Überschätzte Web-2.0-Entwicklungen – eine Winterpolemik

Vor kurzem haben wir Ihnen zwölf Erfindungen vorgestellt, die das Web und die Menschheit entscheidend voran gebracht haben – zumindest unserer bescheidenen Meinung nach. Die gerade aufbrandende Wirtschaftskrise lässt natürlich auch das Web 2.0 nicht unbeschadet und wird so manches Startup in den Abgrund reißen. Wenn es dazu kommt, gehen diese neun Entwicklungen hoffentlich auch den Bach herunter. Geschrieben an einem sehr tristen Tag.

Yigg, Delicious, Co. oder: Nachrichten, die die Welt nicht braucht

DiggDie Idee ist nutzgenerierter Inhalt pur: Jemand findet eine Meldung interessant, stellt sie auf eine Nachrichtenseite und andere hypen die Meldung nach oben. Diese Newsaggregatoren dienen seitdem häufiger als Recherchequelle für die eine oder andere Schlagzeilen in den “seriösen” Medien. Die Apple-Aktie brach vor kurzem aufgrund einer Falschmeldung über den Gesundheitszustand von Steve Jobs auf iReport für kurze Zeit ein – also ganz schön mächtig, diese Aggregatoren. So gut das Prinzip ist, so schlecht ist aber auch der Inhalt, der auf ihnen publiziert wird. Panorama-Meldungen über C-Promis, haltlose, aufgebauschte Gerüchte ohne wirklichen Nachrichtenwert, Unwichtiges. Sicher, hin und wieder graben die Leser eine echte Schatztruhe aus. Aber das Grundrauschen ist einfach zu hoch, um Yigg, Webnews und Co. eine relevante Nachrichtenquelle zu nennen.

Bürgerjournalismus: Auf jeden Journalisten zehn Dilettanten

Readers EditionMichael Maier, ehemaliger Chefredakteur der “Netzeitung“, lobte Mitte 2006 eine neue Medienrevolution aus: Ganz normale Menschen sollten zu Journalisten werden, über das schreiben, was sie bewegt und was in den traditionellen Medien zu kurz kommt. So lobte Maier die Bürgerplattform Readers Edition aus, die an das koreanische Vorbild OhMyNews angelehnt ist.

“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann ernannte ganz Deutschland zu Leserreportern, die er seit heute im großen Stil auch mit Videokameras ausstatten will. Liest man sich die betreffenden Angebote aber einmal durch, fällt schnell auf, dass der Inhalt nicht zur Medienrevolution taugt: Die Masse vor Ort kann die traditionellen Medien unterstützen, sie im Krisenfall wie in Mumbai sogar überholen. Doch wirkliche Skandalgeschichten oder bahnbrechende Insider-Storys finden sich auf den Bürgerportalen nicht. Qualität übrigens auch nicht. Jedem eine kleine Bühne zu geben, seine Meinung kundzutun, ist ein lobenswerter Schritt. Den etablierten Journalismus ernsthaft ergänzen oder gar ersetzen können Bürgerportale und Leserreporter aber nicht im Traum.

Twitter, Friendfeed & Co.: Mit Hightech zurück zur Homepage

LifestreamfmAuf Twitter kurz lesen, was die Freunde gerade so machen, kann manchmal interessant sein. Wirklich erleuchtend ist es in 90 Prozent der Fälle aber nicht. Der Minifeed von Facebook, der sich nicht abschalten lässt, klärt darüber auf, dass Peter L. gerade ein Foto von Andreas K. angesehen hat und Jutta P.s Vegetarier-Gruppe beigetreten ist. Gustav E. hat bereits darauf kommentiert.

Noch besser machen es die neuartigen Netzwerk-Aggregatoren wie Friendfeed und Lifestream.fm. Dort erfährt man auf einer Seite komprimiert, dass man Fotos aus seinem Schwarzwald-Urlaub bei Flickr hochgeladen, mit Gerhard M. Freundschaft bei Xing geschlossen oder sich ein YouTube-Video über die Fußballfans des 1. SC Feucht angesehen hat. Alle Informationen über eine Person finden sich also wie bei einer Hausnummer endlich auf einer Seite. Ist schon ein echter Durchbruch, und mit Verlaub, gab es das nicht schon mal? Es nannte sich “Homepage”, war Web 1.0, weniger modern und anwenderfreundlich als heute, aber sonst? Auch eine Seite, auf der man Fotos hochgeladen hat und Freunde sich im Gästebuch austobten.

Blogs: Zehntausende Autoren, die nichts zu sagen haben

BloggercomAuch Blogs werden heute nicht von uns verschont. Jeder kann damit, hurra!, seine Meinung kundtun. Man kann Bilder, Videos, Audio-Beiträge und Twitter-Boxen dort einfügen und ohne viel Know-how sein eigener innovativer Verleger werden. Kann man, macht man aber nicht. Die Welt der deutschen Blogger hat sich in zwei Hauptlager gespalten: Erstens Medienblogger mit einem hohen Anteil an Selbstreferenz und zweitens eine Vielzahl an Nachrichtenbloggern, die einfach nur übernehmen, was auf heise.de auch schon steht – oft sogar im gleichen Wortlaut. Nachdem sich herumgesprochen hat, dass man mit Bloggen nicht seinen Lebensunterhalt verdienen kann, haben inzwischen viele damit aufgehört. Gute, kreative Beiträge, die bezahlten Journalisten Konkurrenz machen, gibt es kaum noch. Die meisten Blogs befinden sich – mindestens – in einer Krise.

VoIP: Durch den Telefonanschluss übers Internet telefonieren

SipgateSkype ist superpraktisch, leicht zu bedienen, man kann damit kostenlos seine Freunde auf der ganzen Welt anrufen. Macht man dann auch alle Nasen lang, vielleicht sogar zehnmal im Jahr. Meistens beschränkt man sich aufs gute alte Chatten per Tastatur. Aber VoIP ist auch an sich eine tolle Sache. Man kann damit über die Internetleitung eines Festnetzproviders telefonieren, bei dem man auch einen echten Telefonanschluss hat. Der “Vorteil” von VoIP ist aber, dass Verbindungen öfter nicht zustande kommen, man sein Gegenüber nicht hört, und der Gesprächspartner oft abgehackt klingt. Eine wirkliche tolle Sache, bei der man schnell vergisst, dass es das alte Telefon jemals gab.

Podcasts: Modernes Radio auf kompliziert

PodcastingGab es nicht vor ein paar Jahren mal einen Hype, bei dem das Radio revolutioniert werden sollte? Medienmacher waren sich einig, dass Podcasts unser Hörverhalten für immer verändern würden. Die gemeinen Radiohörer rätselten von Anfang an darüber, wie dieses Podcasting denn nun funktionieren soll, und verstanden es nicht. Wofür man ihnen kein Vorwurf machen kann. Podcasting ist so einfach wie Zapping auf dem Fernseher – wenn man vorher ein Zusatzprogramm installiert und dann die letzten zehn Ausgaben der “Tagesschau” herunterlädt, bevor man sich die Nachrichten von heute anschauen darf. Wollte man danach mit dem neuesten Kölner “Tatort” weitermachen, müsste man sich auch hier erst einmal die richtige Sendung bei iTunes suchen, sie abonnieren, alte Folgen herunterladen und auf Play drücken.

Ist einem der “Tatort” zu langweilig, und wollte man zum Blockbuster auf ProSieben zappen, müsste man sich auch diesen erst bei iTunes suchen, ProSieben-Spielfilme abonnieren, bereits gesendete Filme herunterladen und so weiter. Nicht wirklich einfach – und lohnenswert auch nicht: Bei Podcasts bekommt man keinen Blockbuster, dafür aber jede Menge monotone, oft 30 Minuten lange Beiträge, die die Welt nicht braucht. Das ist ein verdammt cleveres Medium, um das es, wie komisch, in letzter Zeit sehr, sehr ruhig geworden ist.

Kommentarfunktion: Dialog mit Trollen und Krawallmachern

Kommentare

Wer keine Kommentare unter seinen Beiträgen zulässt, gilt als Online-Zeitung schnell als unmodern und nicht dialogfähig. Für Blogger sind sie ohnehin mehr oder weniger Pflicht. Und in der Tat können die Anmerkungen guter Kommentatoren Beiträge bereichern und mit Zusatzinfos clever ergänzen. Dazu gibt es die Möglichkeit, mit dem Redakteur direkt in Kontakt zu treten, was die Protagonisten eines Beitrages von Zeit zu Zeit tun. Die Masse der Kommentare sieht leider meist anders aus: Beleidigungen, Missverständnisse, Spott oder fragwürdige Diskussionen, die sich verselbstständigen. Die Schuldigen sind meist die gleichen: Trolle und Cybermobber, die sich unter dem Deckmantel der Webanonymität bewegen und ihre schwachsinnigen Meinungen ungefragt herausposaunen. Weil solche Trolle inzwischen das Web komplett unter Beschlag genommen zu haben scheinen, ist leider nicht mehr viel los mit dem häufig geforderten Dialog zwischen Autoren und Lesern.

Second Life: Flucht in die noch ödere 3D-Welt

Second LifeWenn die Marketingmaschine erst einmal anspringt, ist der Hype da – und ebenso schnell wieder vorbei. Second Life, die virtuelle Parallelwelt, lockte vor wenigen Jahren vor allem IT-Journalisten an, die sich auf das Thema stürzten wie Hyänen auf das Aas. Erstaunlich viele Unternehmen bekamen Angst, einen wichtigen Trend zu verschlafen, und eröffneten schnell eine Filiale in der virtuellen Welt. Die war aber extrem schwerfällig zu bedienen, die Funktionen mäßig und der Spielspaß schnell vorbei. Die Nutzer zogen sich bald zurück, die darin präsenten Firmen nach und nach auch. Google stellte seine Mini-Kopie “Lively” vor kurzem ein, und auch über Second Lifes Ende wird seitdem wieder lauter spekuliert. Summa summarum war Second Life also nicht mehr als ein Chat in dreidimensionalen Räumen und ein bisschen Rollenspiel mit veralteter Grafik. Aber wer um Himmels Willen braucht das?

Soziale Netzwerke: Mehr Communities als Mitglieder

GlobalzooWir verfolgen ihre Entwicklungen jetzt seit mehreren Jahren, und eigentlich haben wir gar nichts gegen sie: Communities wie Xing und StudiVZ sind doch ganz nett. Man bleibt mit Freunden und Bekannten in Kontakt, kann Parties planen oder sich nach Jobs umsehen. Wäre auch immer noch nett, wenn der Markt dort überschaubar geblieben wäre. Aber auf einmal muss irgendwer irgendwo einen Community-Baukasten für alt gewordene Kinder offen liegen gelassen haben. Und diese alt gewordenen Kinder stampften dann Communities für alles aus dem Boden: Katzenliebhaber, Autofahrer, Heimwerker, Weltreisende, Modefreaks, Metalfans, falsche Freunde, Ex-Kriminelle und und und.

Wie viele Communities es inzwischen gibt, in denen man Hotels bewerten oder über seine Reise erzählen kann? Wir haben irgendwann aufgehört zu zählen. Die Betreiber der Communities bauen die Seiten oft auf und lassen dann die User den Rest der Arbeit machen, nämlich die Inhalte liefern. Das funktioniert aber nicht gut, und deswegen dümpeln die meisten dieser Communities mit ein paar tausend Mitgliedern herum, die sich einmal angemeldet haben und dann nie wieder gekommen sind. Möge doch bitte, wo jetzt bald Weihnachten ist, ein Blitz vom Himmel fahren und 95 Prozent der Communities mit einem Schlag auslöschen. Es würde den meisten noch nicht einmal auffallen.

Das war unsere Übersicht. Waren wir zu gemein, zu rücksichtsvoll? Dann hinterlassen Sie Ihren Kommentar bitte am unteren Ende der Seite. Aber Vorsicht: Was wir von Trollen halten, wissen Sie ja jetzt (wenn Sie aufmerksam gelesen haben), und was wir mit Ihnen machen, dafür garantieren wir gar nicht erst. Fairerweise müssen wir darauf hinweisen, dass sich einige der hier beschriebenen Entwicklungen bereits im ersten Teil dieser zweiteiligen Serie wiederfinden. Wenn Sie etwas Erfreulicheres lesen wollen, dann sollten Sie einfach dort vorbeischauen. Schönen, grauen Winter noch!