Wie zeig ich’s meinem verwahrlosten Nachbarn?
28. August 2008 - Redaktion
Im finsteren Mittelalter war die Welt noch in Ordnung. Wenn man da einen verlausten Nachbarn hatte, schwärzte man ihn einfach mit dem Stigma “vom Teufel besessen” bei der Dorfgemeinschaft an und das Problem war wenig später gelöst. In der nicht minder verlausten freien Gesellschaft konnte man sich bisher allenfalls mit bösen Gerüchten weiterhelfen, was aber schnell vor Gericht mit einer Klage hinsichtlich “übler Nachrede” endete. Gut, dass es heute das Web 2.0 gibt und seit einiger Zeit eine nützliche Seite namens RottenNeighbor.com. Dort kann man seine verwahrlosten Nachbarn an den Pranger stellen – ohne dafür belangt zu werden. Es weiß nämlich keiner, wer’s geschrieben hat.
Dass so eine Seite kommen musste, verwundert wenig. Zum einen wurde das verfügbare Kartenmaterial im Web immer detaillierter – Google Earth und Microsoft Live Search Maps sei Dank. Zum anderen lieferten Trolle und Cyberstalker in Blogs und Foren einen Vorgeschmack darauf, wie viel man unter dem Deckmantel der Anonymität gegen andere austeilen kann – ohne jemals dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Beide Trends kombiniert mit einem latenten Hass gegen seine Nachbarn vereint nun RottenNeighbor.com, eine Website die in den USA bereits für reichlich Gesprächsstoff sorgte und seit kurzem auch in Deutschland eifrig eingesetzt wird.
Blogger Robert Basic hat in der Nähe seiner Heimat nach bösen Nachbarn gesucht. Dort heißt es in abenteuerlicher Rechtschreibung:
Hier kommen die Frankfurter Assi´s, Ausländer und sontige Deppen hin. Pissen und Kacken in den Weiher, Saufen, pöppeln und cecken die Drogen ab……..Hier kann man am Wochenende nicht mehr hin gehen……….
Basic: “In anderen Fällen empfiehlt man, irgendwelchen “Drückebergen” mit Baseball-Schlägern die Fressen zu polieren, warnt vor Drogenkiffern, die die Harmonie des Mietshauses verseuchen und und und.” Basic nimmt’s mit Humor und hat seine Menschenkenntnis dabei erweitert: “Herrlich zu sehen, wie Menschen ticken, wenn man ihnen nicht namentlich in die Augen schauen kann.”
So lustig und vor allem so anonym sind leider nicht alle Beiträge, wie man in diesen Tagen in vielen regionalen Online-Magazinen lesen kann: In Schwerte werden Menschen ebenso Opfer übler Verleumdungen wie in Münster oder Berlin. Gänzlich vorbei ist der Spaß, wenn ein Unbekannter über einen Nachbarn Dinge schreibt wie “schlägt wahllos Frauen, benutzt und verarscht euch” und daneben ein Foto und vielleicht sogar noch den Namen des vermeintlichen Schlägers veröffentlicht – wie es Alexander P. aus München passiert ist. Gegen solche Verleumdungen hat man praktisch keine Chance. Die Betreiber aus San Diego in den USA interessieren sich nicht für Deutschland und halten mit der Fülle der Beschwerden und Löschanträge nicht mit. Die Seite in Deutschland sperren zu lassen, ist praktisch nicht möglich – und auch nicht gewünscht, wenn man eine Internetzensur wie in China vermeiden möchte.
Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen, hat in seiner Hilflosigkeit Google aufgefordert, RottenNeighbor.com keinen Zugriff mehr auf das Kartenmaterial von Google Earth zu gewähren. Google-Sprecher Stefan Keuchel lehnt das mit dem Hinweis auf freie Meinungsäußerung ab. Beschweren müsse man sich bei RottenNeighbor. Und Peter Schaar, der Bundesbeauftragte für Datenschutz, nennt den Dienst im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung “widerlich” und “aus unserer Sicht illegal”. Juristische Möglichkeiten gegen die US-Seite habe er aber nicht, und so müsse man wohl vorerst damit leben, wenn man nicht zur Zensur greifen wolle.
RottenNeighbor wird sich also so schnell wohl nicht verdrängen lassen, und Opfer können nur darauf hoffen, dass die Site ein ähnliches Schicksal ereilt wie viele andere: dass man sie vergisst oder dass sie in der Flut falscher Spaß-Einträge untergeht. Aber selbstverständlich wissen wir, dass Sie jetzt gleich dort nachschauen werden, um zu überprüfen, ob Sie dort schon stehen. ;) Sie oder ihr verlauster Nachbar, der dringend noch eingetragen werden muss …
Anmerkung: Wir hätten natürlich auch zu gerne herausgefunden, was unsere Nachbarn über unsere Marotten denken (bei der Arbeit Champagner trinken, mit der Equipage beim Supermarkt vorfahren …). Aber die Seite RottenNeighbor.com ließ sich heute den ganzen Tag lang nicht aufrufen. Hat man unsere Redaktion ausgesperrt oder sollte das geforderte Verbot von Schneider und Schaar etwa schon gewirkt haben?
sueddeutsche.de, basicthinking.de, ruhrnachrichten.de




[...] und viele Leser wollen das Nachbarschafts-Lästerportal offenbar direkt ausprobieren. Die Opfer wird’s wohl freuen – zumindest bis die Seite wieder [...]