Bahn foppte Spiegel Online und FTD mit versteckter PR

Die Bahn kommt, die Bahn kontrolliert. Nicht nur ihre eigenen Mitarbeiter, sondern auch, was über sie geschrieben wird. Allein im Jahr 2007 hat der Konzern 1,3 Millionen Euro in verdeckte Werbemaßnahmen zur Imageaufbesserung investiert, wie der neue Bahn-Chef Rüdiger Grube am Donnerstag selbst zugab. Getrickst wurde mit tendenziösen Studien und platzierten Beiträgen. Hereingelegt wurden unter anderem Spiegel Online, “FTD” und “Capital”.

Den betroffenen Medien war die Verbindung zwischen der Bahn und dem verantwortlichen Thinktank Berlinpolis offenbar nicht klar. Im “Tagesspiegel” erschien 2007 eine Studie, nach der die Mehrheit der Bundesbürger für eine Teilprivatisierung der Bahn sei. Durchgeführt wurde die Studie von Forsa, in Auftrag gegeben wurde sie von Berlinpolis. Der damalige Berlinpolis-Chef Daniel Dettling kam selbst in einigen Medien wie “Capital” zu Wort. Zur Zeit des Lokführerstreiks erschien in mehreren Online-Magazinen ein Bericht über die ebenfalls beeinflusste Studie, nach der die Mehrheit der Bevölkerung gegen den Streik sei.

Auftritte in Fernsehsendern, Einträge in Online-Foren

Zum Repertoire von Berlinpolis zählen außerdem regelmäßige Besuche in Redaktionen, von “Bild” bis “Süddeutsche Zeitung”, und organisierte Auftritte von Bahn-Vorständen in Fernsehsendern. Leserbriefe sollen an zahlreiche Zeitungen gegangen, Blog- und Forenbeiträge platziert worden sein. Auch Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee soll in verschiedene Aktivitäten von Berlinpolis eingebunden gewesen sein. Berlinpolis wurde von der Lobbyagentur EPPA beauftragt. EPPA wiederum erhielt die 1,3 Millionen Euro von der Bahn.

Laut Bahn-Chef Rüdiger Grube sei die Zusammenarbeit mit EPPA noch im Jahr 2007 beendet worden. Die Lobby-kritische Gruppe Lobbywatch, die die Fälle aufgedeckt hat, rechnet aber damit, dass das erst die Spitze des Eisbergs war. Als erste Konsequenz hat Grube den Marketing- und PR-Chef der Bahn, Ralf Klein-Bölting, gefeuert.

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Wer glaubt jetzt noch an das, was in einer Studie steht?

Gewesen war es natürlich niemand: Tiefensee gibt zu, zusammen mit anderen Politikern auf einem von Berlinpolis veranstalteten Treffen gewesen zu sein. Eine Zusammenarbeit mit dem Thinktank streitet er aber ab. Berlinpolis schiebt die Verantwortung auf EPPA und die Bahn und bestreitet, selbst in Blog-Einträgen und Foren Einträge und in Tageszeitungen Leserbriefe platziert zu haben.

Dass offenbar Beiträge in Blogs und Foren platziert worden sind, wundert mich kein bisschen, wo doch viele Blogger inzwischen ganz ungeniert für Geld Werbung tarnen und Inhalte platzieren. Dass sich aber auch renommierte Redaktionen haben beeinflussen und Fernsehredaktionen vielleicht sogar haben bezahlen lassen, ist ein starkes Stück. Das könnte die ohnehin etwas rosarote Vorstellung von einer unabhängigen Presse zu einer Illusion werden lassen. Auch Meinungsforscher wie Forsa müssen sich – wieder einmal – den Vorwurf gefallen lassen, dass ihre Studien das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben stehen: Wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing – es bleibt dabei.

3 Gedanken zu „Bahn foppte Spiegel Online und FTD mit versteckter PR“

  1. Platzierte TV-Beiträge sind heute, leider, an der Tagesordnung. Als Paradebeispiel kann man da die Pro7-Sendung “Galileo” nehmen, dort werden Pseudo-Bildungs-Beiräge gesendet, die direkt aus den Marketing-Abteilungen der Konzerne stammen (Beispiel die Neueröffnung einer Burger-Filiale).

    Die kommt aber leider auch verstärkt bei den GEZ-Sendern vor, oft, ohne dass die Redaktionen es merken, werden ihnen versteckte PR-Filmchen untergejubelt, manchnal sogar mit wissen und unter der Duldung der verantwortlichen Sender.

    Die Medien zeigen schon lange nicht mehr die Wahrheit, sondern dass, was uns andere als Wahrheit verkaufen wollen.

  2. Ich wüßte nicht, daß in Blogs positiv über die bahn berichtet wurde geschweige denn über die Streiks geschimpft. Ich hatte den Bericht auch so verstanden, daß man eigene Blogs angelegt hat und versucht hat, per Kommentarspam auf diese aufmerksam zu machen. Da auch das eher weniger funktioniert hat zeigt wohl der Umstand, daß ich zwar gute 200 Blogs relativ regelmäßig lese aber eben nie auf irgendwelche Artikel stieß, wie sie die Studie benennt. Insoweit würde ich das eher so interpretieren, daß man hier trotz des Aufwandes der Meinungstransparenz im Internet eher wenig entgegen setzen konnte.

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