Iran: Staat überwacht Twitter-User

Mobilfunküberwachung zur Strafverfolgung ist ein bekanntes System – zumindest in Europa. Im Iran allerdings werden jetzt genau diese Systeme eingesetzt, um die komplette Bevölkerung zu überwachen. So will die iranische Regierung die Menschen identifizieren, die Informationen über die Demos und den Widerstand gegen das Regime via Twitter verbreiten. Denn der Microblogging-Dienst ist weiterhin – neben YouTube – das Medium, über das aktuelle und vor allem ungefilterte Informationen über die Ereignisse im Iran in die Welt gelangen.

Überwachungssystem von Nokia Siemens Networks

Wie das Wall Street Journal berichtet, stammt das System für die Überwachung von Nokia Siemens Networks (NSN). Allerdings dementiert das Unternehmen, Ausrüstung zur Interzensur und -überwachung an den Iran geliefert zu haben. Man habe nicht wie berichtet Switches zur “Deep Packet Inspection” verkauft, sondern lediglich “Monitoring Center”, das der gesetzmäßigen Überwachung dient, an den Iran ausgeliefert. Außerdem sei eine derartige Mobilfunk-Überwachung in fast allen Netzen weltweit – auch im Iran – gesetzlich vorgeschrieben.

Überwachung mit “Monitoring Center”

Trotzdem kann die iranische Regierung ihre Bevölkerung überwachen, denn das System “Monitoring Center” ist in der Lage, digitale Sprachpakete für Festnetz, GSM und SMS zu transportieren. Diese werden dann über denselben Kanal wie zum Beispiel die Teilnehmererkennung (IMSI) und die Standortdaten geschickt. So lassen sich von jedem Festnetz- oder Mobilanschluss Kommunikationsprofile erstellen, aus denen hervorgeht, wer wann wo und mit wem telefoniert oder per SMS kommuniziert hat.

Daher ist davon auszugehen, dass alle SMS, die aus dem Iran über Handys oder Smartphones an Twitter geschickt werden, mit Hilfe der NSN-Technik von staatlicher Seite im Volltext erfasst werden. Diese können dann über eine Datenbank einer Mobilfunknummer oder der IMSI zugeordnet werden und schon ist die entsprechende Person identifiziert.

Deutsche Korrespondenten verlassen den Iran

Es bleibt zu hoffen, dass durch diese staatliche Kontrolle der Informationsfluss via Twitter und YouTube nicht verebbt, denn die Berichterstattung der klassischen Medien wird zunehmend eingeschränkt. Wie der Tagesspiegel berichtet, befindet zur Zeit nur noch ein deutscher Journalist im Iran – Peter Mezger (ARD). Seine letzten beiden Kollegen Halim Hosny (ZDF) und Antonia Rados (RTL) haben Anfang der Woche das Land verlassen. Bei Rados lief das Visum ab, Hosny ging freiwillig.

Sie alle waren in ihrer Arbeit massiv eingeschränkt worden. Sie durften von offizieller Seite aus nicht über über Demonstrationen der Opposition berichten und wurden wurden wiederholt aufgefordet, das Land zu verlassen. Peter Mezger wird wohl der nächste sein, der seine Koffer packen muss. Schon jetzt bekommt er regelmäßig Besuch von iranischen Sicherheitskräften. Zudem seien immer wieder um 20 Uhr – also zufällig genau zu Beginn der “Tagesschau” – die Leitungen zwischen Teheran und Hamburg gestört.

Wenn mit Mezger dann auch der letzte deutsche Journalist den Iran verlassen hat, sind Twitter, YouTube und Co. – zumindest für Deutschland – tatsächlich die einzigen Kanäle, die die Lage vor Ort zeigen und dokumentieren.

Wer noch mehr über den Einfluss wissen möchte, den das Internet heutzutage hat, dem sei die Sendung “Außer Kontrolle – Welche Macht hat das Internet?” ans Herz gelegt, die heute Abend um 22:15 Uhr auf PHOENIX läuft.

Ein Gedanke zu „Iran: Staat überwacht Twitter-User“

  1. Ich glaube das Twitter, YouTube und Flickr vielleicht wichtig sind um Infomrationen im Ausland zu verbreiten. Leider ist aber der Einfluss solcher Infos im Iran selber limitiert.

    Vielen Dank fuer diesen Post.

Kommentare sind geschlossen.