Brüssel ohne Reiseführer: Als Tourist mal Spannendes erleben

Wer in eine fremde Stadt fährt, der informiert sich vorher über die Gegebenheiten vor Ort, kauft sich im Buchhandel Stadtplan und Reiseführer und klappert nach striktem Stundenplan alle wichtigen Sehenswürdigkeiten ab. Wehe dem, der völlig naiv und ohne Plan drauflos fährt – er könnte am Reiseziel so manche freudige Überraschung erleben.

“Klasse, du kommst nach Brüssel?”, antwortet mir ein alter Bekannter, den ich seit Jahren nicht gesehen habe. “Treff mich um 14 Uhr am Bahnhof Bruxelles-Luxembourg. Dann essen wir was zusammen.” Er hält Wort, aber anders als ich erwartet habe.

Ich war erst am Vormittag in Brüssel angekommen. In den Tagen davor stets unterwegs, schaffe ich es gerade noch, meine Siebensachen in einem Koffer zu verstauen und zum Bahnhof zu hechten. Für eine Vorbereitung auf Brüssel ist keine Zeit mehr. Nur so viel ist klar: Datendienste über das iPhone sind im Ausland praktisch unbezahlbar, also twittern und Bilder teilen besser lassen.

Nicht hübsch, aber viel EU

Bei der Ankunft am Hauptbahnhof gefällt mir Brüssel herzlich wenig. Viel Grau, viel Tristes, leicht verwitterte Bahnsteige. Alles fügt sich nahtlos in das Bild der wenig anmutenden Wallonie ein, durch die der Zug von Köln kommend unweigerlich führt. Na gut, denke ich, dann ist Brüssel halt nicht hübsch.

Ich staune nicht schlecht, als ich am Treffpunkt aufschlage und mitten im EU-Parlament bin. Dass mein Bekannter “etwas für die EU” macht, hatte er vor Zeiten mal erwähnt. Dass er direkt im Parlament arbeitet, hatte ich nicht mehr auf dem Schirm. Ehe ich es mich versehe, habe ich einen Besucherausweis erhalten, zwei Sicherheitskontrollen passiert und bekomme eine persönliche Führung durch den Parlamentskomplex.

Brüssel
Korridor mit Bankfilialen im EU-Parlament

Es gibt ganze Banken in dem Gebäude, neben wenigen Geschäften, wo man es ausgeben könnte. Ein Fernsehstudio befindet sich in der Nähe des Plenarsaals. Einige Journalisten haben sich in einer Lounge zusammen gerottet. Eine Reporterin liest etwas Osteuropäisches von einem Teleprompter ab. Der Komplex wirkt bürokratisch, aber auch sehr lebhaft. Menschen aus gut zwei dutzend Nationen wuseln irgendwie durch die Gegend. Kommunikation und Kontakte sind hier alles.

Klein, klein, klein ist die Welt

Später auf dem Weg zu meinem Hotel frage ich in der Metro einen Einheimischen, welche Sprache man in Brüssel hauptsächlich spricht. “Französisch”, antwortet er. Klar hätte ich das auch vorher bei Wikipedia oder in einem Reiseführer nachschlagen können. Aber dann hätte ich wohl nie erfahren, was er mir außerdem noch erzählt. Dass er sich Sorgen mache, weil Belgien kurz vor einer möglichen Spaltung stehe und was in dem Fall aus der französischsprachigen Hauptstadt wird, die von flämischen Gemeinden umschlossen ist.

Brüssel
Brüsseler Altstadt: Viel altes Gemäuer und bunt geschmückte Weihnachtsbäume

Die Brüsseler Altstadt hat auf den zweiten Blick wenig mit der grauen Vorstadt zu tun, die ich zuvor gesehen habe: Die Kathedrale, der Grande Place, die Börse, das Manneken Pis und im Zuge der Gleichberechtigung auch die Janneken Pis. Viel für Touris, aber im Herzen wunderschön.

Abends schiebe ich mich durch die Touristenmassen, esse eine Waffel und höre plötzlich eine Stimme, die mir seltsam bekannt vorkommt. Es ist eine Bekannte aus Bonn, die zufällig mit ein paar Freundinnen – ebenfalls aus aller Welt – in Brüssel zu Besuch ist. Wir enden bei einigen belgischen Bier in einer Kneipe, die eine der besten der Stadt sein soll, wie ein später konsultierter Reiseführer verrät. Die Chinesin (!) aus der Gruppe trinkt das Bier als wäre es Wasser und macht auch danach nicht den Eindruck, sonderlich betrunken zu sein.

Brüssel
Königliches Comiczentrum: Tintin, Schlümpfe, Lucky Luke.

Sehenswürdigkeiten in der Hood

Am nächsten Tag informiere ich mich über ein offenes WLAN in einem Café per iPhone und der App Wikihood zum ersten Mal über Sehenswürdigkeiten in Brüssel – und kann das meiste davon auf meiner Liste abhaken. Folgt man den Touristenströmen, wird man ohne eigenes Zutun an die interessantesten Orte geleitet, alles ganz ohne Reiseführer. Ich habe noch Zeit für ein Museum und breche auf zum nahe gelegenen Comiczentrum, ziehe dort schneller als mein eigener Schatten, studiere Linienführung und Storyboarding.

Aufgeschlossen sein, das scheint einen Reiseführer bestens zu ersetzen.

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6 Kommentare zu “Brüssel ohne Reiseführer: Als Tourist mal Spannendes erleben”

  1. Ali - 15. Dezember 2009 um 15:14

    Naja, ganz so wie der Belgier sich das wünscht, ist es nicht. Soweit ich informiert bin, ist Brüssel zweisprachig.

  2. Oma Hans - 15. Dezember 2009 um 20:00

    Da Wikihood fürs iPhone erwähnt wurde. Es gibt auch etwas ähnliches für Windows Mobile, das ich vor ein paar Wochen im Urlaub genutzt habe: goZEE mobile (www.gozee-mobile.com). Das funktioniert auch ohne Internetverbidnung im Ausland, indem man sich komplette Stadtführer vorher auf das Phone runterlädt. Hat mir in London sehr geholfen.

  3. Tervuere - 15. Dezember 2009 um 21:21

    In einem Reiseführer hättest du allerdings bessere Informationen erhalten. Wie schon oben kommentiert wurde ist Brüssel nicht französischsprachig, auch wenn es einige gäbe, die sich das so wünschen. Es ist genauso die Hauptstadt der Flamen. Im übrigen ist ganz Belgien dreisprachig, es gibt auch eine kleine deutschsprachige Region. Mich ärgert deine Darstellung deshalb, weil gerade die Sprachenvielfalt in Brüssel etwas sehr besonderes ist.

    Ich selbst reise auch bevorzugt ohne Reiseführer, interessiere mich dann aber auch für die Hintergründe von Themen, die ich als Tourist vor Ort natürlich nur ankratzen kann und daher später nochmal nachrecherchiere. Das würde ich dir – gerade, wenn ich die so gewonnenen Informationen veröffentlichen will – auch empfehlen.

  4. Jürgen Vielmeier - 16. Dezember 2009 um 11:16

    @Tervuere Hab mich da vermutlich ein wenig falsch ausgedrückt. Ich wollte wissen, welche Sprache in Brüssel von der Mehrheit gesprochen wird. Das ist eindeutig Französisch. Dass in Belgien drei Sprachen gesprochen werden, ist mir natürlich bekannt. “Dreisprachig”, wie du schreibst, ist “ganz Belgien” aber eindeutig nicht. Oder wie viele Belgier kennst du, die neben ihrer Muttersprache auch die beiden anderen sprechen oder gar mit drei Sprachen aufwachsen? An welchem Ort sind Straßenschilder in allen drei Sprachen ausgezeichnet? Das ist nicht einmal in Brüssel der Fall.

    Ich kenne selbst französischsprachige Belgier mit Hochschulabschluss, die kaum ein Wort flämisch können. Und Deutsch wird lediglich in zwei kleinen Regionen direkt hinter der Grenze gesprochen, aber von kaum einem Belgier sonst.

    Ich mache es im Grunde genauso wie du: Informiere mich mit Grundlagenwissen über mein Reiseziel und versuche dann vor Ort in Gesprächen mit Einheimischen ihre Sicht der Dinge zu erfahren. Das hab ich in meinem Text vermutlich so nicht ganz korrekt beschrieben.

  5. Tervuere - 23. Dezember 2009 um 20:41

    Ich selbst kenne viele Belgier mit und ohne Hochschulabschluss, die fließend 4 oder 5 Sprachen sprechen. Dabei handelt es sich jedoch in den meisten Fällen um Flamen. Die Wallonen haben tatsächlich kein besonderes Händchen für Sprachen. Wenn du nur mit denen gesprochen hast, verstehe ich, woher dein Eindruck kommt.

  6. Kauz - 24. Dezember 2009 um 11:37

    Iphone-Jürgen und seine Apps… Hättest du doch mal meine Freundin, die Belgierin gefragt…
    In der Tat ist Brüssel zweisprachig (wie man schon an der Bezeichnung Manniken Pis erkennen kann), aber die Wallonen drehen das natürlich gern um. Und Belgien steht schon seit 1830 vor der Spaltung – die wird wohl nicht mehr kommen.

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