Der Web-2.0-Exhibitionismus

Würdet ihr euch in die Fußgängerzone stellen um der Welt zu verkünden, wie ihr heisst, welche Hobbys ihr habt, Fotos von euren Freunden rumzeigen und dabei erwähnen, dass ihr morgendlichen Sex bevorzugt?

Nein? Wer sind dann all diese Leute, die genau diese Informationen- und darüber viele weitere hinaus- in diversen Sozialen Netzwerken veröffenlichen? Wie weit darf der Web 2.0.-Exhibitionismus gehen?

Facebook zum Beispiel sieht genau das vor. Den vollen Namen, die Stadt, die Hobbys, die Schule/Uni/Arbeitgeber, den Beziehungsstatus, die Urlaubsfotos… und viele füllen einfach alles aus, was gefragt ist. Für die Freunde. Fügen aber gleichzeitig jeden sympathischen Menschen den Online-Freunden hinzu, der eine Anfrage stellt oder der vorgeschlagen wird, ohne zu wissen, wer das eigentlich ist.

Ich kenne einige Leute, die voller Offenheit alles ins Netz hinausposaunen, die über Blogs, Twitter und soziale Netzwerke alles von sich preisgeben, ob ihren Namen und Ihre Adresse, Fotos, die persönlichsten Gedanken, einfach alles.

Beruf und Privatliches im Netz getrennt

Sie haben nicht die Angst, die ich habe. Ich präsentiere mich auch im Internet, teile viel mit der Netzgemeinde, liebe es, einfach schreiben zu können, was mir in den Sinn kommt. Aber: ich verbinde es nicht mit meiner Alltags-Person. Ich schreibe unter Pseudonymen. Dort, wo das nicht geht, bin ich sehr sparsam mit Mitteilungen, die berufliche Seite trenne ich zudem nochmal von der privaten.

Gut, vielleicht ist das einen Schritt zu weit. Aber es gibt mir eine sehr wertvolle Sache: Freiheit. Mein privates Pseudonym kann über den Stress mit meinen beruflichen Kunden schreiben. Mein berufliches Pseudnym ist eigentlich keins, aber das gibt auch nur “neutrale” Informationen Preis – mehr persönliche Daten, aber nie persönliche Gedanken und Ansichten.

Ich blogge und twittere privat anonym. Warum? Weil ich gerne über Sachen schreibe, die nicht jeder wissen muss. Wenn das völlig fremde Menschen lesen, die ich nie treffen werde, ist es mir egal. Und bei meinen Bekannten kann ich mir so aussuchen, wer davon erfahren soll, ohne dass ich über die Suche nach meinem Namen direkt gefunden werde.

Ist euch alles egal?

Ich will eine klare Trennung zwischen einem Internet-Ich und einer privaten Person mit “echtem Namen”. Weil ich die Idee, dass jeder der meinen Namen kennt, so viel über mich erfahren kann, einfach nicht mag. Ich will die Entscheidung darüber treffen, wer von meinen Freunden und Bekannten über welche Gedanken oder Erlebnisse informiert wird.

Und ich verstehe sie nicht, die Ego-Blogger und Twitterer, die die alles in direktem Zusammenhang zu ihrem Namen setzen, die nicht anonym auftreten – ist denen das alles so egal?

Bin ich einfach nur paranoid? Sind die anderen normal? Wieviel Intimität kann/darf in Veröffentlichungen, die jeder lesen kann? Haben private Gedanken im Internet überhaupt etwas verloren? Wären Blogs und Tweets noch spannend, wenn sie alle oberflächlich wären? Wie macht ihr das?

10 Gedanken zu „Der Web-2.0-Exhibitionismus“

  1. Also als 14jähriges Mädel sollte man da vielleicht schon was aufpassen, aber als mittdreissiger Mann.. Da wohl eher dass man nicht über seine Freundin herzieht und die das dann liest :-)

  2. Liebe Annika,

    ich gehöre zu denen, die durchaus über sich persönlich und öffentlich z.B. auf Facebook berichten. Lass mich auch hier ein paar Worte darüber verlieren, warum ich das tue, um Dir ein Verständnis für den vermeintlichen Exhibitionismus näherzubringen.

    Zuerst finde ich Deinen Fußgängerzonenvergleich nicht passend. Es ist nicht so, dass ich mich ‘der Welt’ mit Infos über mich aufdränge, wie Du es in Deinem Bild auf der Fußgängerzone siehst. Doch sollte jemand mich irgendwie, -wo und -wann mal kennen gelernt haben und nun mehr über mich erfahren wollen, so biete ich ihm gerne auch auf Facebook die wichtigsten Daten an – und dies öffentlich, ohne dass wir eine sog. ‘Freundschaft’ beginnen müssen. Denn andersrum biete ich der/dem Interessierten somit die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie/er einen Kontakt mit mir herstellen will oder nicht. Dabei halte ich mich dennoch für vorsichtig: Ich will meinem Gegenüber ein möglichst gutes Bild über mich vermitteln, um evtl. mit dem einen oder anderen Detail (Hobby etc.) sein spezielles Interesse zu wecken, doch dürfen sich meine persönlichen Informationen nicht eignen, mich in irgendeiner Art zu kompromittieren.

    Wenn schon ein Vergleich mit der realen Welt, dann wäre eher ein Straßencafé in der Fußgängerzone geeignet: Ein Passant sieht mich am Tisch sitzen, bei einer großen Tasse Cappuccino, in einer Fotozeitschrift blätternd, mit einem Netbook aufgeklappt vor mir. Wenn nun der Passant Fotograf wäre, kürzlich seine schönsten Fotos ins Internet hochgeladen hätte, gerade Lust und Zeit auf eine Tasse Kaffee hätte und mein erstes Erscheinungsbild halbwegs sympathisch fände, wäre das auch für ihn nicht DIE Gelegenheit für ein nettes Gespräch und eine erste, lockere Bekanntschaft? Alle anderen, die eiligen Nicht-Fotografen, die mit Computern nichts am Hut haben, gehen vorbei und kümmern sich nicht weiter um meine ‘öffentliche Selbstdarstellung’.

    Nichts anderes ist es mit Facebook etc.: Wer sich nicht für mich interessiert, blättert weiter; wer aber doch, findet vielleicht etwas gemeinsames, verbindendes, woran man einen Kontakt anknüpfen könnte – aber nichts von dem, was ich nicht verraten will.

    Ich hoffe, Dir ein klein wenig Verständnis für die ‘sozialen Exhibitionisten’ vermittelt zu haben. Allerdings gebe ich Dir in so fern Recht mit Deiner Fragestellung, dass vielleicht der eine oder die andere unter diesen dabei übertreibt und sich gedankenlos komplett ‘auszieht’. Doch ist dieses Extrem meiner Ansicht nach nicht gar so häufig zu finden – Gott sei Dank.

    Viele Grüße
    Andreas

  3. Ich Frage mich eher, ob das die Welt da draußen wirklich Interessiert, wenn man gerade seine Katze füttert und beim Dosen öffnen sich das Ohrläppchen aufgeschlitzt hat?

    Geistiger Dünnpfiff bleibt auch mit Web 2.0 Dünnpfiff.

  4. Ich habe keine Scheu davor – in gewissen Grenzen – persönliche Gedanken im Web mitzuteilen. Mein Bestreben ist es, so zu leben, dass ich jederzeit über meine Gedanken, Worte und Taten Rechenschaft ablegen könnte, ohne Scham. Was also sollte ich verbergen?
    Natürlich ist es dumm, Informationen über Bankkonten, Kreditkarten, Vermögensgegenstände im Haus (möglichst noch mit der Angabe der geplanten Urlaubszeit) und ähnliches Dinge auszuposaunen. Aber das versteht sich ja eigentlich von selbst. Auch meine evtl. persönliche “Krankengeschichte”, Querelen am Arbeitsplatz und dergleichen, also Dinge, die mir beruflich sehr schaden könnten, die bleiben aussen vor.
    Zu meiner politschen Einstellung, meinem persönlichen Glauben, meiner Sicht zu Beziehung, Familie, aktuellen Geschehnissen, etc. beziehe ich aber gerne Position und zwar meine, ganz eigene. Was könnte daran falsch sein? Ich will mich auch in Zeiten des “Web 2.0″ nicht verbiegen!

  5. Diese Trennung zwischen privater und öffentlicher Person funktioniert nur sehr, sehr eingeschränkt.

    Das Web 2.0 gewinnt seine Faszination ja nicht zuletzt aus der Vernetzung. Wenn man also etwa anonym twittern würde, dürfte man sein Twitter-Profil in seinem Blog (wo man unter Realnamen schreibt) nicht verlinken, da damit eine Verbindung hergestellt werden kann. Wenn auch nur an einer einzigen Stelle die beiden Welten verbunden sind, ist die ganze Trennung nicht viel wert.

    Wer einen fremden Dienst nutzt, kann ein Pseudonym nutzen. Doch wenn man beispielsweise einen eigenen Blog betreibt, kommt man um Namen, Anschrift E-Mail-Adresse und Telefonnummer sowieso nicht herum.

    In Foren, wo es etwa um den Austausch von gesundheitlichen Problemen geht, sollte man sein Pseudonym wählen. Aber dort ist es halt auch kein Nachteil, dieses Profil nicht mit anderen Aktivitäten verlinken zu können.

    Anonym twittern? Ich habe große Zweifel hinsichtlich der Erfolgsaussichten, Twitter tatsächlich anonym nutzen zu können. Wie leicht kann es passieren, dass Freunde / Bekannte, die wissen, wer hinter dem Account steckt, einen in einem öffentlichen Tweet mit Namen anreden, um nur mal ein Beispiel zu nennen.

    Wenn man anonym bleiben möchte im Web 2.0 lassen sich jedenfalls die Möglichkeiten, die es einem bietet, nur ansatzweise nutzen.

  6. Ich bin der Meinung dass der Mensch seit jeher ein Exhibitionist war. Nur bekommt er jetzt durch entsprechende Kanäle die Gelegenheit dies (wieder?) auszuleben.
    Alles geht auf unserer Ur-Vorväter zurück.

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