendem Einkommen sei, während sie zum stellvertretenden Bereichsleiter der Kreditabteilung bei der Sparkasse aufgestiegen sind: “Wenn ich mir überlege, was die damals erzählt haben, wo die in fünf Jahren sein wollten. Finanzmakler in Paris und so, und wo sie heute sind. Da denke ich mir: Haltet doch einfach die Klappe! Ich bin beim Fernsehen und könnte euch stundenlang erzählen, welchen Regisseur und Filmstar ich da wieder gesehen habe. Tue ich aber nicht, weil ich selbst weiß, wie langweilig das manchmal ist.”

“Was ist eigentlich in der Kiste drin, die den ganzen Platz wegnimmt?”

Inzwischen sind wir viereinhalb Stunden unterwegs für eine Strecke, für die man normalerweise nur zweieinhalb Stunden braucht. Meine Nebensitzerin erzählt mir von einer Geschäftsidee, ich ihr von einer eigenen. Dirk amüsiert sich über seinen verplanten Mitbewohner, der immer wieder vergisst, die Espressomaschine auszuschalten: “Bei einer normalen Kaffeemaschine wär’s ja nicht so schlimm, aber die Espressomaschine hat einen Drucktankbehälter mit 15 bar. Wenn man die nicht ausstellt, leiern die Dichtungen aus. Das ist wie eine heiße Herdplatte, auf der kein Topf steht. Nur eben noch mit Druck dazu.”

Es geht um die Weihnachts- und Silvesterpläne. “Sorry, Jürgen”, ruft Dirk in meine Richtung. “Wir haben alle einen gemeinsamen Freundeskreis. Unsere Geschichten sind bestimmt furchtbar langweilig für dich!”

Nicht im Geringsten.

In der Heimat angekommen, fährt Dirk mich vor die Haustür. Es dauert wieder zwei Minuten, bis alles aus- und umgeladen und neu verstaut ist. “Sag mal, Dirk: Was ist eigentlich in diesem großen Pappkarton, den du aus dem Lager mitgenommen hast”, fragt der Beifahrer von vorne. Die Kiste, die die ganze Fahrt über neben mir liegt. “Das?”, fragt Dirk. “Ach, das sind Feuerwerkskörper für meine Familie. Überbleibsel aus der Firma.”

Wir anderen protestieren scharf und lachen dabei.