Social Media in Deutschlands fünf Jahre hinter den USA?

Ach, ich hab gar keine Lust, mich darüber aufzuregen, auch wenn der Autor vielleicht will, dass ich das tue: Frederic Lardinois schreibt in einem Beitrag auf ReadWriteWeb, dass Social Media in Deutschland fünf Jahre hinter den USA her hinke. Stimmt das? Nein, so pauschal natürlich nicht.

Keine Chance für Social Bookmarking?

Lardinois stützt sich bei seiner These fast ausschließlich auf ein Interview mit Netzwertig-Blogger Marcel Weiß. Ich will Weiß seine Kompetenz keinesfalls absprechen, aber sollte sich Lardinois auf die Meinung einer einzigen Quelle verlassen, um die ganze deutsche Web-2.0-Szene abzubilden? Doch sicher nicht.

Deutschland sei mindestens fünf Jahre hinter den USA, sagen Weiß und Lardinois, was Social Media und eine Akzeptanz der deutschen Öffentlichkeit betreffe. Social-Bookmarking-Dienste wie Yigg und soziale Aggregatoren wie Friendfeed würden kaum Aufmerksamkeit erregen. Startups hinkten ebenfalls hinterher und könnten bei Innovationen nicht mit US-Startups mithalten.

Als Copycat bessere Chancen bei deutschen Investoren

Mag sein, aber man sollte auch einmal anmerken, warum das so ist: Es gibt in Deutschland viele innovative Startups oder bereits lukrative Internetunternehmen, die es irgendwie geschafft haben, die schwierigen Anfangshürden zu nehmen. Als Beispiele seien nur Xing, SoundCloud, Fotocommunity oder Babbel genannt. Die wenigen Risikokapitalgeber stürzen sich oft auf dubiose Shoppingportale oder fördern lieber bereits finanzierte Startups in der zweiten oder dritten Runde. Es fehlt an Business Angels und guten Förderkrediten für junge Startups oder gar Blogs.

Ich habe mir im März auf dem Startup-Camp in Köln den Vortrag eines Kapitalgebers anhören müssen, der gerade heraus sagte: “Derzeit haben Sie bei uns bessere Chancen, wenn sie eine Startup-Idee aus dem Ausland auf deutsch kopieren, als wenn Sie mit einem ganz neuen Vorschlag zu mir kommen.” Solange solche Investoren über Finanzierungen entscheiden, wird sich der deutschen Copy-Cat-Mentalität auch so schnell nichts ändern.

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Von Yigg bis Netzpolitik

Lardinois beklagt, dass Social Bookmarking in Deutschland schlecht besetzt sei. Yigg als vermeintlich führender Dienst habe für manche Nachrichten gerade einmal 20 Empfehlungen. Das sei mit Digg nicht zu vergleichen. Hat er sich Yigg einmal angeschaut? Dieses künstlich veraltete, schwer zu bedienende Tool, das in etwa so viel Freude macht wie vor den Augen einer Schulklasse bei Rot über die Ampel zu gehen. Yigg reicht nicht an Digg heran. Tausendreporter und Webnews ebenfalls nicht. Eine bessere Übersicht über Trendthemen erhält man in Deutschland deswegen eher auf einschlägigen Web-2.0-Blogs oder in Medien-Newslettern.

Lardinois beklagt außerdem den Mangel an einflussreichen politischen Blogs in Deutschland. Damit hat er Recht, aber das könnte an einem Teufelskreis liegen. Die traditionellen Print- und Fernsehmedien halten herzlich wenig von Blogs und gehen maximal auf welche aus dem Ausland ein. Blogger wissen das und machen sich deswegen lieber nicht die Mühe (und die Kosten!), in Blogs auf die schwierige politische Materie einzugehen. Es gibt aber gute Ansätze, das zu ändern: Netzpolitik.org hat sich während der Proteste gegen die geplante Internetzensur in Deutschland als Leuchtturm der Interessen der Internetnutzer erwiesen, was die meisten von euch wissen. Viele junge Menschen haben daraufhin begonnen, sich für die Mechanismen der Politik zu interessieren.

Xing
Startseite von Xing: Deutsche Internetunternehmen zu wenig innovativ?

Selbstreferenzieller, zerstrittener Haufen

Quasi als Belohnung steht Netzpolitik jetzt auf Platz 1 der Deutschen Blogcharts. Das freut die Web-2.0-Szene – und wird von den traditionellen Medien ebenso ignoriert wie der Aufschrei gegen die Netzsperren. Die Bevölkerung erfuhr so gut wie nichts darüber, es sei denn, sie las Nachrichten im Netz.

Was die deutsche Blogosphäre angeht, muss ich Lardinois und Weiß zum Teil zustimmen: Die Leser in Deutschland vertrauen noch sehr stark den traditionellen Medien, die anders als in den USA noch nicht ausnahmslos in den Händen einflussreicher Medientycoons sind. Deutsche Blogger seien das Gegenteil von dem, wofür Bloggen eigentlich steht, schreibt Lardinois in Bezug auf eine Aussage von Felix Salmon. Das kann man gerne noch erweitern mit einem sehr selbstreferentieller Haufen, der von der Öffentlichkeit kaum beachtet wird und ständig Giftpfeile gegeneinander schießt. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber warum ist das eigentlich so?

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Der Vergleich hinkt

Auch sonst hinkt ein Vergleich zwischen den USA und Deutschland traditionell. Nachrichten-Websites oder Blogs auf Deutsch können maximal 100 Millionen deutschsprachige Menschen erreichen. Effektiv sind es natürlich weit weniger. Demhingegen kann praktisch die ganze Welt englischsprachige Blogs lesen. Das ist ein Nachteil, dem deutsche Blogs auf dem doch sehr kleinen deutschen Markt ausgesetzt sind und gleichzeitig der Grund, warum sie oft deutlich geringere Einnahmen verzeichnen. Das frustriert viele deutsche Blogger und vielleicht kommen genau daher die Giftpfeile, die man sich untereinander zuschießt.

Aber fünf Jahre zurück? So krass ist es sicher nicht. Die Web-2.0-Szene in Deutschland ist nicht in allen Belangen rückständiger, sie ist eben nur anders als die in den USA. Trotzdem würde ich mir auch in Deutschland einen größeren Einfluss für Blogger wünschen und dass mehr Menschen Blogs und News-Websites lesen.

8 Gedanken zu „Social Media in Deutschlands fünf Jahre hinter den USA?“

  1. Genau, so pauschal würde ich das auch nicht sehen,
    sondern mir einzelne Bereiche der Blogosphäre anschauen. Was wir beobachten ist, dass die Kulturbranche zum Beispiel das Thema Web 2.0 noch nicht richtig entdeckt hat.

    Hagen Kohn

  2. Ich glaube es hat auch viel mit der “Mentalität” der Deutschen zu tun. Partizipation ist in den USA etwas vollkommen anderes als hier in Deutschland. In den USA will die Gesellschaft viel mehr gehört werden und legt auch viel mehr wert auf die Meinung anderer. Hier in Deutschland habe ich den Eindruck man hält Social Media eher für unseriös als die “klassichen Medien”. Ich denke, es wirkt der Eindruck, das Social Web würde von Laien geführt werden. Das amüsante finde ich daran, dass trotzdem viele auf Wikipedia zurückgreifen und dies sich auch als Medium akzeptiert haben. Das Partzipative, den Austausch sehen die meisten ja gar nicht. Dass es dabei darum geht gemeinsam etwas zu schaffen, zu ändern, hat sich in den USA recht gut eingebürgert. Obama’s Wahlkampf hat dies ja auf die Spitze getrieben. Deswegen funktionieren auch solche Kampagnen wie “United WE SERVE”. Hier in Deutschland ist man entweder seit Kindheitstagen beim Roten Kreuz oder man lässt es. Hier sehe ich auch Überschneidungen in der Einstellung zur Partizipation.
    Dieser Gedanke “Gemeinsam etwas zu ändern”, hat sich in den Köpfen der Deutschen (ich hoffe NOCH) nicht eingefunden. Aber da spielt die Geschichte der zwei Länder auch vielleicht eine Rolle.

  3. Es gab dazu bei der SZ die “Zehn Thesen, warum deutsche Blogs nicht funktionieren”: http://www.sueddeutsche.de/computer/129/467700/text/
    Wenn auch überspitzt, so sind hier aber ein paar typische Merkmale der Deutschen (Blogger) schön dargestellt. Ein paar davon habe ich früher gerne als unsere Stärken dargestellt (Perfektion, Systematik, Ferien), aber im Netz kann das einen ausbremsen. Ein großer Nachteil ist, dass es hier als nicht schick gilt, nicht zuende Gedachtes auszusprechen oder Begeisterung für eine frische Idee zu zeigen. Und beides halte ich für essentielle Motoren für Social Media und für die Wirtschaft insgesamt. Etwas weniger Hemmungen, bitte oder: be the first not the best.

  4. Deutsche Firmen wie Web.de oder XING riechen immer noch mehr nach Buchhalter als nach Innovation. XING steht seit Jahren mehr oder weniger still, erst seit ein paar Wochen ist Bewegung drin. Web.de arbeitet an allem, aber nicht an seinem Service als Email-Dienst Nummer eins in Deutschland (vielleicht sind sie es ja trotzdem).
    Die Blogosphäre in Deutschland ist eigentlich zu klein, um zu zeigen, was Blogs alles können. Das Netz von Blogs ist nicht dicht genug, um die nötige politische Schlagkraft zu bekommen. Deshalb empfehle ich jedem, ob Erzieher, Anstreicher oder Schauspieler, zu bloggen und sich mit anderen Bloggern zu vernetzen. Ich denke sogar, dass die jetzige Bloggerelite sich genau das, das Anleiten zum Bloggen, noch viel stärker zur Aufgabe machen sollte, so wie in USA Jay Rosen.

  5. Natürlich kann man es nicht so pauschal sagen – Headlines machen aber eben die Nachrichten, wie der Ami sagt. Nur: spontan fällt mir kein Bereich ein, wo man sagen könnte: Deutschland ist auf Augenhöhe. Oder hätte sogar die Nase vorn.

    Warum auch? Die USA sind viel größer und haben das Internet und das Bloggen erfunden. Ausserdem hat Amerika einen Mentalitäts-Vorsprung. In Deutschland fragt man immer gerne nach den Experten. Experten sind Leute, die ihrem Lebenslauf Dinge stehen haben, die vom Namen her darauf hinweisen, dass derjenige die Berechtigung hat, etwas zu dem Thema beizutragen.
    Die Angelsächsische Kultur ist keine Experten-Kultur. Sie ist eher eine Hands-On-Kultur. Derjenige der etwas macht, was funktioniert, hat die volle Berechtigung es zu tun. Niemand würde sagen: “Wer ist eigentlich Sacha Lobo, dass es sich anmaßt so etwas zu tun oder zu sagen”. Er ist erfolgreich. Das gibt ihm recht.

    Als Folge werden in Deutschland ständig Autoritäten hinterfragt. Die Journalisten zweifeln an der Autorität der Blogger und von Twitter, die Netzleute umgekehrt. Diese Grabenkriege behindern die Entwicklung, aber so sind wir nun Mal. :-) Für mich kein Grund zu verzweifeln. Lieber 5 Jahre hinterher, als auf dem falschen Dampfer.

  6. Hört – hört! Ich kann nur sagen, der Autor hat Recht. Und leider sind nunmal diejenigen, die früher vielleicht ein wenig zu progressiv und spekulativ in den Neuen Markt gegangen sind, nun zu risikoavers, als dass wahrhaftige Innovationen finanziell unterstützt würden. Ich bezweifle, dass die Innovationskraft in Deutschland nicht vorhanden ist. Es fehlt am Mut und der Kompetenz vieler Finanziers.

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