Vom Blog zum Überall-Medium: Die Entwicklung des Web 2.0

Man kann es durchaus so formulieren: Blogs ertrinken in der Informationsflut, die sie selbst erzeugt haben. Es dürfte inzwischen Millionen Blogs auf der Welt geben; in Deutschland einige zehntausend, die regelmäßig aktualisiert werden. Hinzu kommen Podcasts, Webvideos und Social Networks wie Facebook. Der Medienkonsum steigt zwar ingesamt – angesichts immer neuer Dienste wie Lifestreams und Microblogs muss er das irgendwie auch – aber unsere Aufnahmefähigkeit ist begrenzt.

Das führt keinesfalls dazu, dass die Menschen weniger schreiben oder weniger von sich erzählen; eher im Gegenteil. Aber es führt dazu, dass Meldungen eher kürzer als länger werden und lange Texte weniger gefragt sind. So hat der beliebte Microblogging-Dienst Twitter den Nerv der Menschen schon sehr gut getroffen, indem er die Länge jeder Nachricht auf 140 Zeichen begrenzt. Auf Knopfdruck kann man dort die Nachrichten anderer Menschen abonnieren und damit das umständlichere RSS umgehen. Twitter ist seit dem Start vor zwei Jahren keinesfalls eine Eintagsfliege, sondern erst der Anfang – und auch nur Teil einer Evolution. Denn Web 2.0 hat sich seit seinem Beginn erheblich weiter entwickelt, wie mehrere Zeitabschnitte zeigen, die sich erheblich überschneiden.

Entwicklungsphase 1: Blogs und Fotos

UtterliAm Anfang war das Wort – nicht nur in der Entstehungsgeschichte, sondern auch im Web 2.0. Blogs waren und sind die Schlüsselemente des Web 2.0, denn sie bieten jedem die Möglichkeit, eigene Beiträge zu veröffentlichen. Neu ist auch der öffentliche Dialog: Leser können auf dem Blog kommentieren und so auf einfache Weise mit dem Autor in Kontakt treten. Dieser öffentliche Dialog ist zum zentralen Punkt des Web 2.0 geworden und von vielen anderen Diensten übernommen worden. Blogs übertreffen in der Hinsicht sogar ihre Weiterentwicklung Podcasts und Videocasts, denn die greifen auf die gleiche Kommentarfunktion zurück. Antwortmöglichkeiten per Video bietet der Dienst Seesmic zum Beispiel erst seit kurzem an. Zur ersten Entwicklungsstufe gehören auch Foto-Communities wie Flickr: Fotofreunde haben hier die Möglichkeit, Fotos in rauhen Mengen online zu stellen und sich Millionen von Bildern anderer Fotografen anzuschauen.

Entwicklungsphase 2: Podcasts und Videos

Was mit Text und Bildern funktioniert, geht auch bewegter: Mithilfe von Podcasts kann sich praktisch jeder Webnutzer seinem Publikum verbal mitteilen. In Videos kommt auch die Bildkomponente mit dazu – Wörter und Bilder lernen laufen. Der große Erfolg des Webvideos liegt vor allem in der 2005 gestarteten Videoplattform YouTube: Die einfache Bedienung, eine gute Suchmaschine, Kommentarmöglichkeit und unbegrenzter Speicherplatz sorgen seit dem Start für einen enormem Besucherandrang und für Multimedia im Web. Webvideos liegen nach wie vor im Trend; Podcasting hingegen hat den Sprung aus der Nische nie geschafft – ganz einfach, weil den Audiofreunden eine vergleichbare Plattform und Suchmaschine wie YouTube bis heute fehlt.

Entwicklungsphase 3: Alles kürzer, alles einfacher, alles vernetzter

QikAnfangs sind die Texte lang: Millionen Blogger geben in langen Beiträgen ihren Senf zum Tagesgeschehen dazu, Podcasts sind häufig länger als 20 Minuten und fordern die volle Aufmerksamkeit der Zielgruppe, ebenso wie Videos. Der Informationsstrom wird größer und schließlich zur Flut. Genau rechtzeitig im Überfluss platzt Twitter herein und begrenzt jede Nachricht auf 140 Zeichen. Eine Maßnahme, die vielen aus der Seele spricht: Man kann sich ja auch kurz fassen. Die Texte, und auch die Videos werden kürzer: Dienste wie Seesmic und 12seconds.tv werben für kurze Video-Botschaften, die nicht länger sind als ein paar Sekunden. Dies allerdings erst seit wenigen Monaten.

Twitter übernimmt aber noch einen anderen aufkommenden Trend: Das einfache Verfolgen der Nachrichten anderer Twitterer – der Gedanke des sozialen Netzwerks: Sich mit Freunden zu vernetzen, dauert fortan nicht mehr länger als ein paar Mausklicks. Und überhaupt, Freunde: Mit allen in Kontakt zu bleiben und sein eigenes Freunde-Netz aufzubauen, wird ein wichtiges Merkmal des Web 2.0. Facebook, Friendster, StudiVZ und eben auch Twitter fördern den Trend.

Entwicklungsphase 4: Alles zusammen

Das Vernetzen mit Freunden wird zum Hit und soziale Netze schießen wie Pilze aus dem Boden: Facebook, MySpace, StudiVZ, MeinVZ, Xing sowie immer mehr Netzwerke für spezielle Interessengruppen. Langsam geht die Übersicht verloren, welche Freunde eigentlich wo sind. Und so schicken sich spezielle Dienste an, all die Daten aus unterschiedlichsten Netzwerken zusammenzutragen. Soziale Aggregatoren (auch genannt: Lifestreams) wie Friendfeed und Lifestream.fm holen die Informationen von Flickr, MySpace, dem eigenen Blog oder der eigenen YouTube-Seite und stellen sie auf einer einzigen Seite zusammen. Dienste wie Ping.fm, Zannel und Utterli gehen den umgekehrten Weg: Sie aktualisieren die Profile auf allen Netzen mit einem einzigen Posting. Dass man bei diesen Diensten Meldungen schreiben und darauf kommentieren kann, ist der nächste Clou, der Blogs und Twitter Konkurrenz macht.

Entwicklungsphase 5: Alles vom Handy, von allem auf alles

ZannelBloggen, Twittern, Podcasten, Videos aufnehmen: All das wird immer mehr eine Domäne für unterwegs. Mit immer besseren Endgeräten mit Videofunktion, Fotokamera, WLAN und 3G-Datendiensten wie UMTS und HSDPA entstehen Beiträge schon unterwegs. Von unterwegs funkt man nach Hause und aktualisiert alle seine Profile im Netz. Idealerweise sogar per Knopfdruck, ohne die Herausforderung, Videos aufwändig umzukonvertieren oder erst auf dem Rechner zwischenzuspeichern. Oder mit Positionsangaben über die immer häufiger eingebaute GPS-Funktion. Egal, ob vom Handy live auf Twitter oder Facebook, ob vom Netbook, ob ein Unterwegs-Podcast, der sofort online gestellt wird: Alles wird möglich. Und welches Endgerät dabei zum Einsatz kommt, spielt eine immer kleinere Rolle. Multimedia Microblogging nennt Nextgreatthing diesen Trend. Dort befinden wir uns heute und Dienste wie Utterli, Qik und Kyte.com erobern die Welt.

Entwicklungsphase 6: Wie geht es weiter?

Mobile Allround-Geräte mit WLAN, UMTS, Videokamera und guter Tastatur stecken noch in den Kinderschuhen, aber ihnen gehört die Zukunft. Clevere soziale Netzwerke gehen deswegen dazu über, alle Medien (Bild, Ton, Text) von jeglichem Endgerät zuzulassen und alle Profile automatisch über neue Beiträge zu informieren. Wer seine Marktmacht ausnutzt und schnell auf den Überall-Trend reagiert, wird das Rennen machen. Für die Anwender bleibt zu hoffen, dass die Dienste sich öffnen und dass Profile zueinander kompatibel werden. Dann würde es keine Rolle mehr spielen, wer bei welchem Dienst registriert ist. Jeder Freund hätte nur eine Seite, auf dem all seine Aktivitäten zusammenfasst sind. Und diese Seite könnte man ansteuern wie eine Hausnummer.

Wozu dann eigentlich noch seine Daten einem Dienst wie Facebook überlassen? Vielleicht wird der Trend sogar zu einem offenen Standard gehen, wie das Protokoll Noserub ihn bereits anbietet. Damit hätte jeder die Herrschaft über seine eigenen Daten und Beiträge – und könnte sie doch jedem zur Verfügung stellen.

Blogs werden bleiben

Blogs, die Dinosaurier des Web 2.0, werden unterdessen nicht aussterben, aber ihre Bedeutung wird abnehmen. Trotz all der Konkurrenz sind sie immer noch beliebt. Nicht zuletzt deswegen, weil sie sich weiter entwickelt haben: Videos, Audios, Twitter-Meldungen, Bilder und Lifestreams – alles lässt sich in ein Blog integrieren. Und in seinem eigenen Blog darf man sich noch so lang fassen, wie man möchte – weil es eben doch manchmal sein muss.

Screenshots: utterli.com, qik.com, zannel.com

nextgreatthing.com

jv

3 Gedanken zu „Vom Blog zum Überall-Medium: Die Entwicklung des Web 2.0“

  1. Autor des Artikels ist Jürgen Vielmeier, Chefredakteur von freshzweinull. Bei weiteren Fragen schreiben Sie doch gerne an: redaktion (at) freshzweinull.de.

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