Couchblogging in einer Welt der Autovermieter und Müllmänner

Blogger, so das gängige Klischee, sitzen im Schlafanzug auf dem Sofa und kritisieren von dort aus die ganze Welt, in der sie nichts erleben. Nach rund acht Jahren als Blogger wollte ich das endlich auch einmal ausprobieren. Es fehlte mir dazu nur: eine Couch. Sie wäre jetzt nicht hier, wenn die Welt nicht von Autovermietern und Müllwagenfahrern zum, nun ja, Guten gewendet wird.

Denn mit dem Selbstbewusstsein ist das so eine Sache. Geht es ums Bloggen, bin ich wie alle anderen Couchblogger nicht auf den Mund gefallen: Alles klar, drauf los. Zack, zack, zack! Geht es darum, anderen Menschen klugscheißerische Ratschläge zu erteilen, ebenso: Alles klar, drauf los. Zack, Zack, Zack! Geht es um Eroberungen beim anderen Geschlecht, im Prinzip genau das gleiche: Alles klar, drauf los…

Damit du keine Ängste mehr kennst

Nur vor manchen Dingen hat man – will nicht sagen: Angst, aber doch – Respekt. Bei mir war es das seitlich Einparken eines Pritschenwagens. Bis heute. Dann haben zwei Institutionen mir die Angst genommen, von denen man das vielleicht nicht erwartet hätte: ein Transportunternehmen und ein Abfallentsorger.

Wenn Vertrauen der Anfang von allem ist, dann sind die größten Mutmacher dieses Landes die Autovermieter! Ohne die Fahrkünste eines Kunden zu überprüfen oder sie zumindest zu hinterfragen, übergeben sie jedem Besitzer eines alten Klasse-3-Führerscheins ein Fahrzeug bis 7,5 Tonnen – ohne mit der Wimper zu zucken.

“Glückwunsch!” Glückwunsch?

Dass ich in meinem Leben erst einmal einen Dreieinhalbtonner gefahren bin und das Einparken meistens erfahreneren Großstadtmenschen überlassen habe, scheint den Sachbearbeiter nicht zu interessieren. Mein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schmilzt dahin, als er mir das Schlachtschiff mit rund sechs Metern Länge vorführt: “Die Leute kriegen es nicht hin, die Wagen dort abzugeben, wo sie ankündigen”, schüttelt er den Kopf. “Deswegen bekommen Sie jetzt einen Mercedes Sprinter statt eines Kastenwagens. Glückwunsch!”

Couchblogging
Vor dem Couchbloggen ist erst ein kompletter Lebenswandel notwendig.

Meine Freude hält sich in Grenzen. Das Ding will am Zielort erst einmal eingeparkt werden. Als der Sachbearbeiter außer Sichtweite ist, übe ich deswegen erst einmal heimlich, das Fahrzeug ein- und wieder auszuparken. Besser dort als auf der Hauptstraße. Seitenspiegel, Einschlagen, Lenkrad loslassen. Beim dritten Versuch nach gut drei Minuten klappt es halbwegs sauber. Plötzlich steht der Sachbearbeiter neben mir. Ich sei ja noch da. Ob mit dem Wagen nicht alles in Ordnung wäre.

Vertrauensvorschuss.

Gelassenheit kenne ich von Müllmännern seit heute weniger, dafür wissen sie offensichtlich zu motivieren. Die Parklücke am Zielort ist groß, die Couch schnell verstaut. Sehr zur Freude des Müllwagenfahrers, der wegen meines Pritschenwagens nicht durch die Straße passt. Gar nicht so leicht, in der engen Straße rückwärts die Spur zu finden und dabei hundert Meter ohne Sicht zu rangieren.

Hilfe auf Müllmann-Art

Als ich nach zwei vergeblichen Versuchen zum dritten ansetze, beschließt der Müllwagenfahrer mir zu “helfen”. Wild gestikulierend und aus Leibeskräften hupend setzt er vorwärts und fährt geradewegs auf mich zu.

Na gut, dann muss es jetzt funktionieren. Irgendwie rangiere ich die hundert Meter langsam geradeaus durch die Straße ohne zu sehen, was hinter mir ist, und schaffe es zu wenden. Zwei Müllmänner, die am Ende der Straße auf den Wagen warten, klatschen mir zu. Großartig, Jungs…

Sofas sind für alle da

Derart motiviert, ist die Rückfahrt kein Problem mehr. Ein- und Ausparken egal mit welchem Auto auch nicht. Ich danke euch, Müllmänner und Autovermieter! Der Transport vom Sprinter in die Wohnung verlief dann ähnlich wie in dem Video unten – geht es überhaupt anders?

Aber nun ist sie hier, die Couch. Und? Wie ist es nun, das Bloggen von dort? Sehr entspannt, muss ich sagen. Wer es nicht glaubt, der sollte sich einfach mal trauen, es auszuprobieren. Ach, traut ihr euch ja doch nicht!

Motivation.



Mit großem Dank an @tueksta fürs Schleppen!

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4 Kommentare zu “Couchblogging in einer Welt der Autovermieter und Müllmänner”

  1. Oliver Springer - 7. Dezember 2009 um 17:43

    Was ich zuerst aus Deinem Blogpost mitnehme, ist, dass man hierzulande viel zu leicht an große, gefährliche Maschinen gelangt, was eine Gefahr für alle am Straßenverkehr beteiligten darstellt. Mich als überzeugten Fußgänger eingeschlossen.

    Da weiß ich doch, warum ich so zufrieden bin, als Blogger das Haus nur verlassen zu müssen, wenn ich möchte – es aber nicht muss. Ist viel sicherer so bei den ganzen Couch-Transporten. Wenn man sich nur einmal anschaut, wie viele Blogs es in Deutschland gibt, kann einem als Verkehrsteilnehmer nach Deiner Schilderung nur Angst und Bange werden…

    Couchblogger bin ich allerdings nicht, denn so sehr ich die Couch als Ort des bequemen Sitzens oder Liegens schätze, so wenig taugt sie zum Schreiben längerer Texte.

    Zum Thema Arbeitskleidung von Bloggern möchte ich eine Umfrage (gab schon lange keine mehr hier) anregen. Ich behaupte: Menschen, die im Schlafanzug arbeiten, sondern nicht unbedingt größeren Unsinn ab als Leute, die im teuren Anzug mit Krawatte und gegelten Haaren im Auto jeden Morgen zu ihrem Arbeitsplatz fahren.

  2. Mathias - 8. Dezember 2009 um 12:09

    Ein mir persönlich gut bekannter Blogger, der namentlich ausnahmsweise nicht genannt werden will, schreibt nicht von der Couch aus und auch nicht am Schreibtisch, sondern IM BETT LÜMMELND. Ein, wie er selbst einräumt, skandalöser Zustand, den er bald abzustellen verspricht. Durch den Einbau einer XXL-Badewanne.

  3. Jürgen Vielmeier - 9. Dezember 2009 um 00:56

    @Mathias: Ich kannte da mal einen, der jeden Tag vor dem Gang aus dem Haus ein Bad genommen hat. Auch schon zu Schulzeiten. Die Geschichte hat mich echt umgehauen. Der Name desjenigen ist mir aber auch leider entfallen… ;)

    @Oliver: Du meinst damit, dass Couchblogger eine Gefahr für den Straßenverkehr darstellen, weil sie das Haus gar nicht erst verlassen müssen und deswegen zu selten das Autofahren trainieren? Also das ist ein ganz neuer Aspekt, der mich wirklich nachdenklich stimmt. ;) Eine Umfrage, wie von dir vorgeschlagen, stelle ich mir schwierig vor. Wen möchtest du fragen und wie ließe sich deine Theorie beweisen?

  4. Oliver Springer - 17. Dezember 2009 um 18:46

    @Jürgen: Nein, die Couchblogger sind nicht das Problem. Es scheint mir allgemein zu leicht zu sein, an solche “gefährlichen Maschinen” zu kommen.

    Und deshalb ist das Leben als Couchblogger dann gerade ein sehr sicheres.

    Die Lösung ist nicht, nicht mehr aus dem Haus zu gehen, sondern wer mit so großen Fahrzeugen keine Erfahrung hat, sollte es vielleicht lieber nicht selbst steuern.

    Unsere Gesellschaft ist extrem arbeitsteilig organisiert. Das hat seinen Grund.

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