Wozu eigentlich noch Software installieren?

Riesige Softwareprogramme auf dem Rechner sind ein Ärgernis – und zum Glück ein Auslaufmodell. Denn der Trend geht hin zu schlanken Clients und zum Browser-Betriebssystem.

Die menschliche Psyche ist in der Lage, dem Körper Schmerzen zuzufügen. Jedes Mal, wenn das Office-Programm gestartet werden will, ist es wieder so weit: Die Hand sträubt sich, die Maus zu bewegen. Der Muskelapparat sackt vor Erschöpfung zusammen. Im Kopf beginnt es leise aber hart zu pochen. Wieder dieses furchterregende Textverarbeitungs-Programm starten, das gut und gerne eine halbe Minute braucht, bis es geöffnet ist. Dabei geht es doch auch anders. Am Beispiel eines Macs: Kleine Programme wie Seashore, Skype, iCal oder Adium starten im Handumdrehen. Und alles andere erledigt der Browser: Recherchieren, Programmieren, E-Mails oder Texte schreiben – dank Add-ons oder Webservices für moderne Browser alles kein Problem mehr.

Eine Office-Suite verlangt aber nun einmal viel Speicherplatz, ein Bildbearbeitungsprogramm auch. Hier sei aber einmal die Frage erlaubt, wer die Software-Dinosaurier eigentlich noch in diesem Umfang braucht? Kleinere Programme wie MacJournal bieten einige Funktionen von MS Word, die in den meisten Fällen ausreichen. Für einfaches Verkleinern oder Aufhellen von Bildern muss das Ungetüm Photoshop nicht extra “hochgefahren” werden. Dafür gibt es zahlreiche kleinere Helferlein wie Seashore (Mac) oder PhotoPlus (Windows), die einfache Funktionen übernehmen und in Sekundenschnelle starten.

Das Beispiel des Browsers zeigt, dass es sogar noch einfacher geht: Google Docs kann Dokumente und Tabellenkalkulationen öffnen und bearbeiten. Microsoft selbst arbeitet an “Office Live Workspace”, der Webversion von MS Office. Zur einfachen Bildbearbeitung im Browser gibt es etwa die Tools Pixlr, Flauntr und Picjuice – oder Photoshop Express. Es gibt FTP-Erweiterungen für den Browser und Tools zum Chatten oder Telefonieren – so wird der Browser immer mehr zum Betriebssystem.

Software-Dinosaurier noch nicht ausgestorben

Obwohl der Trend klar weg von großer Software auf dem Rechner geht: So schnell werden wir die Steinzeitfossilien wohl noch nicht los. Einige Hersteller wollen es gar nicht anders: Bei Adobe scheint man stolz darauf zu sein, dass jede neue Version von Photoshop oder dem Adobe Reader noch mehr Funktionen beherrscht, die zwar kaum jemand braucht, die aber noch einmal ein paar Dutzend mehr Megabyte an Speicherplatz fressen. Die anderen hingegen können es offenbar nicht anders: Microsoft fordert mit jeder neuen Version eines Betriebssystems mehr Leistung: mehr Festplattenplatz, mehr Arbeitsspeicher, mehr Prozessorleistung, mehr, mehr, mehr. Dabei schneidet sich Microsoft beim äußerst ressourcenhungrigen Windows Vista derzeit ins eigene Fleisch: Die Nutzer sehen es nicht ein, sich nur für das umstrittene Betriebssystem einen leistungsfähigeren Rechner zu besorgen und kaufen die Software einfach nicht.

Stattdessen boomen minimalistisch ausgestattete Netbooks, die wahlweise mit Linux oder Windows XP ausgerüstet sind. Einige Modelle des EeePC von Asus oder das Aspire One von Acer haben statt einer Festplatte einen Flash-Speicher mit nur 4, 8 oder 16 Gigabyte eingebaut. Das reicht ohnehin nicht für komplexe Software. Wichtig ist den Anwendern aber auch hauptsächlich der Internetzugang. Denn dort findet sich ja immer mehr von der Software, die man täglich braucht.

Oder gleich ganz ohne Betriebssystem

Kürzlich wurde die Frage wieder häufiger diskutiert, warum man eigentlich noch an dem Gedanken eines komplexen Betriebssystems festhält. Das Linux-System “Splashtop” ist eine interessante Entwicklung, die Windows fast komplett ersetzt. Die Zeitschrift “PC World” kürte das (unter anderem) vom Net- und Notebook-Hersteller Asus eingesetzte System zu einer der 25 besten Innovationen des vergangenen Jahres. Ohne hochzufahren startet das ins BIOS integrierte System binnen Sekunden und liefert den Zugang zu wichtigen Programmen wie Firefox oder Skype – samt Internetzugang. Man kann in dem Modus zwar nicht auf die Festplatte zugreifen, dafür aber auf externe Speicherkarten und USB-Sticks. Oder man benutzt gleich das Internet als Datenspeicher mit Clients wie Wua.la. Die Möglichkeiten sind hier noch lange nicht ausgeschöpft.

Und selbst Microsoft hat erkannt, dass Windows ein Auslaufmodell ist: Kürzlich kamen erste Gerüchte über das schlanke Betriebssystem “Midori” auf, das auf Cloud Computing setzt, den Löwenanteil der Software also über das Netz bezieht. Allerdings wird es noch einige Jahre dauern, bis das System auf den Markt kommen soll. Selbst wenn wir uns noch so lange mit großer Software herumschlagen müssen: Der Trend hin zu kleinerer Software ist unübersehbar und vor allem die Linux-Konkurrenz schläft nicht. Vielleicht wird es eine schöne Zukunft ohne Kopfschmerzen – und ohne Windows.

einfache-bildbearbeitungs-programme.de, Wua.la, nzz.ch (Splashtop), chip.de (Midori)


 
 
 
 

3 Kommentare zu “Wozu eigentlich noch Software installieren?”

  1. Google Chrome: Ein Browser und ein Hype | freshzweinull +++ - 4. September 2008 um 07:31

    [...] jetzt einen Browser – und bald vielleicht auch ein eigenes Mini-Betriebssystem wie Splashtop? Der Schritt dahin ist nicht mehr [...]

  2. Facebook wird zum Web-Betriebssystem | freshzweinull +++ - 16. September 2008 um 13:15

    [...] aufrufen. Ob das mal wieder ein weiterer Schritt hin zum Browser-Betriebssystem ist? Wenn ihr uns fragt, klare Antwort: [...]

  3. Ciao 2008, hi 2009: Die Jahresrückblickprognose | freshzweinull +++ - 8. Januar 2009 um 09:35

    [...] nicht mehr erreichbaren, verwahrlosten Nachbarn, einem illegalen Beamer-Handy, dem Ende großer Software-Suites, die Rückkehr zu den Grunzlauten und eine Krimi-Komödie namens “Das Google-Handy”. [...]