Ins Netz gegangen: Michael Rotert, Deutschlands erster Mann im Internet

Wenn jemand hierzulande als Internetpionier bezeichnet werden darf, dann ist es Professor Michael Rotert. Der vermutlich erste deutsche Internetnutzer ist unter anderem Gründungsmitglied der Internet Society und von DENIC, Vorstandsvorsitzender des eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V., Präsident von EuroISPA sowie als Gutachter für die Europäische Kommission, UN und US Dept. of Commerce tätig. Im Interview verrät er mehr über die “Steinzeit” des Internets und warum das heutige Netz ihn an Röhrenradios erinnert.

Seit wann nutzen Sie das Internet?
Da ich 1984 den ersten direkten Internet-Mailserver im Verbund mit amerikanischen Wissenschaftsnetzen aufsetzen konnte und 1985 die erste direkte Internetanbindung über die texanische RICE University an der Uni Karlsruhe eigenhändig implementiert habe, der Rechner hieß “germany.arpa” und war eine Unix Maschine, behaupte ich einmal, dass ich auch der erste Internetnutzer in Deutschland war. 1993 kamen in Deutschland erst die kommerziellen Internetprovider auf, wobei ich hier im Abstand weniger Monate der zweite Provider war – die Firma hieß seinerzeit Xlink und war mit dem Fokus auf Geschäftskunden sehr erfolgreich. Mit einem PC zuhause nutze ich das Internet allerdings erst seit Beginn der 90er Jahre, aber das waren weniger technische Gründe, sondern davor war es für Privatleute schier unerschwinglich. Auch muss man wissen, dass es zu jener Zeit bei den meisten Rechnern noch keine Maus oder grafische Oberfläche gab, und nur sehr teure Workstations diesen Luxus hatten. PCs wurden damals noch mit getippten Kommandos betrieben.

Was ist momentan Ihre Lieblingswebsite?
Da ich das Internet als Arbeitsmittel nutze, habe ich keine ausgesprochene Lieblingsseite. Heise online besuche ich täglich ebenso wie die Netzwerkstatusseite meines deutschlandweiten Hotspotnetzes maxspot oder die eco Seite. Was mir gar nicht gefällt sind Seiten mit Werbe-Pop-Ups – das nervt. Die meisten Websites sind meines Erachtens überfrachtet mit Informationen, und man muss schon tief hinuntersteigen, um Details zu finden. Wenn ich Seiten von früher sehen will, nutze ich auch häufig archive.org. Hier findet man Seiten bis zurück nach 1995, dem Beginn des World Wide Web.

Welches App begeistert Sie zurzeit am meisten?
Ganz klarer Favorit ist hier iPint auf meinem iPhone – es ist immer wieder verblüffend, wie schnell sich die Technik entwickelt hat, und man muss schon sehr nah dran sein, um die vielen Neuigkeiten auch sinnvoll zu nutzen. Da sorgt eben ein Hingucker wie iPint für die notwendige Abwechslung.

Was war das letzte Musikstück, das Sie im Netz gekauft haben?
“Time Has Come Today” von den Chambers Brothers – ein Oldie, den ich früher auf Tonband hatte und der mir dann beim Technologiewechsel verloren ging.

Was vermissen Sie bei einem Netzausfall am meisten?
Die vielen Infos, die ich mir über die verschiedenen Kanäle zusammengestellt habe, würden mir schon fehlen, aber wirklich vermissen würde ich den Bankzugriff über das Netz.

Michael RotertWas sollte es im Internet noch geben?
Wenn Sie jetzt von mir hören wollen, was die nächste Killerapplikation für das Internet wird, da muss ich leider passen. Hier sind die jungen Leute gefragt, die mit dem Medium aufwachsen und hier auch Geld und sicher viel Zeit investieren.

Ich bin da entsprechend dem augenblicklichen Entwicklungsstand des Netzes etwas realistischer und wünsche mir eher Verbesserungen in Anwendung und Betrieb, also weniger anfällige Betriebssysteme und automatisierte Filter direkt im PC, die mir die negativen Auswüchse des Netzes wie Spam, Viren und Trojaner fernhalten. Ich glaube auch, dass der nächste Entwicklungsschub erst mit der flächendeckenden Einführung der nächsten Internetprotokoll Generation IPv6 kommen wird. Das aktuelle Internet würde ich technisch mit den früheren Röhrenradios vergleichen. Für alle anderen Möglichkeiten des Netzes gibt es kein Pendant. Ich hoffe nur, dass die direkte Mensch-zu-Mensch-Kommunikation nicht eines Tages durch die ausschließliche Kommunikation über das Internet ersetzt wird.

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