Gastbloggerbeitrag: Meine erste Schießerei

Ein sehr interessant zu lesender Gastbeitrag über den Abend, an dem das beschauliche Bonn plötzlich Großstadtcharakter bekam, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von twitgeridoo

Ich war gerade mit zwei Freunden auf dem Weg nach Hause, als wir es plötzlich (in ca. 100m Entfernung) 5-7 mal knallen hörten. Wie sahen über der Straßenbahnstation, zwischen den Diskotheken „Schwarzlicht“ und „Tiefenrausch“, Rauch aufsteigen. Der Platz war sehr belebt, denn um diese Uhrzeit zieht es viele Menschen in die Diskos. Einer meiner Freunde meinte zunächst noch, das sich Schüsse normalerweise nicht so dumpf anhörten, der andere meinte, dass seien bestimmt Böller gewesen. Doch vor dem Tiefenrausch entwickelte sich ein Tumult und man konnte Schreie vernehmen.

Spätestens ab dem Moment war klar, dass es wirklich Schüsse gewesen sein mussten, die wir da gehört hatten. Wir gingen langsam etwas näher an die Szenerie heran und ich konnte erkennen, wie ein bulliger, glatzköpfiger Mann wild auf jemanden eintrat, der offensichtlich auf dem Boden lag. Die Schreie wurden indes noch lauter.

Langsam wurde uns allen bewusst in was für einer ernsten Situation wir uns befanden. Also habe ich natürlich sofort mein Handy rausgeholt und, wie immer in solchen Fällen, 110 gewählt. Zunächst ging niemand dran (unglaublich!), also habe ich es nochmal versucht und bin durchgekommen.
Ich versuchte die Fassung zu wahren, damit ich dem Beamten am anderen Ende der Leitung, möglichst sachdienlich berichten konnte. Nachdem ich ihm beschrieben hatte was los war (mehrere Schüsse, Schlägerei, viele Beteiligte, möglicherweise Schwerverletzte oder schlimmeres..), hatte er noch ein paar kurze Rückfragen an mich und ich forderte nochmal, dass unbedingt schnell mehrere Krankenwagen, ein Notarzt und genügend Polizisten kommen müssten.

Wir tasteten uns vorsichtig noch ein paar Meter weiter ran, da kam uns ein (wie man den Presseberichten inzwischen entnehmen kann 32 oder 37-jähriger) Mann entgegen.
Er trug eine gelbe Jacke und sah ganz normal aus, außer, dass er offensichtlich nicht mehr ganz nüchtern war. Er meinte zu uns, wir sollten auf keinen Fall da hingehen, die Leute müssten alle verrückt geworden sein. Er war anscheinend zufällig in der Nähe gewesen, als die Schüsse fielen.

Seine gelbe Jacke hatte am rechten Ärmel, auf Höhe des Oberarms einen kleinen Riss. Ich fragte ihn, ob er was abbekommen habe. Er meinte verneinte. Ich deutete auf den Riss am Ärmel und wollte wissen, ob der schon länger dort sei. Erschrocken stellten wir fest, dass er wohl von einer Kugel gestriffen worden sein musste und waren alle erleichtert, dass er nicht mehr abbekommen hatte.
Doch damit lagen wir falsch – wie in einem schlechten Film! Genauso fühlte ich mich auch…
Ein paar Sekunden später tropfte eine Menge Blut seine Hand entlang. Wir zogen ihm in Windeseile die Jacke aus und der Angeschossene geriet langsam aber sicher in Panik, was den Blutfluss wohl noch verstärkte, wie es schien. Ich wählte nochmal die Notrufnummer, aber diesmal 112, um die Schussverletzung direkt beim Rettungsdienst melden zu können, damit dem Mann so schnell wie möglich geholfen wird.

Zwei junge Damen und einige weitere Passanten kamen hinzu. Wir setzten den Mann auf den Boden, so dass er sich mit dem Rücken an eine Säule lehnen konnte. Jemand riss einer der Frauen ihren Schal vom Hals und band damit den verletzten Arm ab. Wir zogen den Knoten so fest wie möglich, um den Blutfluss zu drosseln, denn in der Zwischenzeit hatte sich neben dem Mann schon eine Blutlache auf dem Boden gebildet. Der Verletzte wurde immer hysterischer und verlangte einen Notarzt. Ich konnte ihn ein wenig beruhigen und sagte ihm dass bald Hilfe kommt.

Endlose Sekunden vergingen… Doch man muss sagen, dass es ziemlich schnell ging bis die Polizei kam. Bereits ungefähr 3 Minuten nach meinem Notruf war die Polizei schon zur Stelle.
Die ersten Wagen fuhren uns vorbei, direkt zum Hauptschauplatz. Ich stand halb auf der Straße und gestikulierte zu den folgenden Wagen, damit einer stehen bleibt, um dem Mann Erste-Hilfe zu leisten. Irgendwann hielt endlich einer. Ich zeigte den Beamten den etwas abseits sitzenden Mann und beschrieb die Situation.
Man merkte, dass auch die Polizisten etwas überfordert waren und ihre Rückfragen zeigten, dass auch sie erstmal begreifen mussten, was geschehen war. Schießerei? Bonn? Passt irgendwie nicht… Da ist man auch als Polizist erstmal perplex, ich finde hier kann man dem Freund & helfer keinen Vorwurf machen, sind auch nur Menschen.

Doch dann kam der Brüller:
Einer der beiden Polizisten, ein etwas untersetzter Mann mit freundlichem Gesicht, ging zurück zum Auto, um den Verbandskasten zu holen. Ich sah ihn wild im Kofferraum kramen und hörte ihn bald darauf laut fluchen. Er kam wieder zurück zu uns und meinte als Antwort auf meine fragenden Blicke:
„So eine Scheiße! Das kann doch gar nicht wahr sein!!! Tagtäglich nehmen wir den Leuten ihr hart verdientes Geld ab, damit sie das Zeug immer im Auto dabei haben und jetzt hat noch nicht mal die Polizei Verbandszeug mit!“.
Ich entgegnete, dass wir ja immerhin noch Glück hätten, dass es „nur“ eine mittelschwere Verletzung ist und er sagte zu mir, so leise dass nur ich es hören konnte:
„Nee du, das geht wirklich mal gar nicht. Ist echt ein Skandal!“
[Anm.d.Red.: Alleine, um diese kleine Geschichte in der Geschichte kundzutun, lohnt sich dieser Blogeintrag!]

Ein paar Minuten später kamen die ersten Krankenwagen, bald darauf auch der Notarzt und jede Minute kam mehr Polizei. Da die beiden Beamten noch mit dem abseits sitzenden, angeschossenen Mann beschäftigt waren, ging ich zur Fahrbahn, um einen der Rettungswagen zu uns zu losten. Mir war bewusst, dass beim Tiefenrausch wohl noch weitere und vielleicht sogar noch schwerer Verletzte sein müssten, weshalb ich den ersten paar Wagen gestikulierend mitteilte, dass sie weiter nach vorne, näher an den Ort des Schusswechsels fahren sollten und erst den dritten oder vierten Krankenwagen anhielt.

Die Sanitäter versorgten den Angeschossenen, indem sie die Blutzufuhr des verletzten Arms mit Hilfe eines prall aufgepumpten Blutdruckmessgeräts weitgehend stoppten, genau wie wir das zuvor mit dem Schal versucht hatten. Sie versichertem dem Mann, dass er nur leicht verletzt sei, erklärten ihm, dass sie noch weitere Verletzte zu versorgen hätten und dass sich gleich weitere Kollegen um ihn kümmern würden, die schon auf dem Weg zu ihm seien. Dann eilten sie zum Ort des eigentlichen Geschehens und die beiden Polizisten kümmerten sich weiter um den Mann, der inzwischen ein wenig erleichtert schien. Er bedankte sich bei uns für die schnelle Hilfe und dafür, dass wir den Rettungsdienst gerufen hatten.

Meine beiden Freunde und ich standen ratlos da und wir waren alle ziemlich geschockt, über das, was wir soeben erlebt hatten und noch erlebten. Da wir uns inzwischen ziemlich unnütz fühlten, der Mann versorgt war und sich um ihn eine Traube aus ungefähr einem Dutzend Anteil nehmender Menschen gebildet hatte, gingen wir auf die etwas höher gelegene Ebene der Bahnstation, von der man einen besseren Überblick hat. Wir setzten uns auf eine Bank und mussten uns nochmal bewusst machen, was hier gerade geschehen war. Irgendwann kam der nette, untersetze Polizist nochmal und dankte uns für unseren Einsatz. Ich fand das selbstverständlich und nicht der Rede wert.

Der Notarzt, etwa vier oder fünf Krankenwagen und mindestens neun Polizeiautos erleuchteten den Bertha-von-Suttner-Platz mit ihrem Blaulicht-Gewitter und verstopften die doppelspurige Fahrbahn, auf einer Länge von etwa 50 Metern. Das war schon sehr skurril anzusehen:
Der Platz, den man täglich überschreitet, vollkommen im Ausnahmezustand! Und das in einer Stadt, die man sonst eigentlich eher als friedlich und verschlafen wahrnimmt, von der man sich vorher nicht vorstellen konnte, dass sie solche Gewaltorgien hervorbringen kann.
Doch desillusioniert wurde ich schon vor drei Monaten, als ich mir, genau vor der gleichen Diskothek, eine Messerstecherei mit ansehen durfte.

Schon damals hatte ich überlegt, ob ich dieses eher traumatisierende Erlebnis nicht einfach mal niederschreiben sollte, um es dadurch ein wenig zu verarbeiten und meine Erfahrungen mit dem geneigten Leser teilen zu können, habe es dann aber doch gelassen.
Es ist nicht so, dass ich jetzt Nachts schweißgebadet mit Alpträumen aufwachen würde, oder sonstige Anomalien an mir feststellen würde, aber schreiben ist einfach etwas befreiendes, was ich jedem nur empfehlen kann.
Diesmal konnte ich mich nicht länger zurückhalten. Ich hoffe meine Beschreibung des Ablaufs war verständlich und nicht zu detailliert.

Meine Freunde und ich können nur vom Glück reden, dass wir nicht eine Minute früher da waren, denn sonst hätten wir da mitten drin stecken können. Wir waren gerade auf dem Weg nach hause, kurz davor uns voneinander zu verabschieden. Möglicherweise hätte es uns noch auf einen Snack zum „Orient-Express“ verschlagen und wir hätten das Ganze hautnah miterleben dürfen.
Mir hat das so schon gereicht. Das war meine erste Schießerei und ich hoffe es war die letzte derartige Erfahrung.
Eigentlich hatte ich schon nach der Messerstecherei genug gesehen… Ich bin bedient.

Oh Gott, ich bin so froh, dass ich nicht gläubig bin! ;)
Ansonsten müsste ich jetzt für immer demütig sein…

14 Gedanken zu „Gastbloggerbeitrag: Meine erste Schießerei“

  1. @ CRen:
    Oh Mann… Kommst du klar?
    Nur zur Info: Der Schütze war weiß und deutsch.
    Nehme dir besser direkt den Wind aus dne Segeln, bevor du hier weiter deine rassistischen Theorien verbreitest!

    Viele Grüße,
    Edward (mit “Migrationshintergrund”)

  2. @CRen:
    “Tja, das kommt davon, dass man so tolerant gegenüber gewissen Bevölkerungsgruppen ist…”

    Wen wundert eine solche Aussage von jemanden, der schwarze ganz selbstbewusst und ohne jeden Gewissensbiss als “Neger” oder externalisierend als “Schwarzafrikaner”(Nach dieser Bezeichnung können Schwarze per se keine Deutschen sein) bezeichnet, wie hier: http://www.xtown.net/wallraff.html

    Bei solch einem Weltbild kann ja nichts gutes herauskommen. Oder war dies etwa ein Plädoyer, etwas intoleranter gegenüber weißen Deutschen zu sein?

  3. Ok, Stopp!

    Bevor das hier zu einer Rassismus-Debatte ausartet, ein paar Anmerkungen dazu:

    1. vielen Dank nochmal an Twitgeridoo für das zur Verfügung stellen des Artikels

    2. Cren ist mir bekannt als jemand, der gerne provokant schreibt, in seinem Blog und auch in Kommentaren. Und der sich dabei auch schonmal im Ton vergreift… aber nicht als jemand, der irgendwie rassistisch ist

    3. da ich hier nur Vertretung, aber nicht Chefredakteur bin, will ich keine Entscheidungen darüber treffen, inwiefern hier Kommentare geschlossen oder gelöscht werden sollten, werde aber dazu mal Rücksprache halten. Aber so eine Diskussion ist hier von meiner Seite aus nicht geplant gewesen.

  4. Ich kann nur sagen das so etwas echt nicht schön ist.
    Ich hatte vor ein paar Jahren das Erlebnis, bei dem ein Rentner mit seiner Waffe (er war schützen wart) seine ex Frau und sich erschoss und vorher noch einen bekannten an schoss.

    Vllt. kann ich diese Geschichte hier ja auch loswerden?

  5. @NDM: Vielen Dank für diese Information! Dann hat mich mein Instinkt also doch nicht getäuscht… Bekam schon Schelte, dass der Satz von CRen nicht unbedingt rassistisch zu deuten sei. Pah! ;)

  6. Ok, dann lenken wir die Diskussion jetzt einfach wieder auf’s eigentliche Thema. Das kann man leider nicht immer so gut steuern. Sorry, aber sowas regt mich einfach auf.
    Also BTT! (Aber nichts löschen bitte – Piratenehre und so…)

    @hackbard:
    Krass… Hast du das etwa live miterlebt?
    Fast das gleiche ist vor ca. einem Monat hier in Bonn auch passiert, bloß dass nicht noch ein 2. unbeteiligter getötet wurde. Ich war bei dieser Schießerei immerhin weit genug weg und musste das Ganze glücklicherweise nicht aus nächster Nähe mitansehen.

  7. Zum glück nicht wirklich passierte alles in der Wohnung über mir. Aber die Schüsse und der Schock … hammer.
    Ich durfte trotzdme Polizei rufen da ich wohl der einzige im Haus(65 Parteien) war, der den schwer verletzen schreien gehört hat. Naja dafür stand innerhalb von 30min der halbe Landkreis vor der Tür.

  8. @hackbard

    die Gastblogger-Woche läuft noch, schick uns gerne deinen Artikel dazu an redaktion@yuccatree.de

    @NDM @Twitgeridoo ich weiss nicht wie der Satz zu deuten ist und will da auch keine falsche Motivation ausschliessen. Ich weiss nur, dass Cren einen sehr provokanten Stil hat und das deswegen nicht unbedingt einen solchen Hintergrund haben MUSS

  9. @hackbard
    Puh! Ist ja echt übel, dass das direkt über dir passiert ist und dass du die Schüsse & Schreie gehört hast. Mein Beileid!
    Wie hast du das denn verarbeitet?
    Leidest du noch unter dieser Erfahrung?

  10. Och war sehr knallig das Erlebnis um nen freien kopf zu bekommen bin ich auf ne PrivatFeier. Auf der ich meine Ex mit Ihrem neuen Kerl getroffen habe was nach einer Woche Trennung auch nochmal klasse war. Naja habe mich erstmal ziemlich betrunken um dann nachts im Garten zu sitzen und zu reflektieren. Ich glaub ich schreibe heute Abend nen Blog Eintrag den ich dann einreiche. Gibt nämlich noch etwas sehr “spannendes” bzw. nen unglaublichen Zufall. Aber das lest ihr ja dann :)
    Das einzige was ich zurück behalten habe ist bei gewissen Knall Geräuschen die ähnlich klingen sofort acht zu geben und zu erschließen woher kam das und was war das.

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