Handys kommen und gehen – das Telefon bleibt. Ein Vergleich mit Queen Elisabeth II.

Was hat das Telefon mit Königin Elisabeth II. zu tun? Unser Autor Mathias Röckel weiß es: Handys könnten nach einer Legislaturperiode verschwinden, aber Telefone bleiben.

Fragte man mich, wer meine Vorbilder seien, so käme ich ins Grübeln. Die Liste, die ich in Gedanken abspulte, wäre wohl vor allem zunächst eine Negativliste und zwar eine vollkommen namenlose. Ich weiß, es wäre gemein von mir, aber ich würde ganze Berufssparten als nicht vorbildtauglich klassifizieren: Politiker, Entertainer, Pendler, die Olle vom Lufthansa Checkin und ihre gesamte Bagage…

Viel fiele mir nicht ein zum Thema Vorbild und irgendwann stünde ich vor Bücherregalen und Plattensammlungen und würde auch dort nur Menschen begegnen, deren Darbietung ich vielleicht ganz dufte finde, aber Vorbild? Nö.

Regierungen kommen und gehen – die Queen bleibt

Und dann fiele mir Königin Elisabeth II ein. Die Queen. Nicht dass ich selbst Ambitionen hegte, ihren Thron zu besteigen. Aber an ihrer Haltung kann man sich ein Beispiel nehmen. Ich weiß nicht mehr, ob es um Brown ging oder um Blair oder vielleicht sogar noch um Major, aber ich erinnere mich dunkel an einen Bericht über das Verhältnis britischer Premiers zu ihrer Königin. Darin ging es vor allem um die eigentlich recht geringen politischen Einflussmöglichkeiten der Königin. Es ging um Premiers, die mal mehr und mal weniger auf den Rat Elisabeths hören, die, je nachdem, wie es ihrer Persönlichkeit und ihrem politischen Kalkül entspricht, versuchen, in ihrer Nähe zu glänzen oder auf kritische Distanz zu gehen.

Es ging um interessengeleitetes, tagespolitisches Gebaren der gewählten Volksvertreter einerseits – und andererseits um eine Königin, die das alles mit einer Gelassenheit zur Kenntnis nimmt, die der Tatsache entspringt, dass sie in ihrer Regentschaft bereits zwölf derartige Amtspersonen kommen und wieder verschwinden sah.

Das hat mir gefallen und damit komme ich zu unserem Telefon. Denn auch unser Telefon ist ein bisschen wie Königin Elisabeth II. Wenn ich „unser Telefon“ sage, dann meine ich nicht das Nokia-Klappdingens, auch nicht das iPhone und auch nicht das drahtlose Plastikding, das immer so aufgeregt piepend darum bittet, endlich wieder in seine Base gebracht zu werden, sondern das schwere Gerät, das hier schon so lange auf dem Telefontischchen thront, dass sich vermutlich nur noch der Herr Baron an seinen Einzug erinnert. Ich spreche von einem mausgrauen Apparat, welcher einen hundeknochengroßen Hörer aufweist und der Verbindungen herstellt, indem der Anrufer seinen Finger in eine Scheibe steckt und daran dreht. Wenn man den Hörer aufschraubte, könnte man zwei tolle Magnete finden, mit denen Kinder spielen würden, aber man muss den Hörer nicht aufschrauben, weil das Telefon funktioniert und zwar einwandfrei, wartungsfrei und zuverlässig. Seit Jahrzehnten.

Ruhig guckt das Wahlscheibentelefon

Manchmal stelle ich mir vor, wie unser schönes Wahlscheibentelefon da oben sitzt und zuschaut, wie auf dem nahe gelegenen Esstisch wieder einmal so ein junges, fiepsendes Ding ausgepackt wird. Mit Tasten. Ohne Kabel. Mit sonderbaren Klingeltönen. Bunt. Klein. In unserer Wohnung sind in den letzten Jahren bestimmt so viele Telefone angekommen wie in England Premierminister, alle unglaublich modern, und immer mit dem Versprechen antretend, das Leben schöner und einfacher zu machen.

Und nicht einmal eine Legislaturperiode später waren sie wieder verschwunden.

Dann stelle ich mir vor, wie das alte Telefon seine ungezählten Konkurrentinnen freundlich aber unaufgeregt begrüßt. Wie es sich höflich ihre Menus vorführen lässt und ihre Klingeltöne. Wie es deren Sticheleien mit einem Lächeln quittiert und sich ganz für sich dem Genuss hingibt, noch jede Mode unbeschadet überstanden zu haben. Und diese Vorstellung gefällt mir.

Ob ich mir darum die Königin zu meinem Vorbild erkläre oder gar ein altes, mausgraues Telefon? Eher nicht. Aber ein bisschen imponieren tun sie mir schon.