Wichtig, dass man’s hat: Smartphone-Hersteller im Gigahertz-Wahn

Arme Computer- und Fotoindustrie! Jahrelang war das Prinzip Hochrüstung ein Erfolgsgarant. Ein Pentium-III-Prozessor mit 3,0 GHz war ganz einfach schneller als ein Pentium-III-Prozessor mit 2,8 GHz. Eine Digitalkamera mit 6 Megapixeln hatte 1 Million Pixel mehr als eine mit 5 Megapixeln. Einfach für den Kunden, no questions asked. Diese Zeiten sind leider vorbei; dafür geht das Wettrüsten in der Liga der Smartphones jetzt erst richtig los. Wenn das iPhone besser ist als du, dann musst du wenigstens schneller sein.

Seitdem Dual- und Quadcore-Prozessoren in den meisten Rechnern eingebaut sind, können PC-Hersteller schlechter mit dem Pfund wuchern. Und der Durchschnittskunde steht wie der Esel vor der Scheune: “2,8 GHz Dualcore, das sind mit zwei multipliziert, äh. Und 1,8 GHz Quadcore mal vier, da kommt man auf …”

Es war einmal der Megapixelwahn

Nicht viel leichter hat es da die Digitalkamera-Industrie. Lange Jahre konnte man den Kunden mit immer neuen Rekordmeldungen die Freudentränen in die Augen treiben: 10, 12, vierundzwanzig Megepixel – eine Auflösung um selbst Straßenbahnwaggons mit gestochen scharfen Bilden zu bekleben. Musste der Durchschnitts-Ibiza-Urlauber für seine Kegelklubtour unbedingt haben. Die Zeiten waren so schön, bis irgendwelche Technikjournalisten plötzlich auf die Idee kamen, den Megapixelwahn zu hinterfragen. Seitdem weiß auch der Computer-Bild-Leser: Bei den Megapixeln ist weniger mehr und nur auf weniger Rauschen kommt es an. Schade nur, dass dafür noch keine Kennzahl erfunden worden ist.

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Aus einer ganz anderen Motivation heraus scheinen nun Smartphone-Hersteller ihre Liebe zum technischen Detail gefunden zu haben. Das iPhone schwirrt als unerreichbar leicht zu bedienendes Wunderhandy in anderen Sphären. Mehr als gut kopieren können wir das nicht. Können wir einfach nicht. Können wir vielleicht doch? Kürzlich war durchgesickert, dass das neue iPhone 3G S mit einem 600-MHz-Prozessor ausgestattet ist. 600 Megahertz? Da kommen wir doch locker drüber, dachte sich wohl die Konkurrenz voller Euphorie. Und so liest man bei Produktbeschreibungen neuer Smartphones immer öfter, wie schnell der eingebaute Prozessor denn ist.

Mobile Web soll Spaß machen

Das HTC Touch Pro2 kommt noch mit schmalbrüstigen 528 MHz daher, Samsungs Modelle S8000 Jét und Omnia Pro haben schon einen 800-MHz-Prozessor. Wer bietet mehr? Toshiba! Das TG01 ist das erste Smartphone mit 1-GHz-Prozessor, meldet Spiegel Online.

Wie das Rennen nun weiter geht, könnt ihr euch denken. Ihr wisst dabei aber auch, dass es bei derart intimen technischen Geräten wie unserem Alltagshandy auf mehr als nur Geschwindigkeit ankommt: Die Bedienung muss Spaß machen. Wofür entscheidet ihr euch also? Geschwindigkeit oder Benutzerfreundlichkeit? Ich glaube, die Zeiten immer schnellerer Unterhaltungselektronik sind vorbei. In den Vordergrund rückt nun der Spaß, den man bei der Sache haben kann. Das haben Wii und iPhone gezeigt, und das hat sogar die Automobilindustrie eines Tages erkannt. Die Smartphone-Welt wird sich darauf einrichten müssen und die Geschwindigkeit des Prozessors wird hoffentlich nebensächlich bleiben.