Facebook und Friendfeed rüsten auf: Der Anfang vom Ende für Twitter?

Für Twitter wird es eng: Der Dienst wächst längst nicht mehr so stark wie im Frühjahr, die Server gehen nach wie vor zu häufig in die Knie und von wirklichen Einnahmen kann bei Biz Stone und Co. auch noch nicht die Rede sein. Facebook und Friendfeed rüsten derweil mit immer neuen Ideen auf und werden von Mitstreitern zu ernsthaften Konkurrenten. Twitter droht den Anschluss zu verlieren.

Von Richard Rogler stammt die wunderschöne Anekdote: “Bei der Fussball-WM habe ich mir Österreich gegen Kamerun angeschaut. Warum? Auf der einen Seite Exoten, fremde Kultur, wilde Riten – und auf der anderen Seite Kamerun!”

Als meine Wenigkeit kürzlich mittags spazieren ging, schossen mir ähnliche Gedanken durch den Kopf: “Wer ein Paralleluniversum sucht, der sollte ins Bonner Stadthaus gehen: Wirre Gestalten, abenteuerliche Rohrkonstruktionen und eine absurde Hinterhauskneipe mitten im Foyer. Fast schon zu grotesk kulturell, um den Bau einfach abzureißen.”

Twitter: Künstliche Enge, weniger Übersicht

Was beide Gedanken gemeinsam haben? Sie passen nicht einmal annähernd in 140 Zeichen. Twitter mag schnell sein, Twitter mag durch ansprechende Optik überzeugen, aber diese künstliche Einengung auf einen kleinen Textraum war mir schon immer ein Dorn im Auge. Klar lässt sich vieles in 140 Zeichen erklären – der weitaus größere Teil der Gedanken und Erlebnisse passen aber eben nicht da hinein.

Soll ich noch weitere Nachteile nennen? Es hapert bei der Übersichtlichkeit. Das weiß jeder, der einmal viele Retweets oder schwer zuordbare Antworten zu einem vor Urzeiten geposteten Thema bekommen hat. Diskussionen mit mehreren Gesprächspartnern sind auf Twitter nur schwer möglich, mal ganz zu schweigen davon, dass die Masse unserer Follower sie nicht interessiert, sie aber trotzdem mitlesen muss. Dass Twitter immer noch viel zu oft nicht erreichbar ist, darüber regen wir uns schon gar nicht mehr auf; das ist einfach so.

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Vorteile über Vorteile: Facebook hat Twitter abgehängt

Und dann wartete Facebook gestern mit einer interessanten Nachricht auf: Status-Meldungen können künftig auf Wunsch öffentlich sein. Status-Meldungen sind vom Prinzip her nichts anderes als Tweets: Ich schreibe, was ich gerade mache, vielleicht noch mehr als was ich gerade denke. Sonst? Eigentlich das gleiche. In Kombination mit Vanity-URLs wie facebook.com/gustavmeyer wird Facebook damit zu Twitter, genauer gesagt zu einer runderneuerten und verbesserten Version des Zwitscherdienstes.

Denn der Facebook-Minifeed kann alles, was Twitter nicht kann: Man kann Videos und Bilder so einfügen, dass jeder Leser sie direkt im Lifestream anschauen kann. “Inline” nennt sich das. Man kann die Statusmeldungen der Freunde ganz wunderbar mit anderen diskutieren oder sie ganz einfach gut finden. Man kann die Nachrichten solcher “Freunde” ausblenden, die man nicht lesen will, die man aber trotzdem nicht von seiner Freundesliste streichen will, nur weil sie zu viel Blödsinn verzapfen.

Facebook Inline

Und vor allem: Bei den Statusupdates von Facebook ist man nicht auf lausige 140 Zeichen eingeschränkt. Die Freiheit der Zeichen ist praktisch unbegrenzt. Habt ihr schon einmal erlebt, dass Facebook überlastet oder stundenlang nicht zu erreichen war? Ich auch nicht.

Friendfeed ist noch einen Schritt weiter

Friendfeed, der dritte Mitspieler in der Runde, hat seinen Funktionskatalog gestern um die Funktion erweitert, Dateien hochzuladen und sie ebenfalls in den Lifestream zu stellen. Damit ist Friendfeed sogar Facebook noch einen Schritt voraus. Beide Startups sind lernfähig, erweitern ihr Produktprogramm ständig, setzen auf eigene Innovationen genauso, wie sie gute Ideen anderer Communitys mit einbauen. Welche namhaften neuen Funktionen hat Twitter in den letzten Monaten vorgestellt?

Es ist schon fast symbolisch, dass ich von Michael Jacksons Tod gestern Nacht nicht zuerst auf Twitter erfahren habe, sondern auf Facebook. Die Freunde-Community unternimmt sogar ernste Versuche, sich zu refinanzieren: mit Werbeeinnahmen, mit Webcents, mit einem Anteil der Einnahmen externer Anwendungen.

Geht Twitter den gleichen Weg wie ICQ?

Kurz gesagt: Facebook ist Twitter nicht nur technisch überlegen, sondern auf lange Sicht augenscheinlich auch finanziell. Was wird von Twitter übrig bleiben, wenn sich der Dienst nicht fortentwickelt? Nicht einmal das Argument, dass die Schlichtheit bloßer Texte erotischer wirkt, kann ich so gelten lassen: Denn trotz der vielen Zusatzelemente empfinde ich den Facebook-Minifeed nicht störender als meine Twitter-Timeline.

Es scheint mir fast so, als ginge Twitter den gleichen Gang wie der Instant-Messenger ICQ. Er war früher dran als seine Konkurrenz von Yahoo bis MSN und doch schon bald hoffnungslos veraltet und technisch unterlegen. Viele Nutzer, wenn auch fast nur aus Deutschland, bleiben dem Dienst bis heute treu, weil er eben der erste war. So ähnlich könnte es Twitter auch ergehen: Nostalgiker werden dem technisch unterlegenen Dienst treu bleiben – während die bessere Konkurrenz die Massen der Nutzer anziehen wird. Für Twitter könnte es schon bald bergab gehen.

12 Gedanken zu „Facebook und Friendfeed rüsten auf: Der Anfang vom Ende für Twitter?“

  1. Gerade die 140 Zeichen finde ich reizvoll. So muss man auch mal mehr darüber nachdenken wie man etwas schreibt anstatt einfach etwas hinzuklatschen.

  2. für mich stellt sich auch die frage wie die online welt google wave annimmt.
    das wird, jedenfalls wird so darüber berichtet, auch nochmal einen neuen wind in die communitys bringen und mal schauen ob google wave nicht nur die email ablösen wird (wenn sie es überhaupt schafft), sondern auch die social networks, twitter und co.

  3. Twitter sollte sich weiterentwickeln, sollte von Facebook lernen. Aber die Einfachheit von Twitter hat ihren Reiz. Man muss bei Facebook nicht alles nutzen, aber im Vergleich zu Twitter wirkt es überfrachtet.

    Facebook sehe ich schon lange als Gefahr für Twitter. Und dass Twitter beim Thema Geschäftsmodell nicht mal Dampf macht, ist in meinen Augen ein großer Fehler.

    Aber vielleicht wird das kleine, schlanke Twitter von seinen Investoren noch finanziert, wenn Facebook schon Pleite ist. Es ist gut, dass man bei Facebook schon weiter ist beim Thema Geschäftsmodell, aber so richtig Land in Sicht ist da doch nicht, oder irre ich mich?

    Facebook ist unglaublich groß, aber im Jahr 2009 sollte man mit Begriffen wie too big too fail vorsichtig sein.

    Wer weiß, welches neue Start-up Facebook bald verdrängen wird? Vielleicht auch keines, aber was für Twitter und gegen Facebook spricht, ist: Microblogging an sich hat eine lange Zukunft, nehme ich an. Wie viel Zeit man künftig auf Social Networks verbringen wird, ist eine andere Sache.

    Als Kontaktverzeichnisse haben Social Networks eine Zukunft, aber wie lange sich die Nutzer noch mit Schafen bewerfen wollen und ob für die nächste Generation Internetnutzer in solchen Aktivitäten überhaupt noch ein Reiz besteht, halte ich für weit unsicherer.

    Twitter jedenfalls könnte – bei entsprechender Prioritätensetzung – recht schnell in die Gewinnzone kommen. Der Riese Facebook hat noch einen weiten Weg vor sich.

  4. Facebook ist monströs, Friendfeed braucht kein Mensch.

    Twitter ist nur eins: Twitter. So soll es sein. (-:

  5. Ja, Facebook ist gerade beim Posten von Links, Bildern oder Videos komfortabler als Twitter. Dort braucht man schon Erweiterungen wie beispielsweise PowerTwitter, um ähnliche Funktionen zu bekommen. Auch eine _direkte_ Kommentarfunktion vermisse ich bei Twitter. Die @replies können auf Dauer sehr unübersichtlich werden.

    Für Twitter spricht aber die Reichweite. Während ich bei Facebook nur mit Freunden vernetzt bin, kann mir bei Twitter quasi jeder folgen. Und das schöne: Das muss nicht auf Gegenseitigkeit beruhen. Für mich ein deutliches Plus für Twitter.

    Ich denke, Twitter hat die Probleme (allen Voran die Ausfallzeiten, die jedoch schon deutlich besser geworden sind) erkannt und wird auch Facebook und Co. im Auge behalten. Eine einfachere Oberfläche zum Posten von Links und Multimedia-Inhalten und eine vernünftige Kommentarfunktion würden dem Dienst sicherlich gut tun. Selbst so unnütze, aber einfach sehr beliebte (ja, auch bei mir) Funktionen wie “gefällt mir” (gerne auch ein “gefällt mir nicht”) würden die Popularität steigern.

  6. Ich bin mal wieder am Schmollen, dass http://www.plurk.com/ mit keiner Silbe erwähnt wird *schmoll* Immerhin ist es auch ein twitter-Klon! Dass twitter aber keine Videos und Bilder einbinden kann, wusste ich gar nicht – schließlich kann ich das doch bei plurk auch… hach ja, so kann man sich täuschen über den großen Bruder…

    Dafür guck ich mir mal friendfeed an – mal gucken, was das schon wieder ist, damit ich auch mitreden kann…

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