“Natürlich habe ich Angst”: Der Protest im Iran droht aus den Medien zu verschwinden

Die Regierung im Iran scheint die Oberhand über die Demonstrationen gewonnen zu haben, doch die Menschen im In- und Ausland geben nicht auf. Kevan E. lebt zur Zeit in Europa und organisiert Proteste im Web und auf der Straße. Ein ganz normaler Iraner mit Hoffnungen auf ein Ende der Diktatur – und mit der Angst vor der Rückkehr.

Kevans richtigen Namen haben wir natürlich geändert und auch sonst dafür Sorge getragen, dass niemand eine Verbindung zwischen ihm und uns herstellen kann. Der Iran kontrolliert seine Bürger auch im Ausland und sammelt Informationen über sie aus Social Networks. freshzweinull sprach mit dem in Frankreich lebenden Studenten im Chat.

freshzweinull: Kevan, wie bleibst du mit den Menschen in Kontakt, die im Iran gegen Wahlfälschungen und die Regierung Ahmadinedschads demonstrieren?

Kevan E.: Hauptsächlich über E-Mail, Facebook und Yahoo Messenger, weil diese im Iran am beliebtesten sind. Aber niemand weiß, wie sicher sie noch sind, weil die Regierung täglich bessere Instrumente verwendet, um die User zu überwachen. Sie hat praktisch die Kontrolle über alle Internet-Service-Provider im Iran.

Wurden einige deiner Freunde wissentlich überwacht?

Nicht die Menschen, zu denen ich Kontakt habe, sonst säßen sie schon im Gefängnis! Allerdings wurden in einer ersten Phase vielle Blogger verhaftet, die ihre Sicht der Dinge verbreitet haben. Auf ihrer offiziellen Website schreibt die Revolutionsgarde, sie werden hart gegen diejenigen vorgehen, die im Internet Informationen gegen sie verbreiten und dass sie herausfinden werden, wer sie verfasst. Sie haben auf der Website auch die Fotos vieler Demonstranten eingestellt, von denen sie vorgeben, sie identifiziert zu haben. Damit wollen sie den Leuten Angst machen, zu Demonstrationen zu gehen.

Sind das bloße Einschüchterungsversuche oder haben die Demonstranten, die gefasst werden, wirklich mit schweren Strafen zu rechnen?

Wer gefasst wird, dem stehen schwere Bestrafungen bevor. Die Gefangenen werden geschlagen und gefoltert und ihre Familien erfahren nicht, wo sie sind. In diesen Tagen treffen sich viele Familien vor den Gefängnissen, um etwas über den Verbleib ihrer Kinder, Ehemänner, Ehefrauen zu erfahren, aber die Behörden schicken sie weg. Die Gefangenen werden gezwungen, Geständnisse abzulegen, die dann auf Video aufgenommen werden. Darin müssen sie zugeben, dass sie vom Westen aufgestachelt wurden, und dass sie Gewehre und Bomben benutzen wollten, um Menschen zu töten.

Iran-Demonstration
Demonstration in Berlin für Demokratie im Iran. Foto: Dr.Pat.

Aber reicht ein einfacher Protest schon aus, um ins Gefängnis zu wandern?

Laut der Verfassung sind friedliche Demonstrtionen legal, aber die Regierung erlaubt sie trotzdem nicht. Wenn du gegen etwas demonstrierst, das nicht ihrer Überzeugung entspricht, heißt das, dass du gegen sie bist. Es gibt im Iran einen politischen Gefangenen, der seit dem Beginn der Revolution im Gefängnis sitzt …

Du meinst die Revolution von 1979?

Ja. Nachdem sie die US-Botschaft besetzt hatten, sagten die Revolutionäre, er sei ein Spion der USA, und er ist seitdem in Haft. Sein Name ist Abbas Amir Entezam. Er ist der politisch Gefangene, der am längsten einsitzt, aber natürlich nicht der einzige. Und wie lange politische Gefangene einsitzen, liegt im Gutdünken der Regierung.

Es gibt immer wieder Demonstrationen im Iran, so auch die Studentenproteste von 1999. Hat das Volk diesmal wirklich die Chance, die Regierung zu stürzen?

Diesmal ist die Chance da, denn praktisch jeder sieht sich der Willkür der Regierung ausgesetzt. Die Proteste werden von Mousavi, Karoubi, Chatami und einigen politischen Gruppen unterstützt, weil alle Angst vor der Zukunft haben. Diesmal sind die Menschen also mutiger, weil sie eine echte Chance zur Demokratie sehen. Das wird aber schwer werden, weil die Regierung das Militär und die Sicherheitskräfte auf ihrer Seite hat.

Was kann das Ausland tun, um dem iranischen Volk zu helfen?

Ganz klar: Wirtschaftssanktionen würden helfen, und zwar nur solche, die Ölexporte aus dem Iran verhindern. Die Einnahmen aus dem Öl gehen direkt an die Regierung. Ahmadinedschad und der religiöse Anführer (Ayatollah Khamenei, d.Red.) finanzieren sich praktisch davon, während das Volk von den Einnahmen gar nichts hat. Wenn die Regierung auf ihren Ölexporten sitzen bleibt, könnte man ihnen buchstäblich den Hahn zudrehen. Wir Iraner im Ausland haben aber erst einmal politische Sanktionen als Ziel. Wir organisieren Demonstrationen auf der ganzen Welt. Wenn ihr uns unterstützen wollt, übt Druck auf eure Regierung aus. Ermuntert sie dazu, sich mehr für Menschenrechte einzusetzen als für wirtschaftliche Aspekte.

Wäre Mousavi der Richtige, um den Iran zu demokratisieren?

Nur bis zu einem gewissen Punkt. Er ist der einzige, der im Moment den Kampf aufnimmt. Aber er glaubt an das totalitäre System mit dem religiösen Anführer Ayatollah Khamenei, der das Sagen über die Regierung, das Parlament, die Armee und die Justiz hat. Und solange er an der Macht ist, wird der Iran eine Diktatur bleiben. Gäbe es eine Wahl, die von der OECD überwacht wird, wären die Schritte in eine Demokratie offen.

Du lebst zur Zeit in Frankreich, musst aber bald zurückkehren. Hast du Angst, dass der Geheimdienst von deinem Protest auf Facebook und in anderen Social Communitys erfährt?

Natürlich habe ich Angst. Ich habe meinen Facebook-Namen geändert und auf Demonstrationen in Europa immer eine Maske getragen. Aber die Regierung hat immer bessere Algorithmen und Anwendungen für die Gesichtserkennung. Ich hoffe, wenn ich in einigen Monaten zurückkehre, dass die alte Regierung dann schon entmachtet ist.