Der SonntagsSörfer: Die Twitter-Woche
22. März 2009 - Redaktion
So, dies nun ist der erste Beitrag als SonntagsSörfer auf FreshZweiNull. Die letzten Tage habe ich immer wieder darüber nachgedacht, ob ich mir für meinen sonntäglichen Wochenrückblick ein bestimmtes Thema aussuche oder nur so ins Blaue zurückblicke. Tja, ich habe mich kurzfristig dazu entschlossen, ein bestimmtes Thema zu beackern, das mir teilweise auch eine persönliche Freude ist. Das nur zur Einleitung. Um was gehts? Um Twitter natürlich.
Wer den einen oder anderen Beitrag zu Twitter auf Alles2null schon einmal gelesen hat, kennt meine Meinung über Twitter, also brauchen wir nicht weiter darauf eingehen, ich versuche aber eine gewisse Neutralität an den Tag zu legen … versprochen … ;-)
Beim KulturJoker, einem kostenlosen Veranstaltungs-Blättchen in Freiburg, bin ich auf eine Anti-Twitter Meinung gestoßen, die es in sich hat. Im Beitrag “Twitter – Digitale Volksverdummung garantiert” geht’s ordentlich zur Sache, und der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund. Schauen wir uns natürlich an, was der Herr Dr. Satori zum Besten gibt.
Es scheint eine interessante Woche für Twitter in Deutschland gewesen zu sein, auch die Süddeutsche Zeitung meldet “Expertin warnt vor Lug und Trug im Internet”, und Michael Seemann kommt auf Hier (heißt der Blog so?) zu dem Schluss, dass “Twitter am Ende” ist. Dann kommt da noch ein gewisser Klaus Eck mit seinen 20 Regeln fürs twittern daher und trägt es in die Welt, als ob der liebe Herrgott ihm befohlen hat, diese Twitter-Gebote in Moses-Manier digital zu verewigen.
Ganz zum Schluss der Woche ist dann alles wieder Friede-Freude-Eierkuchen, und Carsten Drees von zweipunktnull.org steckt drei Kerzen an und feiert den Geburtstag von Twitter.
Nehmen wir uns vielleicht mal als erstes den Artikel der Süddeutschen Zeitung vor. Da die SZ ja eine klassische Print-Publikation ist, ist es auch nicht verwunderlich, dass der Grundton des Gespräches mit der Medienforscherin Petra Grimm eher einen Anti-Twitter Touch hat. Auszug gefällig? Bitteschön:
Im Internet befänden sich sehr viele “parajournalistische Quellen, die sehr dubios sind und mit Journalismus nichts zu tun haben.” Auch viele Kommentare seien nicht journalistisch. “Menschen, die dies einstellen, sind keine Journalisten, sondern Nutzer, die sich aus den unterschiedlichsten Motiven im Netz bewegen.” Als Beispiel nannte Grimm den Internet-Kurznachrichten-Dienst Twitter, in den Texte und Links eingestellt werden, sowie Chatforen. “Ich spreche in diesem Zusammenhang von einer “Tyrannei der Schnatterei”.”
Dort werde kommuniziert, um Aufmerksamkeit zu erregen und um Sensationen ins Netz zu stellen, sagte Grimm. “Dies alles ist natürlich nicht fundiert. Die echte journalistische Berichterstattung wird an Qualität gemessen.”
Auch ich habe mich schon das ein oder andere Mal darüber ausgelassen, dass Twitter kein Kanal ist, um journalistische Meisterleistungen zu verbreiten. Wenn ein Flugzeug in einen nordamerikanischen Fluss stürzt, oder die Hauptstadt eines Mittelmeerstaates brennt, weil die Jugend protestiert, sind das lediglich Sensationen, die ein Nutzer per Twitter weitergibt, meist sogar aus der Gier nach Aufmerksamkeit und Popularität heraus.
Das absolute Negativ-Beispiel ist da sicherlich Winnenden, denn sogar da hat die Journalie selbst bewiesen, dass Twitter und Journalismus nichts miteinander zu tun haben. Also lieber Stern, lieber Spiegel, lieber Focus und alle regionalen und überregionalen Zeitungen, lasst es sein, erstens ist es peinlich und zweitens macht ihr euch damit lächerlich.
Im Beitrag Das Ende von Twitter besingt Michel Seemann das Platzen der Sendeblase, aber lest selbst:
Natürlich ist es mir nicht egal, wie viele Follower ich habe und ich bin in den Twittercharts auch bald nicht mehr vertreten, was irgendwie schmerzt. Dieser Eitelkeitskatalysator ist bereits im Medium integriert und das ist ein strukturelles Problem.
Ich glaube, es ist unumgänglich. Twitter wird daran zugrunde gehen, früher oder später. Es gibt derzeit eine riesige “Sendeblase“. Ähnlich wie die Kreditblase ist sie aufgrund eines Vorurteils entstanden. So wie die Banken glaubten, die steigenden Hauspreise würden die Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden erhöhen, glauben die Twitterer, dass ihnen bei steigenden Followerzahlen immer mehr Menschen zuhören würden. Sie glauben an die Zahl der Follower und sie verwechseln das mit Reichweite. Wohlwissend, dass sie selber ja eigentlich niemandem mehr zuhören. Sie müssten es eigentlich wissen, dass Twitter längst angefangen hat, sich von einem Kommunikationsmedium zu einer Statustuningwerkstatt zu entwickeln. Aber wenn sie es merken, stürzt die ganze Awarenessblase in sich zusammen.
Da hat einer den Twitter-Blues und die Frage, was Twitter für ihn bringen soll, schon lange für sich beantwortet. In der Theorie betrachtet ist Twitter sicherlich auch ein geniales Tool (Nein, Twitter ist genauso wenig ein Medium wie SMS, das Internet oder das Handy sind das jeweilige Medium, Twitter und SMS sind lediglich Werkzeuge des Mediums) mit ungeahnten Möglichkeiten. Sobald aber das Tier Mensch dazu kommt und Twitter nutzt, wird Twitter schlecht. Das liegt aber in der Natur des Menschen und nicht in der Natur von Twitter.
Und den härtesten aller Artikel zum Thema Twitter-Rundumschlag fand ich eben beim oben genannten KulturJoker. Wobei ich mich natürlich frage, was ein kostenloses und provinzielles Kultur-Veranstaltungs-Blättchen überhaupt zu Twitter zu sagen hat. Aber egal. Auch hier ein Auszug:
Über Twitter können Sie allen Internetusern, die sich der Verblödungsmaschinerie Twitter ebenfalls angeschlossen haben, mitteilen, was sie gerade tun, denken, fühlen, meinen, etc… Möchten sie weltweit bekannt geben, dass sie soeben defloriert worden sind? Twitter bietet ihnen dafür die geeignete Plattform. Laufen sie gerade Amok? Geben sie es über Twitter bekannt, damit BILD anschließend der debilen Leserschaft ihrer Postille ein Minutenprotokoll ihres Amoklaufs veröffentlichen kann. Plagt sie gerade eine nicht enden wollende Diarrhoe? Twitter verteilt die Nachricht dieser ihrer misslichen Situation millionenfach über den gesamten Erdball und vermutlich auch an extraterrestrische Lebensformen, die sich momentan auf Raumpatrouille in unserer Galaxie befinden, um die Intelligenz der Lebewesen des Planeten Erde zu erforschen. Das Raumschiff wird jedoch seine Heimatstation niemals erreichen, da es in einer Twitter-Nachrichtenflut elendig absaufen und letztendlich versinken wird.
Die Wichtigkeit, die Twitter haben soll, wie der Herr Dr. Satori, übrigens eine humorlose Satire-Kunstfigur, schreibt, gibt es gar nicht. In Deutschland hat Twitter so verschwindend wenig Nutzer, dass es schon fast lächerlich erscheint, was für eine Aufmerksamkeit dieser Chat 2.0 immer wieder erreicht.
Und jetzt passiert einmal was ganz Ungewöhnliches, ich muss Herrn Dr. Satori widersprechen und fast eine Lanze für Twitter brechen. Sie, Herr Dr. Satori, haben es selbst in der Hand, wie viel Twitter-Müll auf ihrem Bildschirm erscheint, nur Sie können ihre Timeline selbst gestalten. Nur dass es schwierig ist, keinen Müll in der Twitter-Timeline zu haben, da gebe ich Ihnen Recht.
Und dass auch jeder weiß, wie man sich auf Twitter gefälligst zu verhalten hat, veröffentlicht der selbst ernannte Twitter-Papst Klaus Eck eine aufmerksamkeitsstarke Liste mit 20 von Gott diktierten Twitter-Geboten und nennt sie Liste der 20 größten Twitter-Fehler. Ob daraus einmal die Twitter-Bibel entsteht, ist mehr als wahrscheinlich, ist der Herr Eck doch sehr mitteilungsbedürftig, was Twitter angeht. Außerdem dürfte es für ihn auch kein Problem sein, über 1.000 Seiten zu füllen.
Ich werde hier die 20 Twitter-Gebote nach Eck nicht zitieren, aber eines dazu sagen: Das erste, das ich gedacht habe, als ich diesen Beitrag der 20 Gebote gelesen habe, war “Wer ist dieser Typ, dass er behaupten kann, zu wissen, wie man gefälligst zu twittern hat?” Wenn nämlich alle, die nicht nach den Regeln von Herrn Eck twittern, von Twitter ausgeschlossen wären, dann wäre Twitter leer und nicht einmal der Herr Eck wäre noch mit von der Partie, denn auch er verstößt in schöner Regelmäßigkeit gegen seine eigenen Twitter-Regeln.
Happy Birthday, Happy Birthday dear Twitter, Happy Birthday to you.
Twitter wird drei, und Carsten feiert. Im Beitrag “Zum Geburtstag viel Glück Twitter” vergleicht er Twitter mit einem Kind und erkennt Probleme, die ein Heranwachsender so hat in der Pubertät.
Glück, das wünsche ich Twitter auch, zumindest den Machern. Denn immer noch ist der Dienst nur warme Luft, man schreibt rote Zahlen, und ein Geschäftsmodell ist immer noch in weiter Ferne. Auch hat man eventuelle Käufer des Dienstes verärgert, wäre man aber mit einem Verkauf von Twitter an Google oder Facebook wohl noch am besten weg gekommen.
Ich glaube weiterhin nicht an ein funktionierendes Geschäftskonzept, um das angeblich so große Ding zu monetarisieren, aber wir werden sehen. Ich lasse mir gern das Gegenteil beweisen …
In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Sonntag, und wer mich mal anzwitschern will, kann dies unter twitter.com/ramminger gerne tun.
Uwe Ramminger betreibt das Blog Alles2null.de. Er schreibt ab heute künftig jeden Sonntag für uns seine Kolumne “Der SonntagsSörfer” über die Entwicklung im Web 2.0 und analysiert dabei interessante Blogbeiträge der Woche. Zeitgleich erscheint auf Alles2null.de unsere Kolumne “Aufgefrischt”.




Totgesagte leben länger. Wer sagt “auf twitter versendet sich nur Schwachsinn”, der redet selbst Schwachsinn und hat das Ding einfach nicht verstanden bzw. ausreichend genutzt. ICH SELBST entscheide doch, welche Menschen und ihre Kurznachrichten ich verfolgen möchte. Was Schrott ist, schmeisse ich wieder raus. Zugegeben bin auch ich latent süchtig und sendewütig, aber ich krieg auch immer wieder Branchenrelevantes und lustig/aktuelles mit, also wenn´s mir nutzt und Freude macht, warum soll mir ein Medienprof. und Volltheoretiker von Ü50 vorschreiben, dass das alles Unsinn ist?! Merken die nicht, dass sie das Ding mit jedem, auch negativen Artikel, selbst nur wichtiger machen?! “Tyrannei der Schnatterei” sind die Beiträge von Frau Grimm & Co. in ihrer ahnungs- und erlebnisfreien Weise. Und NIEMAND hat je ernsthaft behauptet, twitter sei jetzt der neue Journalismus. Es ist einfach was anderes daneben. Mann, die müssen echt die Hosen voll haben dort in den Redaktionen…
Du hast tatsächlich nicht zu viel versprochen und für Deine Verhältnisse neutral über Twitter geschrieben ;)
Zu Satori habe ich in seinen Comments einiges zum Thema geschrieben – leider haben es die Kommentare nicht bis zur Freischaltung geschafft ;) Über Klaus Eck würde ich nicht so hart urteilen an Deiner Stelle. Es gibt nicht DEN richtigen Weg bei Twitter, weil die Leute ja schließlich unterschiedliche Prioritäten haben, aber es gibt schon eine Menge Punkte, die man beachten sollte, wenn man den Datenstrom einigermaßen im Griff behalten will. Unverbindliche Empfehlung würde daher besser passen als Twitter-Gebote. Ob Twitter das große Ding ist oder nicht, entscheidet auch nicht die Monetarisierbarkeit des Unternehmens, glaube ich – denn die Idee, die Twitter zugrunde liegt, hat ja spätestens durch Facebooks Neudesign seinen Ritterschlag erhalten. Selbst, wenn Twitter auch in 100 Jahren noch keinen Cent verdient: Die Idee Microblogging hat das Internet bereits entscheidend verändert und kann somit durchaus bereits als großes Ding gesehen werden :)
Warum versuchen eigentlich manche Leute Twitter eine journalistische Funktion zuzuordnen? Vor der Twitter-Eingabe-Maske steht doch simpel und einfach “What are you doing?” und das sollte auch weiterhin Gegenstand von Twitter sein! Ob man sich die Nachrichten anderer durchliest kann man ja selbst entscheiden!
[...] scheint eine interessante Woche für Twitter in Deutschland gewesen zu sein, meldet freshzweinull und bezieht sich dabei auf Meldungen aus der Süddeutschen Zeitung und auf einen Beitrag beim [...]
Sehr schön die Feststellung, dass Dr. Satori humorlos sein soll – ich musste kräftig lachen…
Dr. Satori
Ich gehe davon aus, dass der Betreiber dieses Blogs, die seit über 25 Jahren bestehende Kulturzeitung “Kultur Joker” noch nie in seinem Leben gelesen hat – er dürfte damit auch seine Schwierigkeiten haben, denn jeder Artikel beinhaltet mehr als 140 Zeichen und die Satzgefüge sind oftmals schwierig. Außerdem werden Fremdwörter verwendet. Redakteure des Kultur Jokers, schreiben übrigens auch für die taz – dies sei nur nebenbei bemerkt…
Aber trotzalledem: Lustiges Geschmiere, seichte Unterhaltung, guter Artikel, wenn man schon so cirka 2 Promille intus hat…
Lieber Dr. Satori,
da ich nahezu 15 Jahre in Freiburg gelebt habe und quasi nur 2 Häuser neben der “Redaktion” des KulturJokers gewohnt habe, weiß ich sehr wohl von was ich spreche wenn ich vom KulturJoker spreche.
Sie und andere Schreiberlinge mögen eine gewisse Kompetenz besitzen, wenn s um die regionale Kultur geht, oder das was Sie als Kultur in und um Freiburg bezeichnen. Aber bleiben Sie doch bei ihren Leisten und berichten weiterhin über die Kultur, ich unternehme ja auch keine Experimente und berichte über die X-te Aufführung von Peer Gynt, die 2008 übrigens am Freiburger Theater sehr gut inszeniert wurde, oder anderen erwähnenswerten kulturellen Ereignissen, denn davon verstehe ich nicht genug.
hezlichst Ihr Uwe Ramminger
@Uwe Ramminger:
Vielleicht sollte besser ein Link auf http://www.pseudolus.de gesetzt werden, denn die ganze Aktion ging von dort aus und nicht vom Kultur Joker. Eventuell versteht der eine oder andere 140-Zeichen-Schreiberling dann auch, was es mit dieser Aktion überhaupt auf sich hatte. Ich war und bin niemals Redakteur für den Kultur Joker gewesen. Meine Aufgabe ist es einzig und allein, Menschen zu provozieren – was mir ja auch mal wieder gelang. Mittlerweile ist der telemediale Flachwichser Thomas G. Hornauer dran – falls dieser Name etwas sagt…
Gruß,
Dr. Satori.