Die internationale Wii-Verschwörung – Protokoll eines Langzeitopfers

Nintendo muss einen Vertrag mit den Regierungen sämtlicher Industrienationen geschlossen haben, scheint es. Ziel soll es sein, uns zu ranken, sportlichen Arbeitstieren von der Stange zu züchten. Beweise gibt es keine, aber die Indizienlage ist erdrückend. Leidensbericht eines Bewegungsopfers.

Es war an einem Tag im Winter, schon 1 Uhr morgens. Freunde hatten sich eine neue Spielekonsole gekauft, ich sollte sie testen. Sie nannte sich Wii und war leicht bedienbar. Wir spielten ein bisschen Bowling und Golf. Man musste dazu jeweils mit seinem Arm ein wenig ausholen, bevor man sich wieder erschöpft auf die Couch setzt und weiter an seinem Bier schlürft. Ich wollte eigentlich schon gehen, als meine Bekannten verkündeten, sie hätten da noch ein Spiel.

Es wäre noch viermal besser als die anderen Spiele bisher und ein unglaublicher Kick. Dabei lächelten sie geheimnisvoll in sich hinein. Was das denn wäre, fragte ich interessiert. Nein, das könnten sie mir jetzt nicht sagen. Es sei ja schon spät, aber na gut, dieses eine Mal und nur für mich.

“Was passiert hier mit mir?”

Sie starteten das Spiel namens Boxen. Dabei bewegt man die Steuergeräte wie Fäuste und drischt auf einen virtuellen Gegner namens Toto Mancini oder Alex the Brawler ein. Schnell hatte ich verstanden: Rasche Bewegungen auf Kopf und Seite des Gegners machen ihn am schnellsten mürbe. Also drosch ich, was das Zeug hielt. Noch vor dem ersten Gong sank mein Gegner zu Boden.

Nach dem ersten Kampf war mir schon deutlich wärmer geworden. Ein paar Schweißperlen rannen mir über die Stirn. Ganz schön anstrengend. Ich vermöbelte noch einen Gegner, dann einen weiteren. Kommt da gar kein echter Gegner? Beim vierten musste ich mich mehr anstrengen, doch auch er ging nach einer Schlagarie vor Ablauf der Zeit zu Boden. Und ich stand schweißüberströmt mitten im Wohnzimmer meiner Freunde. So aus der Puste war ich sonst nur nach dem Joggen. “Noch einen Gegner!”, rief ich wie im Trance. Einer meiner Freunde intervenierte kameradschaftlich, aber bestimmt: “Für heute ist’s genug. Aber wir laden dich gerne mal wieder ein.”

Was passierte bloß mit mir?

Auf dem Weg nach Hause war mir ungewohnt leicht zu Mute. Fast wie im Rausch. Ich fühlte mich aufbrausend wie lange nicht mehr, und mir war klar: Ich brauchte mehr.

“Für heute ist’s genug”

Gleich am nächsten Tag reaktivierte ich meine Laufgruppe wieder. Die meisten waren schon im Winterschlaf. Aber einem schaffte ich es, ein schlechtes Gewissen einzureden. Voller Adrenalin und angetrieben von einer unglaublichen Energie scheuchte ich ihn einmal um die Rheinpromenade.

Frisch geduscht stand ich abends wieder vor der Tür meiner Freunde mit der Wii. “Nachschub?” fragte mein Bekannter nicht sonderlich überrascht. Ich hämmerte mit den Controllern was das Zeug hielt, entwarf neue Techniken, ging zu Boden, schickte zu Boden, gewann drei weitere Kämpfe, erledigte den Vierten, steckte vom Fünften ein und wollte gegen den Sechsten wieder austeilen. Mein Bekannter hielt mich auf. Das sei genug für heute. Verschwitzt machte ich mich auf den Heimweg und musste zuhause erneut duschen.

Der Schlägervisage imponiert meine Entschlossenheit

Am nächsten Tag ging ich ins Schwimmbad, zum ersten Mal seit Wochen. Ganz klar, ich würde klein anfangen, erst einmal 50 Bahnen in aller Ruhe, später schneller. Bereits nach einem Monat hatte ich eine stattliche Geschwindigkeit erreicht. Abends ging ich zu meinen Freunden mit der Wii. Bald reihte ich mich beim Boxen in die Riege der Besten ein. Mein Bekannter scherzte, er nähme bald Eintritt.

Als nächstes stellte ich mich in einem Boxverein vor. Die Schlägervisage von Trainer musterte meinen pummeligen Körper von oben bis unten, setzte schon zum Kopfschütteln an, nickte dann aber doch schief grinsend. Meine Entschlossenheit hätte ihn überzeugt, würde er mir einige Wochen später gestehen. Auf der Arbeit vollbrachte ich Höchstleistungen plötzlich wie aus dem Effeff. Projektplanung, Prozessoptimierung, Delegieren – alles kein Problem mehr. Von Arbeit und Ganzkörpertraining vollkommen ausgepowert sank ich abends halbtot aber zufrieden ins Bett. An einen Besuch bei meinen Freunden mit der Wii war kaum noch zu denken.

Bäume wachsen in den Himmel

Nach ein paar Wochen ertappte ich mich dabei, wie ich mich selbst im Spiegelbild musterte. Ich hatte an einigen Stellen bereits Muskeln angesetzt, ging deutlich aufrechter und spielte heimlich mit meinem deutlich größeren Bizeps. Ich fühlte mich fitter denn je und kündigte alte Gewohnheiten wie den Fußballstammtisch und den Kegelklub. Auf der Arbeit wurde mir eine bessere Stelle angeboten mit 5.000 Euro Extragehalt im Jahr. Heiße Blondinen auf der Straße, die mich sonst mit dem Hinterteil nicht angeguckt hätten, zwinkerten mir plötzlich zu. Die Bäume wuchsen in den Himmel.

Meine Freunde begannen langsam sich Sorgen zu machen. Was aus mir geworden wäre. Kein Bier würde ich mehr mit ihnen trinken gehen und zur Schnitzelflatrate käme ich auch nicht mehr. Ungesellig sei ich geworden und überhaupt nicht mehr ich selbst. Entfremdet hätte ich mich.

Schluchzend brach ich zusammen

Auf der Wii meiner Freunde gab es bald keinen Gegner mehr für mich. Ich hatte sie alle in Grund und Boden geboxt. Als nächstes wollte ich mich in einem Fitnessstudio anmelden. Da intervenierte ein Freund.

Er war Leiter einer Beratungsstelle für Suchtopfer und Unterlegene der Marktpolitik staatlich-wirtschaftlicher Interessensverbände. Er legte mir einen Fragebogen vor: Ob mich innerliche Zwänge dazu verleiten würden, mich zu sehr zu bewegen. Ja, taten sie. Ob ich manchmal nachts aufwachen und an das Ausüben übermäßigen Sports denken würde. Ja… Oh mein Gott! Ich war ein Süchtiger.

Schluchzend brach ich zusammen. Nun wurde mir alles klar. Die Konsole war die Einstiegsdroge gewesen, die Freunde mit der Wii die Dealer, die sicherlich eine Provision erhielten. Mein Boxlehrer mit der Schlägervisage ein Mitwisser. Der Hersteller der Konsole selbst mit Bundesregierung und Unternehmerverbänden liiert.

Den Preis, um an die Öffentlichkeit zu gehen, wolle ich auf keinen Fall zahlen

Ohne es zu wissen hatte ich mich schleichend von einem betriebsratsnahen Gesellschaftsskeptiker mit Übergewicht zur unermüdlichen Arbeitsmaschine mit höchster geistiger und körperlicher Fitness herangezüchtet. Wie geschaffen für einem neoliberalen Arbeitgeber mit Heuschrecken als Investoren. Dazu auskoren, unermüdlich 12 Stunden zu schuften, abends drei Stunden ins Fitnessstudio zu gehen und nicht zu hinterfragen, dass ich längst ein Rad im Getriebe der Mächtigen geworden war.

Vor Wut zerfetzte ich den Fragebogen, sprang auf und schleuderte den Stuhl, auf dem ich gesessen hatte, mit einem einzigen Handbewegung an die Wand. Er zerbrach sofort in zwei Teile. Ich brüllte, kochte, tobte. Ich würde an die Öffentlichkeit gehen, bellte ich heraus. Die Presse informieren, die Menschen auf der Straße wachrütteln.

Mein Therapeut sah mich ernst an und schüttelte langsam den Kopf. Die Massenmedien seien längst Teil der Verschwörung, finanziert von staatlichen und halbstaatlichen Geldgebern. Die einfachen Leute auf der Straße? Nicht stark genug, die Wahrheit zu verkraften! Chaos, Aufruhr und demolierte Schaufensterscheiben wären die Folge. Das ganze war eine internationale Konspiration – ein Aufdecken unmöglich. Den Preis wolle ich auf keinen Fall bezahlen, sagte er wissend. Ich sah ihn fragend an. Er nickte. Auf gar keinen Fall.

Wissen ist kein Segen

Heute bin ich sauber, weg von dem Zeug. Meine alten Freunde vom Kegelklub und vom Fußballstammtisch haben mich klaglos wieder aufgenommen. Kameradschaft hält auch über schwere Zeiten hinweg. Und auch die Muskelmasse hat sich größtenteils zurückgebildet. Langsam ist wieder alles wie vorher – halt gemischt. Mal wache ich morgens auf und bin gerädert, mal fühle ich mich ganz ordentlich. So geht es wohl jedem, der die Wahrheit kennt, und der still und klaglos seinem Brotjob nachkommt, weil er kein Aufsehen erregen will.

Ich weiß jetzt was gespielt wird, aber ich behalte es für mich. Wissen im Stillen ist gut, öffentliches Wissen schafft nur Ärger. Und die Wii? Um die habe ich seitdem einen Bogen gemacht. Meine Freunde, die sie mir vorgeführt haben, sollen eine Zeitlang ein breites Kreuz gehabt haben, heute aber wieder mit der Fluppe in der Hand durch die Gegend schlendern.

Irgendwann geht jedem ein Licht auf.

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