Ideen zu verschenken: Das Follower-Prinzip für alles

Wer im Café sitzt und die Musik und den Kellner nicht mag, der müsste sie einfach abbestellen können. Das von Twitter bekannte Follower-Prinzip müsste man auf den Alltag ausweiten können: Nur das lesen, was die Leute sagen, denen man gerne folgt. Aber auch das Follower-Prinzip stößt an die Grenzen seiner Nutzer, die nur begrenzt Zeit haben. Neue Wege sind gefragt. Ein Gastbeitrag von Jakob Zogalla.

freshzweinull hat gestern darüber berichtet: Twitter ist derzeit in Deutschland kaum einer Erwähnung wert. Aber die Blogszene war es bis vor kurzem auch nicht. Und von Facebook hatte hierzulande vor nicht allzu langer Zeit auch keiner gehört. Es dauert eben eine Zeit, bis bei einem Dienst Netzwerkeffekte einsetzen und der Übergang vom linearen zum exponentiellen Wachstum erfolgreich vonstatten gehen kann.

Es wird unübersichtlich

Die Start-ups der letzten Jahre betrachtend lässt sich sagen, dass die erforderliche Nutzermenge für exponentielles Wachstum in Deutschland irgendwo in der Nähe von zwei Millionen Nutzern liegt. Ist diese kritische Masse erklommen, beginnen Start-ups plötzlich wirklich zu boomen. Hat man also etwa fünf Prozent der Internetbevölkerung eines Landes erreicht, kommen die anderen 40 bis 50 Prozent recht schnell dazu. Der Rest braucht den Dienst schlichtweg nicht oder befindet sich auf einer Netzwerkinsel.

TwitterbirdAber Netzwerkinsel hin oder her: Es wird zunehmend unübersichtlich im Social Web. Nachdem wir gegen Anfang des Jahres die Schallmauer von einer Milliarde Internetnutzern weltweit geknackt haben, ist immerhin ein Sechstel der Weltbevölkerung nur einen Klick entfernt. Wollen wir jeden auch nur kurz grüßen und kostet uns dieser Gruß zwei Sekunden unserer Zeit, wären wir jetzt schon mit der Begrüßung jedes Users circa 64 Jahre beschäftigt.

Ich vermute hier einen der Gründe für die Anonymität der Großstadt. Irgendwann wurde es unseren Vorfahren einfach zu aufwändig, die Vorgärten aller Nachbarn zu begutachten. Dennoch muss man soziale Kontakte irgendwie kanalisieren. Es scheint ein Grundbedürfnis der Menschen hinsichtlich Informationsbeschaffung und Struktur zu geben. Gemeint ist hier nicht Informationsstruktur, sondern Lebensstruktur. Konkret gesagt: Menschen brauchen Vorbilder. Als Orientierungspunkt, zur Selbstbestätigung oder zur Informationsgewinnung.

Das globale Dorf – Prinzip Raum

Die Betrachtung des Internets als globales Dorf kann heute durchaus als veraltet angesehen werden. Eine Metapher hilfloser Lokalzeitungsjournalisten, um der alternden Gesellschaft das Treiben ihrer Enkel zu verdeutlichen. „Stellt Euch einfach vor, alles wäre unglaublich nah. Die Urlaubsbekanntschaft ist nur einen Klick enfernt. Wie die Grillparty Eures Nachbarn im masurischen Heimatdorf“.

Fakt ist: Es gibt keinen Raum. Mir ist nicht ganz klar, warum unser Gehirn einen Raum benötigt, aber es scheint essentiell zu sein. Wir übernehmen eben gerne Dinge, die wir bereits kennen. Auf einer Party mit 100 Leuten stehen wir auch in einem Raum. Mit jedem können wir uns unterhalten, aber von den meisten nehmen wir nur das Hintergrundrauschen war. Willkommen im meist genutzten Spielzeug der Web-1.0-Ära: dem Chat oder eben der Simulation eines Raumes. Mangels Kreativität wurde das Prinzip bis hin zur dreidimensionalen Welt von SecondLife weiterentwickelt.

TwitterbirdNicht ganz Inkonsequent aber wenig erheiternd. Das Problem: Der Raum war derart groß, dass man nur selten jemandem begegnete. Wollte man in SecondLife einen Ort finden, in dem sich garantiert Menschen aufhalten, musste man eine Stelle finden, an der man im wahren Leben unpraktizierbare Sexualfantasien ausleben wollte. Halten wir an dieser Stelle einfach fest: Das Hintergrundrauschen fehlte. Wir haben uns also von der Informationsflut zur Abwesenheit von Information bei gleichzeitiger Überschüttung mit unnützem Bildmaterial weiterentwickelt.

Raumlos – Das Prinzip Follow

Auch wenn das Prinzip eines begrenzten Raumes noch immer überschaubarer erscheint, als jenes eines unendlichen, ist es doch suboptimal, denn die Möglichkeiten der Informationskanalisierung in einem Raum sind begrenzt. Ich kann mich an den hintersten Tisch eines Cafés setzen, doch die Musik bleibt zu laut, wenn die Anlage von Idioten bedient wird. Besser ist: Ích suche mir die Idioten aus. Oder um es im Lokalzeitungsjournalisten-Jargon zu sagen: Ich wechsle nicht das Café, sondern dessen Personal und dessen Besucher.

Ich fordere ein Abonnement auf Menschen und ihre Meinungen. Jederzeit fristlos und ohne Angabe von Gründen kündbar. Das ist das Follower-Prinzip. Derzeit stellt das die effektivste Möglichkeit dar Informationen beziehungsweise Äußerungen anderer Menschen zu kanalisieren. Dumm nur, dass die deutsche Twitter-Gemeinde gerade mal knapp 40.000 Nutzer hat, und die Flut an Informationen jetzt schon Überhand nimmt. Es reicht derzeit schon, 100 aktiven Twitterern zu folgen, um die Informationsmenge wieder ausufern zu lassen.

Das bedeutet: Das derzeit effektivste Mittel ist nicht effektiv genug. Wir benötigen also entweder eine Weiterentwicklung oder eine Alternative. Das Follower-Prinzip ist lediglich eine Adaption einer Art Fangemeinde. Interessiere ich mich für eine Band, kaufe ich ihre Musik bei iTunes. Interessiere ich mich für das, was eine Person zu sagen hat, abonniere ich ihre Statusmeldungen. Interessiere ich mich für viele Bands, höre ich viel Musik. Soweit so gut. Das kostet mich relativ wenig Zeit, denn es funktioniert auch im Hintergrund. Was aber, wenn ich mich für den textuellen Output vieler Menschen interessiere? Spätestens hier entsteht relativ bald ein Zeitproblem.

Ordnung – Die Rache der Hashtagmafia

Die Anzahl der Lösungsansätze hierfür ist derzeit stark überschaubar bis nicht vorhanden. Was dringend gebraucht wird, bevor Dienste wie Twitter wegen Unübersichtlichkeit wieder verschwinden, sind effektive Filtermechanismen. Diese sind allerdings derzeit mangels Meta-Agaben nur schwer realisierbar. Denn wie soll ich Content kategorisieren, wenn noch nicht mal genügend Zeit vorhanden ist, alles zu lesen?

Die Latte der Metaangaben für einen Tweet wäre unter Umständen erheblich länger als der Tweet selbst. Die User-generierten Hashtags, die sich gelegentlich am Ende eines Tweets finden, sind in dieser Hinsicht nur wenig hilfreich, da diese meine 140 Zeichen wieder erheblich verringern.

Relevanz – Das Prinzip Semantik

TwitterbirdZum einen müssen endlich nutzerrelevante Informationen aus dem Text ausgelagert werden. Immerhin habe ich nur 140 Zeichen Platz, die will ich nicht noch für ein @username oder RT @username verschwenden. Gleiches gilt für die Einführung von Tags zum Tweet. Sind diese Möglichkeiten vorhanden, lässt sich automatisiert ein semantischer Zusammenhang zwischen Tweets unterschiedlicher Nutzer herstellen und damit das Follower-Prinzip verfeinern. Plötzlich folge ich nicht nur einem User, sondern einem qualifizierten Teil seines Outputs.

Oder ich folge eben keinem User, sondern einer persönlichen semantischen Wolke, die für mich relevant ist und automatisch lediglich gefilterten Output liefert. Diese semantische Wolke könnte man beliebig verfeinern. Im ersten Schritt könnte sie sogar automatisch durch die persönliche Relevanzbewertung einzelner Tweets erzeugt werden. Ich folge also 100 oder auch 1.000 Menschen und gebe mir ein paar Tage ein bisschen Mühe, die Relevanz einer Äußerung zu bewerten. Daraus lässt sich auf wundersame Weise eine semantische Wolke ableiten, die fortan automatisch die Schrottmeldungen entfernt und permanent neue, für mich relevante Twitterer vorschlägt. Dies würde eine weitere spamartige Meldung ausrotten: „Hat jemand einen Vorschlag, wem man hier noch unbedingt folgen muss?“

Qualität siegt

Es ist ja schön, dass jemand wie @Nico fast 3.000 Follower hat. Defacto produziert er Únmengen von Müll („Fahre U-Bahn“). Dennoch wird er als Autorität angesehen, denn der Mann hat gelegentlich durchaus Interessantes zu sagen. Wäre es nun möglich, die für mich irrelevante und unspezifische Ortsangabe zu filtern, wäre der Tweetstrom schon erheblich überschaubarer. Hierfür reicht es bereits aus, das Wörtchen „U-Bahn“ auf eine Blacklist zu setzen. Umgekehrt sollten Keywords, die mich besonders interessieren, per Whitelisting hervorgehoben werden können.

Im Folgenden müssten für die Satzfetzen der Tweets nur noch semantische Zusammenhänge ermittelt werden. Interessiere ich mich für Softwareentwicklung, ist ein Tweet über Java interessanter als über Kunst. Zur weiteren semantischen Anreicherung eines Tweets lassen sich verlinkte Websites direkt in die Analyse miteinbeziehen.

Es ist keinesfalls erforderlich, die Twitter-Gemeinde zu ranken, denn für qualifizierten Output ist es völlig irrelevant, wie viele Follower ein User hat. Viel wichtiger ist die Qualität der Information. Qualität ist aber in diesem Zusammenhang ein sehr individuelles Gut. Ein Spiegel-Online-Artikel kann noch so gut und das Renommee des Autors noch so hoch sein: Schreibt er über die Herstellung von Backsteinen, hat die Information für mich keinerlei Wert. Robert Basic hat es in einem seiner Abschiedspost zum kürzlich versteigerten Blog treffend auf den Punkt gebracht: „Die Leute lesen nicht mich, sondern die Inhalte“.

Weitere Vorschläge? Her Damit!

TwitterbirdDer Autor: Jakob Zogalla ist Softwareentwickler. Er bloggt sonst auf Buildblog.de und twittert hier.


 
 
 
 

10 Kommentare zu “Ideen zu verschenken: Das Follower-Prinzip für alles”

  1. Johannes Bantzer - 5. März 2009 um 14:17

    Danke, dass sich jemand dieses Themas annimmt. Die bisherige rein quantitative Vorgehensweise bei Twitter führt letztlich dazu, möglichst viele Follower zu haben, um erhoffte relevante Informationen nicht zu verpassen. Die Selektion der erhaltenen Infos allerdings nimmt – exponentiell zunehmend – immer mehr Zeit in Anspruch, bis der Punkt eintritt, wo die erhaltene relevante information zu teuer, weil zeitintensiv wird. Wer mit dem Ansprcuh herangeht, seine Follower “zu kennen”. sprich zu wissen, von wem er welche Infos erwarten kann und in welcher Relevanz, wird mit 3.000 Follower überfordert sein müssen.

    Weniger ist mehr. Ein Tool, das einem bei der Informationsfindung und Selektion WIRKLICH hilft, wäre der Riesenbringer!

    Johannes

  2. bL1zz - 5. März 2009 um 15:19

    interessanter Ansatz..
    bin mal gespannt, wie lange es dauert bis ich meine black/whitelist bei twitter zusammenstellen kann..

    ich denke das würde auf der einen seite anreize setzen, gute beiträge zu posten (reputation) und zum anderen würden mehr leute auf solche dienste aufmerksam werden und diese nutzen, wenn die möglichkeit besteht, schnell und einfach aus einer unmenge von hintergrundrauschen die individuell als wichtig erachteten informationen herausfiltern zu können

  3. hathead - 5. März 2009 um 15:41

    Genau darum geht es: Wenn ein effektiver Filtermechanismus existiert, steigt automatisch die Qualität der Beiträge. Das System lässt sich übrigens auch Prima auf andere Medien anwenden. Es muss ja nicht nur Twitter sein. Möglich wäre beispielsweise auch eine Relevanzfilterung von RSS-Feeds aller Art.

  4. buildblog | Lesenswert: Das Follower Prinzip für alles - 5. März 2009 um 15:52

    [...] Kollegen von freshzweinull.de verfasst. Es geht um die Grenzen des Follower-Prinzips und mögliche Auswege aus der Informationsflut. Vielleicht bringt mein Ansatz ja den einen oder anderen auf frische [...]

  5. bulldrinker - 5. März 2009 um 17:43

    Auf Dauer wird Twitter wohl eine Art Wortfilter-Funktion einrichten müssen, um attraktiv zu bleiben!

  6. Follow me! Das Prinzip sollte es auch im … « Just a twoggler - 5. März 2009 um 18:49

    [...] http://freshzweinull.de/2009/03/ideen-zu-verschenken-das-follower-prinzip-fur-alles/   [...]

  7. ludwig - 22. April 2009 um 11:54

    ich selbst bin nicht bei twitter angemeldet, aber ich nutze es trotzdem als infoquelle: ich abonniere suchergebnisse zu bestimmten hashtags als RSS und binde diese in einen aggregator (zB netvibes oder einen beliebigen feedreader) ein.
    das funktioniert für mich sehr gut.

    wenn es statt dieser behelfs-semantik über hastags eine echte gäbe, wo man bestimmten tag-wolken folgen könnte, wäre dass aber sicher die elegantere lösung.

  8. YuccaTree Post + » Urheberrecht und Filesharing: Was genau passiert da eigentlich? - 5. Oktober 2009 um 18:11

    [...] eindrucksvoll zusammengefasst. Jakob Zogalla alias Hathead vom Buildblog, der hin und wieder auch für uns schreibt, hat mich über diese kleine Serie auf seinem Blog informiert. Man muss sich schon eine halbe [...]

  9. buildblog | Computerwoche und andere Auszeichnungen - 23. März 2010 um 11:33

    [...] In letzter Zeit hält man meine Blogbeiträge für lesenswert. Seit heute sogar bei der Computerwoche. Ich freue mich darüber, und vielleicht sollte ich meinen zahlreichen Lesern einfach mal fürs lesen danken. Offenbar habt ihr nichts besseres zu tun Übrigens stimmt die Behauptung nicht, dass ich nicht so oft schreibe. Allerdings tue ich das in letzter Zeit auch recht häufig an anderen stellen. Wer sich beispielsweise für das Thema Suchmsachinenoptimierung interessiert, findet eine Reihe lesenswerter Beiträge von mir im rankingCHECK Blog. Wenn die Zeit es erlaubt findet man meine Gastbeiträge bei yuccatree (in nächster Zeit sogar häufiger). Mein Lieblingsbeitrag dort ist immernoch “Ideen zu verschenken – Das Follower Prinzip für alles“. [...]

  10. SEO Sunday – SEO für das echte Leben - 4. Juli 2010 um 16:45

    [...] etwas mehr als einem Jahr schrieb ich für YuccaTree Post, seiner Zeit noch freshzweinull, einen Artikel über das Follower-Prinzip, das seit Twitter jedem bekannt sein dürfte. Das Interessante an dem Beitrag war nicht etwa die [...]