Orwellscher E-Book-Staat: Amazon löscht “1984″ und “Animal Farm” vom Kindle

Doppelminusgut: Amazon hat via Fernwartung über Nacht elektronische Bücher vom E-Book-Reader Kindle gelöscht und den Kunden den Kaufpreis gutgeschrieben. Das waren ausgerechnet Bücher von George Orwell, Autor der überwachungs- und zensurkritischen Romane “1984″ und “Animal Farm”.

Eine Zensurmaßnahme sei das nicht gewesen, heißt es als Begründung von Amazon. Die Bücher des Verlegers Barnes & Noble waren ohne dessen Zustimmung von dritter Seite im Kindle-Katalog aufgetaucht. Der Verleger hatte sich nun dazu entschlossen, die Genehmigung wieder zurückzuziehen und Amazon informiert. Laut den eigenen AGB ist Amazon durchaus dazu berechtigt, Bücher von den Geräten der Kunden zurückzuziehen, sagte Fred von Lohmann von der Bürgerrechts-Organisation Electronic Frontier Foundation (EFF). Dass die Maßnahme aber ausgerechnet diese beiden Bücher trifft, sei zu viel der Ironie.

“Amazon entfernt kritische Literatur von unseren Nachttischen”

In beiden Romanen – das dürfte den meisten bekannt sein – kritisiert Orwell totale Kontrolle, Zensur und Macht der herrschenden Klasse. Viele Kindle-Leser sind vor allem von der Art und Weise empört, wie die Bücher von ihrem Kindle verschwanden. Es sei, als schleiche Amazon über Nacht in die Schlafzimmer der Leute und entferne kritische Literatur von deren Nachttischen. Die Tatsache, dass Amazon den Lesern die 99 US-Cent für den Kaufpreis zurückerstattet habe, mache das Vorgehen nicht besser.

Amazon nennt die ganze Aktion inzwischen “unglücklich”. In Zukunft werde man keine Bücher mehr von den Lesegeräten der Kunden löschen.


 
 
 
 

7 Kommentare zu “Orwellscher E-Book-Staat: Amazon löscht “1984″ und “Animal Farm” vom Kindle”

  1. diltigug - 20. Juli 2009 um 12:02

    Na, das ist ja genau der richtige Beitrag zur laufenden Urherrechts- und Verwerterdiskussion. Da kann man nur hoffen, das dies die Nutzer mal wachrüttelt und für das Thema sensibilisiert. Ich bin vor ein paar Tagen auf ein Interview mit einem Medienrechtler gestossen und hab´ darüber gebloggt:
    http://www.janimnetz.de/2009/07/18/urheberrecht-kreative-und-verbraucher-haben-keine-lobby/
    Spannendes Thema, das es genau diese Buchtitel getroffen hat, ist natürlich der Brüller.

  2. rushme - 20. Juli 2009 um 14:35

    Hi – korrektes Neusprech wäre nach allem was ich weiß übrigens: “DoppelplusUNgut” und nicht “Doppelminusgut”. ,-)

  3. Axel Speitmann - 20. Juli 2009 um 16:13

    Da bekommt man doch langsam richtig Angst. Und Wut im Bauch. Die Orwell’sche Fiktion wird Wirklichkeit. Wir werden mehr und mehr überwacht und Staat und Wirtschaftsgiganten wie Goggle und Amazon sammeln jede Information über uns, die sie in die Finger bekommen. Das Schlimme daran ist, es macht das Leben ja so richtig bequem, wenn man die Kontrolle über die eigenen Daten in Fremde Hände legt. Wer weiß, vielleicht wachen wir morgen auf und jemand hat unser Hirn auch über Fernwartung udgedated.

  4. In HD-Qualität ProSieben, Sat.1 und kabel eins anschauen | Der Kabel Blog - 20. Juli 2009 um 23:13

    [...] Kontrolle abgeben muss, hat uns ja gerade erst Amazon mit seinem E-Book-Reader Kindle vorgemacht: Ausgerechnet George Orwells berühmter Roman “1984″ über einen Überwachungsstaat gehörte zu den [...]

  5. das bessere Leben » Blog Archive » Großer Bruder allgegenwärtig - 21. Juli 2009 um 14:33

    [...] las ich diesen Artikel über eine besonders dreiste Form von „Datenklau“ durch Amazon. Über Nacht hat der [...]

  6. Klare Worte: Amazon entschuldigt sich für Löschungen von E-Books | freshzweinull +++ - 24. Juli 2009 um 15:12

    [...] Woche mussten Kunden von Amazon mit Erschrecken feststellen, dass einige der von ihnen gekauften E-Books plötzlich von ihrem Kindle-Lesegrät verschwunden [...]

  7. Reparierer - 26. Juli 2009 um 15:22

    Kaum entschuldigt, kommt der nächste Skandal ans Licht:

    http://weser-ems.business-on.de/online-buchhaendler-amazon-ging-sorglos-mit-rufnummern-seiner-kunden-um_id3969.html

    Hauptsache, sie bringen ihren Laden in Ordnung.