Fernsehen auf dem Todesmarsch?

Laut Statistischem Bundesamt verfügen bundesweit 94 Prozent der Haushalte über ein TV-Gerät. Klassisches Fernsehen scheint sich also immer noch großer Beliebtheit zu erfreuen. Neu ist in vielen Haushalten auf den ersten Blick nur eines: der Wechsel von der Röhre zum Flachbildschirm. Und doch machen sich beim näheren Hinsehen Ungereimtheiten bemerkbar. Die Quote der Haushalte mit DVD-Playern stieg von 27 Prozent im Jahr 2003 auf mittlerweile 70 Prozent. Sind die Deutschen mit dem Programm doch nicht ganz zufrieden? Auch die Zahl der Handy- und Spielekonsolenbesitzer steigt rasant, und war da nicht was mit Mobile TV?

Computer schlägt klassisches TV

Der größte Feind scheint aber der Computer zu sein. 48 Millionen Geräte stehen in den deutschen Haushalten rum. Und es kommt noch schlimmer: Erstmals haben mit 71 Prozent mehr Jugendliche einen Computer als ein Fernsehgerät (61 Prozent) im eigenen Zimmer, sagt die aktuelle Studie „Jugend in Medien“. Jeder zweite Jugendliche hat zudem einen eigenen Internetzugang in seinem Zimmer. Einen Computer zu besitzen, heißt zwar noch lange nicht, dass man auch damit Videos schaut. Aber Millionen Nutzer von YouTube & Co. sprechen eine andere Sprache. Auch hier unterstützt eine Studie, diesmal von Bitkom: In Deutschland konsumieren mittlerweile drei von vier Internetnutzern regelmäßig Videos im Netz. Durchschnittlich schauten im dritten Quartal 2008 26,1 Millionen deutsche User monatlich Online-Clips an. Dank zunehmender Breitbandverbreitung steigt die Beliebtheit der Internet-Videos, und das Web entwickelt sich immer stärker vom Informations- zum Unterhaltungsmedium.

MSN Movies

Das Netz der unbegrenzten Möglichkeiten bietet alles, was der Nutzer sich wünscht: Er kann genau das schauen, was er will, und wann er es will. Kein lästiges Warten auf den Sendebeginn und Ärger ob des verpassten Lieblingsfilms. Kein mühsames Rumzappen in sooo vielen Programmen, nur um festzustellen, dass doch nichts dabei ist, was einen interessiert. Hinzukommt, dass dieses Wunschprogramm auch noch überall konsumiert werden kann. Mit dem Handy – im Bus, im Schwimmbad oder auf der Reise in den Urlaub (natürlich nicht, wenn man selbst der Fahrer ist).

Klassisches TV schlägt zurück

Warum gibt es denn dann aber noch so viele klassische TV-Geräte und -Zuschauer und so wenige Leute im Bus mit dem Handy-TV oder Internetfernsehen vor der Nase? Die Antworten sind die gleichen wie vor Jahren: Handy-TV läuft nicht richtig. Vor Kurzen hat das Konsortium Mobile 3.0, zu dem MFD (Mobiles Fernsehen Deutschland) und die Verlage Burda und Holtzbrinck gehören, seine Lizenz zum Betrieb der DVB-H-Plattform an die Landesmedienanstalten zurückgegeben. Und selbst wenn die Inhalte über digitale Rundfunkfrequenzen zum Empfänger gelangen, muss der auch noch ein geeignetes Endgerät für die neue Technologie haben. UMTS gerät bei der Datenübertragung schnell an Grenzen, vor allem wenn sich mehrere Nutzer in der gleichen UMTS-Zelle befinden. Auch die Auswahl ist nicht berauschend, muss doch für viele Programme, die man sich in dem kleinen Fensterchen ansieht, extra bezahlt werden. Sicher hat das iPhone da auch wieder mal einen großen Schritt vorgemacht, aber die meisten Filme auf diesen Geräten sind dann doch wieder kurze Clips von YouTube.

Wer setzt sich vor den PC, überlegt sich, welchen Film er heute schauen will, sucht den aus dem Überangebot heraus, lädt sich den Film herunter und schaut ihn anschließend am Monitor an? Regelmäßig, jeden Tag nach acht Stunden Arbeit, die er vielleicht auch schon vor dem Computer verbracht hat? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das sich dann doch lieber wieder gemütlich auf den Sessel vor dem Fernseher kuschelt und zappt. Irgendwo im Sender-Auf-und-Ab bleibt er dann hängen, hätte er sich jetzt nicht unbedingt ausgesucht, aber warum nicht … Er will genau jetzt und hier schauen, hat kein Interesse an Interaktivität im Feierabend.

Betty Boop MSN

Das beste vereint

Schön wäre ein Kompromiss. Aber der ist ja gerade schon im Kommen. Das lang angekündigte und erhoffte Zusammenwachsen von IT und Unterhaltungselektronik und das ohne seltsame Settop-Boxen. Erste Fernseher sind mit einem Ethernet-Anschluss ausgestattet, der es erlaubt, den Fernseher direkt mit dem Heimnetzwerk zu verbinden. Teilweise lassen sich RSS-Feeds in das laufende Fernsehprogramm einbinden. So kann der User während des Films bequem seine eBay-Aktion oder seinen Lieblings-Nachrichtensender im Auge behalten. Per USB-Stick oder externer Festplatte lässt sich einfach und direkt neuer Content in die neuen Fernsehgeräte speisen. Kooperationen zum IPTV bringen eventuell bald hochwertiges Internet-Fernsehen zum Vorschein. Dank Fernsehern mit iPod-Anschluss oder Apple TV können die Nutzer bequem ihre Lieblingsmusik, ihre Audio- und Video-Podcasts genießen. Oder auch ihre Lieblingsserien bei iTunes kaufen und dann ohne Werbeunterbrechung schauen.

Möglichkeiten gibt es viele. Gerade bei Jugendlichen sinkt die Akzeptanz des traditionellen Fernsehens. Um für die schöne neue vereinte Mediawelt ein Massenpublikum zu begeistern, gilt aber eine entscheidende Regel: Es muss einfach bequem sein.

spiegel.de (Statistisches Bundesamt)
reticon.de (JIM-Studie)
pressetext.de (Bitkom-Studie)
gewinn.com (Neue Fernseher)