Google kündigt Browser-Betriebssystem Chrome OS an

Vermutet wurde es ja schon lange: Google entwickelt ein eigenes Betriebssystem, das auf dem Browser Chrome und einem Linux-Kern basiert. Es soll in der zweiten Hälfte nächsten Jahres auf Netbooks ausgeliefert werden. Viele sehen Chrome OS bereits als Frontalangriff auf Microsoft. Die Hoffnung kommt aber noch etwas zu früh.

Web-Betriebssystem für das Webzeitalter

Das Chrome OS soll auf x86- und ARM-Chips laufen und damit auf Netbooks, Laptops und Desktop-PCs. Die Benutzeroberfläche werde sich gegenüber dem Browser elegant zurücknehmen und den Benutzer beim Surfen nicht in die Quere kommen, erklären die Google-Entwickler Sundar Pichai und Linus Upson in ihrer Ankündigung im offiziellen Google-Blog.

Die Vorläufer heutiger Betriebssysteme wurden in einer Zeit erfunden, als es noch kein World Wide Web gab, schreiben die beiden Entwickler darin. Die Nutzer wollten heute aber direkt auf das Internet und ihre E-Mails zugreifen, ohne auf ein Hochfahren des Rechners und des Browsers warten zu müssen.

Statt Apps könnte es Widgets geben

Mit Chrome OS soll das nicht mehr notwendig sein. Das System starte sofort, Probleme mit Viren und Schadsoftware soll sich auf die von Browsern bekannten Probleme reduzieren. Mit Google Android, dem Betriebssystem für Smartphones, soll Chrome OS übrigens nicht in die Quere kommen. Android sei in erster Linie für Smartphones und maximal noch etwas größere Mobile Internet Devices (MIDs) ausgelegt, Chrome OS solle von Netbooks bis Desktop-PCs auf größeren Rechnern laufen.

Interessante Randnotiz: Google ruft externe Entwickler auf, Web-basierte Apps zu erschaffen. Diese sollen nicht nur auf Chrome laufen, sondern auch in praktisch allen anderen Browsern. Das gibt den Entwicklern eine größere Reichweite und klingt nach Apps, die sich – ähnlich wie iPhone Apps – mit dem Klick auf ein Icon starten lassen. Damit könnte Chrome nicht nur Tab-basiert arbeiten, sondern auch mit Widgets.

Chrome
Browser-Screenshots. Bilder vom Chrome OS gibt es bislang nicht.

Kein gleichwertiger Ersatz im Web für Photoshop und Co.

Trotz aller Euphorie der Techblogger wie von Techcrunch, die ich durchaus teile, halte ich Googles Ankündigung nicht für eine Revolution. Dazu bleiben zu viele Details erst einmal ungeklärt. Zum Beispiel: Was aus riesigen Software-Suiten wie Photoshop und Dreamweaver wird, aus Entwicklungsumgebungen wie Eclipse oder ganz einfachen Musikplayern wie iTunes. Für all das habe ich im Web ganz gute Ansätze gefunden, aber noch lange keinen gleichwertigen Ersatz.

Darüber hinaus habe ich zum Beispiel keine Lust, meine Musik und Videos erst stundenlang ins Internet zu laden, bevor ich sie auf meinen Rechner benutzen kann. Googles Erwartung, die Menschen wollten keine Backups machen, sondern von überall auf ihre Daten zugreifen können, teile ich so nicht. Zum einen werden auch irgendwo im Web (oder in der Cloud) gespeicherte Daten zu einem Sicherheitsrisiko. Und zum anderen verbringen die Menschen die meiste Zeit im Web immer noch zu Hause am Rechner und nicht unterwegs. Von einem Dateimanager wie dem Windows Explorer ist beim Chrome OS aber bislang nicht die Rede. Gut, die Ankündigung der beiden Entwickler ist sehr früh und enthält wenig Details. Ich hoffe aber schon, Google wird auf einen Filemanager nicht verzichten.

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Kein Frontalangriff auf Microsoft

Als “Atombomben-Angriff” auf Microsoft, wie MG Siegler von Techcrunch schreibt, sehe ich Chrome OS aber nicht. Man wird bisher gängige Betriebssysteme wie Windows auch noch benutzen, wenn Chrome OS längst auf dem Markt ist. Googles Ankündigung klingt für mich mehr wie eine Einladung, das Modell Betriebssystem zu überdenken. Damit dürfte Google vor allem die Tür zu einer neuen Entwicklung aufgestoßen haben, die auch die Software-Industrie dazu einlädt, schlankere, browserbasierte Software zu entwickeln. Adobe zum Beispiel scheint die Zeichen der Zeit gehört zu haben.

Chrome OS und Browser-Betriebssysteme allgemein dürften also eher eine Domäne der noch etwas ferneren Zukunft sein. In fünf Jahren etwa, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass Windows und Co. ihre Schuldigkeit getan haben, und die Masse der Nutzer dann mit kleineren Betriebssystemen wie Chrome OS, aber auch Android und iPhone OS unterwegs sein wird. Und die Tür zu dieser Entwicklung hat Google heute aufgestoßen. Meiner Meinung nach ist das sehr erfreulich.